Hägendorf/Sansibar

Adam im Gewürzparadies: Wie ein Hägendorfer Jurist als Geschäftsmann in Ostafrika strandete

Gemeinsam mit den Bauern Iddi Hassan und Said Bakari begutachtet der Hägendörfer auf der Insel Pemba die geernteten Nelken.

Gemeinsam mit den Bauern Iddi Hassan und Said Bakari begutachtet der Hägendörfer auf der Insel Pemba die geernteten Nelken.

Auf der Insel Sansibar stillt Raphael Flury im Gewürzhandel seinen Durst nach Emotionen und seine Abenteuerlust.

Chake-Chake auf der Insel Pemba, mehrere hundert Kilometer südlich des Äquators. 30 Flugminuten nördlich der Trauminsel Unguja, der anderen Hauptinsel des Sansibar-Archipels. Stromausfall. Raphael Flury sitzt im stockdunklen Hotelzimmer. Einzig sein Handy spendet ihm ein bisschen Licht. Auch das 4G-Symbol hält nicht lange, was es verspricht. Von draussen dringt frischer Nelkenduft in sein Zimmer. Die Erntesaison steht kurz bevor. Per Whatsapp-Anruf erzählt der 27-Jährige seine Geschichte. Die Geschichte, die aus dem Hägendorfer Juristen den Managing Director einer Gewürzproduktions- und Handelsgesellschaft im Schatten des afrikanischen Kontinents machte.

Vier Jahre ist es her, als Flury sich mit dem Jura-Bachelor in den Händen eine Auszeit gönnt. Als Weltenbummler sucht er das Weite, zieht unter Backpackern durch Zentralamerika, besucht anschliessend New York. In der Stadt, die niemals schläft, will der Hägendörfer sein Afrika-Abenteuer lancieren.

Als ihm bewusst wird, dass in Südafrika der Winter Einzug gehalten hat, ändert er kurzerhand seine Pläne. Mit dem nächstbesten Flug in eine wärmere Region landet er via Zürich in Daressalam, der wirtschaftlichen Hauptstadt Tansanias. Raphael Flury will das Land mit dem öffentlichen Verkehr bereisen und in den Southern Highlands drei Tage auf einer Kaffeefarm mithelfen, um selbst zu lernen, wieviel Arbeit und Leidenschaft hinter einem Schluck Espresso steckt. Dort angekommen, verpflichten ihn die Schweizerisch-Tansanianischen Direktoren aufgrund eines Personalausfalls kurzerhand als Manager ad interim für die bevorstehende Kaffee-Ernte. Aus dem angedachten dreitägigen Einsatz werden drei Schlüsselmonate im Leben Flurys. In diesen lernt er nicht nur, dass sein Espresso aus einer einst roten Kaffeekirsche entsteht, sondern entdeckt seine Leidenschaft für Produkte mit Emotionen. «Ich erhielt unmittelbare und ehrliche Einblicke ins ländliche Leben Tansanias», erinnert sich Flury. «Es war sehr intensiv.»

Ein Anruf aus Deutschland

Das Tansania-Abenteuer lässt Flury nicht mehr los und begleitet ihn auch noch, als er in sein strukturiertes Schweizer Leben zurückkehrt. Flury schliesst den Jura-Master ab, arbeitet in einer renommierten Zuger Kanzlei, ist glücklich verliebt.

Und dann klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist der deutsche Unternehmer Michael Haentjes. «Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mich um seine Ostafrika-Geschäfte zu kümmern», erinnert sich Flury an das Gespräch vor rund 19 Monaten. Haentjes hatte von Flurys erfolgreichem Intermezzo auf der Kaffeefarm erfahren und wollte, dass der Jurist als Managing Director die Zanj Spice Ltd. auf Sansibar übernimmt. Im vergangenen Januar tauscht der Hägendörfer den sicheren Hafen in der Schweiz gegen einmalige Erfahrungen auf der Gewürzinsel ein. «Ich wollte schon immer zu jenen gehören, die in jungen Jahren etwas riskieren», sagt Flury.

Zehn Monate sind ins Land gezogen. Raphael Flury fliegt mit einer Cessna Caravan von Unguja nach Pemba. Dort plant er mit seinen Farmer-Kooperativen die anstehende Nelkenernte. Zudem gilt es die jüngste Zimternte für den Export nach Europa ins Hauptlager zu verschieben.

So etwas wie Alltag kennt der junge Geschäftsmann nicht. Sein neues Leben bewegt sich zwischen Weltwirtschaftsmarkt, Europareisen, der Grossstadt Daressalam, der historischen Altstadt Stone Town und den paradiesischen Gewürzwäldern Pembas. Sprachlich bewegt er sich zwischen Englisch, Deutsch und Swahili.

Gemeinsam mit seiner Schweizer Partnerin lebt er im Unesco-geschützten Stone Town in unmittelbarer Nähe des Sultan-palasts von Sansibar. Wie alle Einheimischen besorgt Flury seine Nahrungsmittel auf dem lokalen Markt, denn Supermärkte gibt es nicht. «Mittlerweile wissen wir, welche ‹Mama› die besten Tomaten hat, wo du Eier mit Eigelb kriegst, und an welchem Haken das beste Fleisch hängt», sagt Flury. Alle älteren Frauen sind «Mamas». Die gleichaltrigen sprechen sich als «Dada» und «Kaka», zu Deutsch Schwester und Bruder an, berichtet der Hägendörfer von der herzlichen Gesellschaft. In Sansibar leben Menschen aller Hautfarben – Moscheen, Hindutempel und Kirchen gehen Hand in Hand. Nach acht Monaten hat Flury sich in der neuen Kultur zurechtgefunden. Das Gemüse schneide er zu Hause aber noch immer mit dem Victorinox-Messer. Heute erfreut er sich an kleinen Dingen wie einen funktionierenden Kühlschrank.

Bio als Identifikation

In seinem ersten Jahr in Ostafrika kommt Flury kaum zur Ruhe. «Ich bin mit vollem Elan eingestiegen», sagt er. Die 2012 gegründete Firma tritt nach aussen hin als «1001 Organic» auf. Es ist das einzige EU-biozertifizierte Unternehmen mit Sitz auf Sansibar. Darauf ist der Schweizer besonders stolz. Im Kontrast zur verschwiegenen Gewürzbranche, die vielerorts von Handelsdynastien und Monopolen dominiert sei, setzt der Hägendörfer auf ein alternatives Konzept: «Ich versuche, eine neue Ära einzuläuten, indem ich auf Transparenz setze.» So ermöglicht sein Unternehmen die Rückverfolgbarkeit bis hin zu Farmer und Feld. Damit will er dem Kunden ein authentisches Gewürz-erlebnis bieten. Flury trifft mit seiner Strategie den Nerv der Zeit. Er konnte mit einer Handvoll Grossunternehmen, deren Namen er nicht verraten darf, Handelsverträge abschliessen. Trotzdem besetzt 1001 Organic derzeit nur eine kleine Nische im Weltmarkt.

Die Gewürzfirma kooperiert mit rund 40 biozertifizierten Bauern, handelt mit Pfeffer, Zimt, Muskat, Vanille, Kardamom und Nelken. Zu schaffen machte Flury im Zusammenhang mit seinen Bio-Produkten die Kontamination durch Insektizide. Weil Sansibar einst als Malaria-Insel galt, kämpften NGO massiv gegen die Moskitos an. An Roundtable-Meetings mit allen staatlichen und privaten Akteuren erwirkte Flury die notwendigen Bedingungen, damit Zanj Spice Ltd. kontaminationsfreies Premium-Gewürze anbieten kann. Die Bauern schufen dafür neue Verarbeitungsplätze. In den letzten hundert Jahre trockneten sie ihr Gewürze am Strassenrand.

Auf die dunkle Nacht folgt auf der Insel Pemba ein regnerischer Morgen. Die kleine Regenzeit hat begonnen. An Arbeit auf dem Feld ist nicht zu denken. Raphael Flury bleibt somit Zeit für administrative Arbeiten in seinem improvisierten Busch-Büro. Das nächste Projekt: Ein mittelgrosses Unternehmen im Getränkesektor, das er zwischenzeitlich in Dar es Salaam gegründet hat. Am Nachmittag reisst der Himmel doch noch auf. Der Nelkenduft überzieht die Insel von Neuem. Die Farmer rollen ihre Trocknungsmatten aus. Es kann mit der Ernte weitergehen.

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