Hammerschlag diese Woche in Olten: Der Stromkonzern Alpiq gab bekannt, er sehe sich veranlasst, wertvolles Tafelsilber zu verkaufen, um Schulden abzubauen, um Liquidität zu erhalten und damit kapitalmarktfähig zu bleiben.

Konkret: Alpiq verkauft ihr ganzes Industriegeschäft für 850 Millionen Franken an den französischen Baugiganten Bouygues. Das bedeutet: Der französische Baukonzern übernimmt die Bereiche Industrial Engineering sowie die Energieversorgungs- und Verkehrstechnik und die Gebäudetechnik (Alpiq InTec), in denen im vergangenen Jahr von 7650 der insgesamt 9200 Alpiq-Beschäftigten über 2 Milliarden Umsatz erwirtschaftet wurden. Damit wird Alpiq zum reinen Stromversorger.

Die «Handelszeitung» schreibt von einem «wirtschaftlichen Trauerspiel, dessen Dimensionen nur vergleichbar sind mit dem Swissair-Grounding und der UBS-Rettung». Und die «NZZ» hält nüchtern fest: «Alpiq hat das grossspurige Anbenteuer, aus dem grössten Schweizer Energiekonzern einen europäischen Champion zu formen, noch vor Erreichen des zehnjährigen Bestehens abgeblasen.»

Hoffnungen verflüchtigt

Sei dem, wie es wolle: Auf jeden Fall befindet sich der Alpiq-Phoenix, dem vor rund neun Jahren die Oltner Atel und die Lausanner EOS Flügel verleihten, auf einem Aschenflug. Die Vision vom grossen Power-Haus, wie sie an der denkwürdigen letzten Aktionärsversammlung der Atel vom 27. Januar 2009 in Olten proklamiert wurde, ist entschwunden.

Die damalige Hoffnung, die Erfolgsstory des einstigen Oltner Traditionsunternehmens möge in der Alpiq fortgeschrieben werden, hat sich verflüchtigt. Aus dem Schweizer Stromriesen mit über 10'000 Mitarbeitenden, 16 Milliarden Umsatz und 1,8 Milliarden Betriebsgewinn wird nun ein Restgebilde mit etwa 1500 Stellen und zirka 250 Millionen Betriebsgewinn vor Steuern.

Ursachen des Alpiq-Abstiegs

Der Abstieg der Alpiq begann allerdings viel früher. Vor allem die Folgen der Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 brachten die grossspurigen Strategien des damaligen Konzernchefs Hans W. Schweickardt durcheinander: Atomausstieg, Energiewende, Markteingriffe und -verzerrungen durch die Politik.

Die wirtschaftlichen Realitäten veränderten sich auch durch die Liberalisierung auf dem Strommarkt und die Eurokrise. Neben schwindenden Energiepreisen machte der Alpiq unter anderem auch eine riesige Schuldenlast aus der Abgeltung von Energieanlagen der EOS in Milliardenhöhe zu schaffen.

Im Nachhinein musste man hier bald feststellen, dass die Atel von der EOS über den Tisch gezogen wurde. Unter Druck des Energiemarktes mussten milliardenschwere Wertberichtigungen vorgenommen werden. So entstand in der Alpiq-Finanzpipeline eine Sogwirkung, welche durch die erwähnten nicht vorhersehbaren Entwicklungen noch verstärkt wurde.

Hier trägt die ehemalige Führungscrew der Alpiq eine Mitverantwortung, denn Unternehmensstrategien müssen bei der Risikoabwägung immer auch Eventualitäten mitberücksichtigen. Führungspersonen haben stets das Undenkbare zu denken und einzubeziehen. Dafür werden sie entsprechend bezahlt.

Konsequenzen für Olten

Dass die Alpiq sukzessive zurückbuchstabieren musste, bekamen ab 2012 auch der Kanton Solothurn und die Stadt Olten zu spüren. Die Steuerquelle, die in guten Jahren für Kanton und Stadt bis auf je über 30 Millionen Franken anschwoll, versiegte. Vor allem für die Stadt Olten hatte das schwere Konsequenzen.

Sie musste den Gürtel enger schnallen. Gleichzeitig musste man in Olten zur Kenntnis nehmen, dass der ehemalige EOS-Chef Hans E. Schweickardt, der im September 2011 als Nachfolger des Atel-Mannes Giovanni Leonardi das Zepter der Alpiq übernahm, die Führungsetagen mehr und mehr durch EOS-Leute besetzte. Nach dem Ausscheiden von Finanzchef Kurt Baumgartner per Ende September 2012 war kein einziger «Atelianer» mehr in der Geschäftsleitung vertreten. So schrieb etwa auch die «Handelszeitung», «die Fusion von Atel und EOS entpuppt sich als Machtübernahme der Romands».

Zusammen mit den Franzosen, den Vertretern der Électricité de France SA (EDF) im Verwaltungsrat, vermochten sie die Macht an sich zu reissen. Die zu sehr auf Political Correctness bedachten, braven Deutschschweizer auf dem Führungsdeck waren der Filou-Mentalität der Franzosen nicht gewachsen.

Sie wurden zuvor bereits überrumpelt von der UBS und deren Ansinnen, als grösste Atel-Aktionärin ihre Beteiligungen abzustossen. Es folgte ein chaotischer Verkaufsprozess, der zum Zerfall des alten Machtnetzwerkes in der Atel und schliesslich zur Fusion mit der EOS führte.

Unglaubwürdiges Hin und Her

Man hatte sich bereits damit abgefunden, dass Alpiq Kanton und Stadt keine Steuern mehr abliefert, als die Region Olten durch den Verkauf der Avag-Aktien durch die Alpiq per 7. Juli 2016 die Finanzprobleme des Stromkonzerns neu zu spüren bekam. Vor allem die Alpiq InTec schien und scheint auf gutem Kurs zu sein.

So war etwa vor einem Jahr zu hören: Alpiq richtet ihre industriellen Geschäftstätigkeiten konsequent entlang der neuen Kundenbedürfnisse aus und schafft Strukturen für zukünftiges Wachstum. Digitalisierung und intelligente Vernetzung dezentraler flexibler Energiesysteme, Smart Buildings und E-Mobility, Industrieanlagenbau und Kernkraftrückbau seien Wachstumsfelder, in denen Alpiq bereits heute erfolgreich positioniert sei.

Im Oktober 17 war zu vernehmen: Alpiq wird zur Nummer 1 in der Fahrleitungstechnik in Europa. Und diesen Monat konnte das Unternehmen verkünden: Alpiq gewinnt Auftrag bei Modernisierung des italienischen Eisenbahnnetzes. Das zeigt: Jetzt wird verkauft, was noch vor kurzem als Teil der Problemlösung bei Alpiq betrachtet wurde. Dafür behält das Unternehmen die Stromproduktion, die Alpiq noch vor kurzem zum Teil abstossen wollte, ebenfalls als Beitrag zur Lösung der Finanzprobleme.

Auch wenn die Gründe nachvollziehbar sind, wirkt das Ganze nicht sehr glaubwürdig. Doch der Deal mit Bouygues spült 850 Millionen Franken in die Alpiq-Kasse. Übrigens: Auch der Avag-Verkauf hat 312 Millionen eingebracht. Der Verkauf des wertvollen Familiensilbers macht deutlich, wie enorm die Finanzprobleme bei der Alpiq sind.

Staiblin: Neuorientierung?

Apropos Glaubwürdigkeit: Vor gut drei Wochen hatte der Versicherungskonzern Zurich mitgeteilt, Jasmin Staiblin als neue Verwaltungsrätin nominiert zu haben. An der Medienkonferenz vom Montag gab die Alpiq-Chefin dann ihren Rückzug dieser Kandidatur bekannt: «Die Transaktion mit Bouygues hat absolute Priorität.»

Das macht stutzig, schliesslich ist davon auszugehen, dass Staiblin bei Annahme der Kandidatur Kenntnis vom bevorstehenden Deal mit den Franzosen und der ohnehin angespannten Lage bei der Alpiq hatte. Was hinter dem Rückzug der Kandidatur stehen könnte, glaubt die «Handelszeitung» zu wissen: Staiblin wurde unter Druck der Aktionäre zum Verzicht gedrängt.

Weil die Alpiq-Chefin bereits zwei externe Verwaltungsrats-Mandate (Rolls-Royce und Georg Fischer) ausübt, hätte Alpiq für die Ambitionen der obersten Chefin die eigenen Statuten anpassen müssen. «Präsident Jens Alder spürte den Druck seiner Aktionäre, welche die Statutenänderung abgeschmettert hätten», schreibt die «Handelszeitung».

Wie freiwillig der Rückzug Staiblins war, bleibt offen, immerhin verzichtet sie bei Zurich auf ein Verwaltungsratshonorar von rund 450'000 Franken pro Jahr. Doch Jasmin Staiblin muss noch lange nicht am Hungertuch nagen, schliesslich gewährt ihr der Alpiq-Verwaltungsrat ein Gehalt von 2 Millionen Franken.

Das Streben von Jasmin Staiblin nach neuen Mandaten könnte auch darauf hinweisen, dass sie sich neu orientieren möchte. Und die «NZZ» liefert bereits eine Begründung für die Neuorientierung: «Auf die Leistung, Alpiq bisher vor dem Absturz bewahrt zu haben, darf die Konzernchefin stolz sein. Für die Führung der redimensionierten Alpiq sind dann wohl andere Stärken gefragt.»

Bleibt Olten Alpiq-Headquarter?

Wir werden sehen, wer den Alpiq-Phoenix auf seinem gefährlichen Aschenflug wohin steuert. Hoffentlich kann er sich einer Veraschung entziehen. Der Alpiq InTec ist zu wünschen, dass sie im französischen Grosskonzern nicht aufgesplittet wird.

Und für den Kanton Solothurn und die Stadt Olten ist zu hoffen, dass sich die Rest-Alpiq in zwei Jahren unter Führung der Romands nicht vollständig nach Lausanne verabschiedet. Dann läuft nämlich die Standortvereinbarung, die Olten als Alpiq-Headquarter sichert, ab.

beat.nuetzi@azmedien.ch