Eines will Alex Capus gleich zu Beginn des Gesprächs klarstellen: Die Schauplätze seines neuen Romans sind kein 1:1-Abbild von Olten. Sondern sie entsprechen dem «Stadtplan seiner Seele», den er als Schriftsteller frei gestaltet habe. «Das Typische der Kleinstadt ist nicht exklusiv auf Olten bezogen», sagt er, «sondern findet sich überall.»

Trotzdem: Für Einheimische bietet «Das Leben ist gut» übers Lesevergnügen hinaus halt doch den besonderen Reiz, dass man das Buch sozusagen durch die Oltner Brille lesen kann und immer wieder auf Bekanntes stösst: Kirchgasse und Munzingerplatz, Konradstrasse und Ringstrasse, die Altstadt, das sich rasch entwickelnde Bahnhofsviertel, die Rosengasse – alles ist da und anschaulich beschrieben, wenn auch oft etwas «verschoben».

Den Bach gibts tatsächlich

Da ist zum Beispiel der wunderbare, mit einem inneren Monolog verwobene Abschnitt über den «duldsamen alten Mühlebach, der hier einst munter über die Wiese plätscherte und jetzt drei Meter unter dem Asphalt in einem Betonrohr dem Fluss entgegenfliesst in ewiger Nacht».

Den Bach gibt es tatsächlich: Wenn er im Mühletal nach langem Regen über die Ufer trete, schreibt Capus, dann suche er sich unter den Strassen der rechten Stadtseite aus dem Betonrohr den Weg ins Freie, «Waschküchen werden überschwemmt, gusseiserne Kanalisationsdeckel aus ihren Rahmen gehoben und ganze Strassen in Sturzbäche verwandelt».

Capus verortet den Bachlauf unter die Unterführungsstrasse. In Wahrheit schiesst er weiter westlich aus seinem Betonrohr in die Aare, gut sichtbar etwa für Aareschwimmer, die beim Chessiloch in den Fluss steigen.

In einem anderen Kapitel nimmt uns «Max» auf seinem Velo mit ins Quartier, wo sein Freund «Miguel» und auch er selbst zu Hause sind. «Hier stehen bescheidene, aber selbstbewusste Reihenhäuser aus der Zwischenkriegszeit, gebaut von Eisenbahnern, die lebenslang einen zwar kleinen, aber sicheren Beamtenlohn hatten», steht im Buch.

Die Häuser haben ausladende Ziegeldächer, solides Doppelschalenmauerwerk und jedes einen Windfang mit Kupferdach beim Eingang. In den Vorgärten wachsen Tulpen, und hinter den Häusern gibt es «grosse Gärten, in denen die Eisenbahnarbeiter nach Dienstschluss ihre Kartoffel- und Bohnenbeete pflegten».

Unschwer stellen Ortskundige fest, dass hier vom Schöngrund die Rede ist – nicht als «Villenquartier» verzerrt, sondern in seinem, wie Capus sagt, «mehrheitsfähigen Charakter». Erbaut wurden die Häuser allerdings nicht zwischen den Kriegen, sondern bereits Ende des 19. Jahrhunderts durch den Gastwirt und Bauunternehmer Constantin von Arx (1847–1916): Gemäss Historischem Lexikon der Schweiz schuf dieser ganze Strassenzüge aus Einfamilienhäusern und gab Olten das Gepräge einer Gartenstadt.

Rechte Aareseite

Viel Raum widmet Capus der rechten Aareseite, wo an der Unterführungsstrasse seine Galicia-alias-«Sevilla»-Bar beheimatet ist: «Trotzig steht das Häuschen an seinem Platz seit bald hundert Jahren, während ringsum die Bürotürme alle paar Jahrzehnte niedergerissen und wieder hochgezogen werden.»

Die Entstehung dieses Hauses mit dem charakteristischen Satteldach hat der Schriftsteller anhand alter Baupläne präzise recherchiert. Darum herum hat er um den Erbauer, einen jungen Malermeister namens Jules Weber, eine drollige Geschichte gewoben, die sich möglicherweise so zugetragen hat – oder eben auch nicht.

Überhaupt, die Figuren: Sie seien – obwohl realen Personen nachempfunden – literarisch verfremdet, beteuert Capus, «bigger than life» wie im Kino. Das gilt allen voran für den Ich-Erzähler «Max», in dem man unschwer Alex Capus selbst erkennt, der aber wohl doch nur eine Version des real existierenden Schriftstellers und Barbetreibers ist.

Dasselbe gilt für «Ismail», den traurig-rastlosen Türken, oder für Stierkopf-Besitzer «Miguel», der spanischer ist als ein Spanier jemals war, oder auch für den abscheulichen «Herrn Wiedehopf», der ein nobles Bestattungsunternehmen führt und nebenbei Bordelle betreibt.

Auch beste Freunde: nur Menschen

Auch ein «bester Freund» kommt vor – gemünzt auf Capus’ ehemaligen Kumpel und Geschäftspartner Werner De Schepper, heute Co-Chefredaktor bei der «Schweizer Illustrierten». «Max» erzählt der Leserschaft das Zerbrechen dieser Freundschaft, nachdem «Mark», wie er im Buch heisst, seine Frau verlassen und sich in eine Jüngere verliebt hat: «Ich war fassungslos und trauerte nicht viel anders als wie um eine verlorene Braut.»

Es ist eine der wenigen wirklich traurigen Stellen im Buch. Der reale «Max» alias Alex ist indes ein ziemlich fröhlicher Zeitgenosse. Und im Unterschied zu manchen Oltnern sieht Capus angesichts der Stadtentwicklung keinen Grund zum Jammern, im Gegenteil: «Das Städtchen hat sich in den letzten Jahren doch ganz ordentlich gemacht», meint er. Vor allem das Bifang gefällt ihm: Fachhochschule, SBB, die neuen Plätze und Überbauungen, dazu die Multikulti-Geschäfte – all dies sei angenehm und sehr urban.

«Es gibt Leute, die in die Metropolen reisen auf der Suche nach einem solchen Mix. Und dann kommen sie nach Hause und sind erstaunt, dass sie genau dies in Olten finden.»

Alex Capus: Das Leben ist gut; Hanser Verlag. Vernissage im «Kaufleuten» in Zürich: 6. September, 20 Uhr (Türöffnung ab 19 Uhr). Derzeit ist keine Lesung in Olten vorgesehen.