Ich gebs offen zu: Ich bin überhaupt kein Fan der Fasnacht. All die Umzüge, Schnitzelbänke, Maskenbälle und sonstigen Bräuche rund um die Fasnacht sind nicht meine Welt. Klar, als Kind habe auch ich mich verkleidet und mit der Schule an einigen Umzügen teilgenommen. Angesteckt habe ich mich mit dem Fasnachtsvirus allerdings nie.

Und so wollte ich denn eigentlich auch den Auftrag ablehnen, für diese Zeitung über die «Chesslete» in Wangen zu berichten. Was sollte ich als absolutes Fasnachts-Greenhorn da schon schreiben? Doch irgendwie packte mich dann doch die Neugierde. Vielleicht würde ich ja danach endlich verstehen, was den Reiz des närrischen Treibens ausmacht.

Ganz unvorbereitet wollte ich mich dann aber doch nicht ins Fasnachtsgetümmel stürzen. Urs Hänggi, erster Zunftmeister der Wangener Bärenzunft und seit 39 Jahren aktiver Fasnächtler verpasste mir einen Crashkurs in Sachen «Chesslete» und Fasnacht. Was ich gelernt habe: Die «Chesslete» in Wangen findet seit 44 Jahren statt, markiert den Anfang der Fasnacht und mit dem lauten Umzug in den frühen Morgenstunden des schmutzigen Donnerstags, an dem alle Teilnehmer weiss gekleidet, sowie mit Zipfelmütze und rotem Band um den Hals ausgerüstet sind, soll der Winter vertrieben werden. Der Schlusspunkt der „Chesslete“ ist das Mehlsuppen-Essen. Warum allerdings ausgerechnet eine Mehlsuppe gegessen wird, konnte mir auch Urs Hänggi nicht erklären. Mehlsuppe hin oder her. Fürs erste mussten diese Informationen reichen.

Als mein Wecker am Morgen um 3.53 Uhr klingelt, verfluchte ich mich dafür, dass ich diesen Auftrag tatsächlich angenommen hatte. Gebracht hats nicht. Eine Viertelstunde später sass ich im Auto und fuhr nach Wangen. Als ich 25 Minuten vor dem Startschuss der «Chesslete» eintraf, war ich allein. Kein Mensch weit und breit. Die ersten weissgekleideten Gestalten erschienen erst wenige Minuten vor fünf. Dafür kamen sie dann gleich in Gruppen, darunter auch mehrere Primarschulklassen. «Ich finde es wichtig, dass wir den Kindern unsere Fasnachtstradition weitergeben», sagt Sonja Wochner, Lehrerin einer 3. Klasse und früher selber während 20 Jahren aktive Fasnächtlerin.

Genau um fünf Uhr setzte sich der Umzug in Bewegung. Und sogleich wurde es laut. Pfannendeckel, Rätschen, Hörner, Trommeln, Trillerpfeifen und etliche weitere, oft selbst gebastelte Instrumente hatten die Teilnehmer dabei. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt. Hauptsache laut.

Apropos laut: Am meisten Krach machte wohl die «Riesenrätsche» von Roland Rötheli. „Das ist die letzte Rätsche aus dem Gründungsjahr der Bärenzunft 1973“, sagte er stolz. Rötheli, der seit der Geburtsstunde der Bärenzunft mit dabei ist, hat viel zu erzählen. Eine Anekdote folgt auf die nächste. Er ist Fasnächtler mit Leib und Seele und engagiert sich auch seit vielen Jahren in der Clique «Bären Zwicker», in der Urs Hänggi ebenfalls Mitglied ist.

Nach 45 Minuten war meine erste «Chesslete» dann auch schon wieder vorbei. Beim Alpschulhaus gabs zum Abschluss die traditionelle Mehlsuppe. Nicht unbedingt zur Freude aller. Vor allem die Kinder hätten wohl lieber etwas anderes gegessen. Ich holte mir auch eine Portion Mehlsuppe, die wesentlich besser schmeckte als sie aussah. Neben mir am Tisch sassen Urs Hänggi, Roland Rötheli und ein paar weitere Bärenzünftler. Die ideale Gelegenheit, um endlich die Frage zu stellen, die mich am brennendsten interessierte. Was fasziniert euch an der Fasnacht? Die Antwort fiel einstimmig aus: die Gemeinschaft. Roland Rötheli führt etwas genauer aus. «Miteinander Zeit zu verbringen, die Kostüme auszuwählen, die Masken selber zu machen und die Schnitzelbänke einzustudieren, macht einfach Spass.» Sein Sitznachbar ergänzt: «Man muss aber auch etwas krank sein, um das alles über Jahre mitzumachen.» Für diesen Spruch erntete er Gelächter.

Dennoch ist für mich etwas dran an dieser Aussage. Nicht, dass die Fasnächtler nicht normal sind. Im Gegenteil. Es waren kurzweilige Stunden, die ich mit ihnen während der «Chesslete» verbringen durfte. Sie versuchten, mich mit viel Enthusiasmus für die Fasnacht mit all ihren Bräuchen und Traditionen zu begeistern und zeigten mir auf dem Smartphone  Bilder von den gemeinsamen Anlässen und den Vorbereitungen. Aber es ist dennoch eine sehr eigene Welt, in die man – so glaube ich – Schritt für Schritt hineinwachsen muss. Eine Welt, die ich noch immer nicht wirklich verstehe, aber durchaus erkenne, das sie faszinierend sein kann. Trotzdem werde ich die frühen Morgenstunden des nächsten schmutzigen Donnerstags mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit zu Hause im warmen Bett verbringen und nicht an einer «Chesslete».