Gunzgen
Adieu nach 28 Dienstjahren: «Der Ruhestand ist nicht beunruhigend»

Nach 28 Dienstjahren sagt Gemeindeverwalter Hansjörg Steiner schon mal halbwegs Adieu: Er bleibt der Einwohnergemeinde Gunzgen zwar noch ein bisschen erhalten; aber zumindest ein halblautes Adieu ist gesagt – altershalber, wohlverstanden.

Urs Huber
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Hansjörg Steiner, Gunzgens Gemeindeverwalter, ist seit dem 1. Juni im Vorruhestand. Bruno Kissling

Hansjörg Steiner, Gunzgens Gemeindeverwalter, ist seit dem 1. Juni im Vorruhestand. Bruno Kissling

Bruno Kissling

Hansjörg Steiner (1952) ist seit gestern Mittwoch nicht mehr operativ als Gemeindeverwalter aktiv. Eine Tätigkeit, die er 28 Jahre unter dem Etikett «all in one» ausfüllte; was so viel heisst wie: die Arbeit des Finanzverwalters und des Gemeindeschreibers in Personalunion erledigen. «Davon gibts nicht mehr viele», sagt Steiner.

1987 war er zum ersten vollamtlichen Gemeindeverwalter Gunzgens gewählt worden, nachdem er vier Jahre zuvor als Städter ins Dorf gezogen war. «Gunzgen – das ging gerade noch, weil das nicht allzu weit weg von Olten liegt», lacht er heute.

Nun wirkt Steiner noch im 20-Prozent-Pensum bis Mai 2017 im Hintergrund, bis Nachfolger Marco von Arx seine Ausbildung abgeschlossen hat. Ob ihn der Gedanke nach «Steiner im Ruhestand» beunruhigt? «Nicht wirklich», gibt der Vater zweier erwachsener Töchter und Grossvater zu verstehen. «Ein Leben ohne feste Agenda, darauf freue ich mich. Dass sich dann daraus das eine und andere wie von selbst ergibt, ist klar.»

Töfflibueb und lange Mähne

Hansjörg Steiner war, logisch – nicht immer Finanzverwalter. Wer aber einen Blick in seine Vergangenheit wirft, erkennt: Sein Gütesiegel steht für Vielseitigkeit. Dem Besuch des Wirtschaftsgymnasiums in den späten Sechzigerjahren folgte eine einjährige Zusatzlehre zum Kaufmann. Eisenlegertätigkeit, Bauarbeiter. «Studieren wollte ich nicht», erinnert sich der Mann, der in Olten während einiger Jahre auch aktiv Eishockey spielte, in rebellischen Phasen die Haare so trug, dass diese das Prädikat «lang» wirklich verdienten, mit dem frisierten Zweigangtöffli unterwegs war und dem legendären Oltner Stadtpolizisten Viktor Zeltner aus dem Weg zu gehen versuchte.

Erst mochte er die Beatles, die Bee Gees, später «das Gröbere, Ungeschliffenere», wie er sagt: die Rolling Stones oder Steppenwolf etwa. Steiner trampte, reiste per Autostopp, fuhr auf einer Kreidler Florett von Olten nach London. «Damals ging das alles noch», sagt er ohne jede Verklärung. Andere Zeiten halt.

Selbst ans Auswandern dachte der junge Mann damals. Dass er einst Gemeindeverwalter würde, hätte er nicht gedacht, das gesteht er gerne ein. «An so was denkt man in einer solchen Lebenssituation überhaupt nicht», räumt er ein und beantwortet die Frage, ob seine Karriere eigentlich ein Zufallsprodukt sei, mit einem schnörkellosen «Ja, ich glaub’ schon».

Stopp bei Usego und Aeschlimann

Bevor er in Gunzgen beruflich Fuss fasste, wirkte er noch bei der Usego, später bei der Aeschlimann AG in Zofingen, stets in gut dotierten, verantwortungsvollen Positionen. Die Gunzger Stellenausschreibung schliesslich setzte der betrieblichen Hektik in Zofingen ein Ende: «Ich wusste, so etwas weder ein Arbeitsleben lang ertragen zu können noch zu wollen», bilanziert er diesen beruflichen Schnitt.

Fortan also war er Gemeindeverwalter. Dass er dieses Amt fast drei Jahrzehnte ausfüllen würde, war auch nicht in seiner Planung verankert. «Damit hätt’ ich nicht gerechnet», sagt er heute. Und dass er im Laufe seiner Gunzger Zeit hin und wieder an einer neuen Herausforderung rumstudierte, verhehlt er ebenfalls nicht.

Ein Kulturschock

Fast drei Jahrzehnte hat Steiner gewirkt, und die Frage, ob irgendeines der Gunzger Jahre als besonders bemerkenswert in Erinnerung geblieben sei, beantwortet er lapidar: «Eigentlich nein.» Das grösste Projekt sei womöglich die Realisierung der neuen Gemeindeverwaltung gewesen, findet er. Im Übrigen sei Gunzgen unkompliziert. Zweckmässigkeit dominiere, der Sinn für Tand und irgendwelche Ausschweifungen fehle.

In dem Dorf, wo man früher fast ausschliesslich Marbet, Aerni oder Fürst hiess, wird eben Notwendiges von Wünschbarem unterschieden. So was kommt Steiner entgegen. Denn er findet auch, weniger sei manchmal mehr. Der Werbespruch «Reduce to the Max» könnte von ihm stammen. «Keep it simple» ebenfalls.

Den Seinen hat er an der letzten Rechnungsgemeindeversammlung das neue Rechnungslegungsmodell HRM2 auf ganz einfache, wenn auch unakademische Art, erklärt: Das sei zu vergleichen mit einem neuen Portemonnaie mit viel mehr einzelnen Fächern; bloss die Geldsumme bleibe die gleiche. Typisch für Steiner.

Es kommt viel zurück

Natürlich hat ein Gemeindeverwalter beruflich auch viel mit Menschen zu tun, wird Zeuge von Veränderungen im öffentlichen Leben, zieht daraus seine Schlüsse. «In Gunzgen ist man unkompliziert», sagt Steiner. Die Leute seien ihm vertrauensvoll begegnet. «Man hilft Bewohnerinnen und Bewohnern beim Ausfüllen der Steuererklärung, beim Umgang mit Behördenstellen, ist überhaupt in ganz vielen Lebenslagen behilflich.» Der Gemeindeverwalter als Sorgentelefon und dargebotene Hand, schon wieder eine Personalunion.

Es komme auch viel Wertschätzung zurück, weiss der einstige Töfflibueb. Das alles werde ihm, wie er vermute – in Zukunft wohl schon ein bisschen fehlen, die vielen sozialen Kontakte. Und was stellt Steiner als Beobachter der dörflichen Gemeinschaft fest? Immer weniger Leute sind bereit, ein öffentliches Amt zu bekleiden. «Ansehen und Wertschätzung für Tätigkeiten dieser Art haben doch sehr nachgelassen», bedauert er. Die zunehmende Individualisierung greift jetzt auch nach Dörfern, wo Vereine bislang auf ein ziemlich stabiles Fundament zählen konnten, mittlerweile aber auch um ihr Fortbestehen kämpfen müssen.

Bald steht der Ruhestand vor der Tür. Steiner ist kein Naturell, das ohne Aufgabe, und seis eine selbst auferlegte, auskommt; keine Bange also. Und verloren geht er auch nicht. Dass er sich zwischendurch noch die Qualifikation als Buchhalter holte, erwähnt er am Rand. Und dass er heute vielleicht Astronomie studieren würde, sagt er im Nebensatz. Aber dass er als Städter in Gunzgen angekommen sei, das formuliert er mit einem Hauptsatz.

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