Olten
Als es noch die Schandbank gab – eine Stadtführung durch Olten

Die Oltner Stadtführerin Emma Anna Studer erklärt, wie Frauen im 18. und 19. Jahrhundert lebten.

Deborah Onnis
Merken
Drucken
Teilen
Der Kirchenturm am Ildefonsplatz ist der Lieblingsort von Emma Anna Studer.

Der Kirchenturm am Ildefonsplatz ist der Lieblingsort von Emma Anna Studer.

Deborah Onnis

Der Kirchenturm am Ildefonsplatz, das ist der Lieblingsort der Oltner Stadtführerin Emma Anna Studer (61). Seit elf Jahren führt sie Gruppen durch die Altstadt und erzählt ihnen von überlieferten Berichten aus den früheren Zeiten der Dreitannenstadt.

Stars in einer speziellen Stadtführung von Emma Anna Studer sind Oltner Frauen im 18. und 19. Jahrhundert. Einige davon sind in die Geschichte eingegangen, etwa die engagierte Helferin Adele Schmid, andere hingegen werden vermutlich unbekannt bleiben.

Das macht sie jedoch nicht weniger zu Heldinnen. Heldinnen des Alltags gab es auf jeden Fall zuhauf, wie die Stadtführerin erzählt. Denn: In Olten hatte man es als Frau im 18. Jahrhundert nicht einfach.

«Es drehte sich alles nur um den Haushalt», sagt Emma Anna Studer. Damals waren viele Arbeiten der Frau schwer, sagt sie. Vor allem das Wäschewaschen. Glücklicherweise hatte man durch die Aussteuer einen grossen Wäschevorrat.

«Zudem wechselte man die Kleider und Wäsche nicht so oft wie heute.» So wurde nur zweimal im Jahr gewaschen. An der Dünnern, in den Wyden, wo das Waschhaus stand. «Und dann wurde die Wäsche bei der Schützenmatte aufgehängt, dort wo heute die Parkplätze sind.»

Grundsätzlich war die Frau damals dem Haushalt und der Kindererziehung völlig ausgeliefert. «Das war die klassische Rollenverteilung», sagt die Stadtführerin. Auch das soziale Leben der Frau wurde damals streng von der Gesellschaft geregelt.

Geheiratet wurde in der Regel im gleichen Stand. «Die Ehe wurde zu jener Zeit oft von Vätern arrangiert.» Mit der Heirat ging die junge Frau von der Abhängigkeit des Vaters zur Abhängigkeit des Ehemannes über.

Auffällig war die Zahl der Abtreibungen. Viele junge Frauen arbeiteten als Mägde in wohlhabenderen Familien. Nicht selten nahmen sich die jeweiligen Arbeitgeber gewisse zusätzliche Rechte. Ungewollte Schwangerschaften kamen so nicht selten vor.

Ein uneheliches Kind war eine grosse Schande. «So musste zum Beispiel eine schwangere Magd aus Dulliken während dreier Monate an der Messe in der Oltner Kirche auf einem sogenannten Schandbänkli sitzen.

Damit wurde sie öffentlich an den Pranger gestellt. «Ihre Zukunft war praktisch ruiniert.» Wurde aber eine Bürgertochter ungewollt schwanger, stand sie oft unter Schutz der Familie und konnte sich die öffentliche Blossstellung sparen.

Die Mutter der erwähnten jungen Magd von Dulliken konnte die Tortur nicht mehr ansehen und beschwerte sich öffentlich, dass ihre Tochter so bestraft wurde, obwohl sie nicht die Einzige war mit einem unehelichen Kind.

Trotzdem musste die Tochter die Strafe absitzen. Der Vater des Kindes blieb unangetastet. «Und diese Ungerechtigkeit hatte die Frau einfach ertragen», sagt Emma Anna Studer. Auch mit dem Tod sei man damals anders umgegangen als heute.

«Der Tod war, im Gegensatz zu heute, kein Tabu», sagt sie. Man habe damit regelrecht gelebt. So vergingen zwischen dem Todeszeitpunkt und der Beerdigung drei Tage. «In dieser Zeit hat man den Leichnam zu Hause aufgebahrt und konnte richtig Abschied nehmen und den Verlust realisieren und ihn dementsprechend verarbeiten», sagt sie.

«Früher ging man mit Schicksalsschlägen ganz anders um als heute.» Man habe voll auf Gott vertraut und jede Sorge einfach bei ihm deponiert. Die Kirche war damals der Ort, an den sich vor allem Frauen zurückzogen und dort mit Gott über ihre Sorgen sprachen.

Ganz im Stil: «Gäu, du luegsch.» Aus diesem Grund mag die Stadtführerin den Kirchenturm am Ildefonsplatz so gerne. Emma Anna Studer: «Er erinnert mich daran, wie Frauen damals mit ihren Problemen umgegangen sind und wie viel Kraft sie aus ihrem Glauben gewinnen konnten.»