Frauenstreik

1991 versus 2019: Die Oltnerin, die in New York streikt

Anna-Lena Schluchter 1991: Mit fast zwei Jahren in Olten am Frauenstreik. 2019: Mit 29 Jahren an ihrem derzeitigen Wohnort New York.

Anna-Lena Schluchter 1991: Mit fast zwei Jahren in Olten am Frauenstreik. 2019: Mit 29 Jahren an ihrem derzeitigen Wohnort New York.

Gleichstellung und Feminismus: Anna-Lena Schluchter kämpft dafür, seit sie ein kleines Mädchen ist.

Unbekümmert steht sie da. In der rechten Hand eine Banane, mit der linken umklammert sie einen Ballon. Zusammen mit rund 500 Oltnerinnen und Oltnern schrieb sie an diesem Tag Geschichte: Es war der 14. Juni 1991.

Das Mädchen ist heute 29 Jahre alt. An den Tag vor 28 Jahren erinnert sie sich nur schwach: «Meine Mutter hat mich damals mitgenommen. Sie ist eine starke Frau und überzeugte Feministin. Darum war es wohl selbstverständlich für sie, dass wir an den Frauenstreik gingen», erzählt Anna-Lena Schluchter aus New York. Und fügt schnell an: «Mein Vater war übrigens auch dabei.»

Das Schwarz-Weiss-Foto von 1991 begleitet sie seither. Ihr Vater, er ist Historiker, habe es in einem Buch zur Oltner Geschichte im Kapitel zur Frauenbewegung verwendet. Eingerahmt stehe es auch auf seinem Schreibtisch. «Das Foto symbolisiert, dass dieser Funke zum Kampf für gleiche Rechte, Anerkennung, Respekt und Fairness schon von klein auf in mir drin war.» Schliesslich sei sie Feministin. Schluchter: «Das ist ein wichtiger Teil meiner Identität.»

Olten, Genf, New York

Nicht nur privat, sondern auch beruflich setzt sich die gebürtige Oltnerin seit Jahren für die Gleichstellung von Frau und Mann ein. Schliesslich führte ihr Werdegang sie bereits an die verschiedensten Orte: Nach dem Kanti-Abschluss in Olten studierte sie Politologie, Arabisch und Geschichte an den Universitäten in Zürich und Bordeaux, lernte als Praktikantin bei der Schweizer Mission die Arbeit der UNO im Bereich Geschlechtergleichheit kennen.

Der nächste Zwischenstopp: Fünf Jahre in Genf. «Dort machte ich meinen Master in Internationalen Beziehungen mit dem Fokus auf Friedensförderung, der Partizipation von Frauen in Friedensprozessen und sexueller Gewalt in Konflikten.» Der Abschluss öffnete ihr die Tür zur Arbeit im Bereich der humanitären Minenräumung und der Reform des Sicherheitssektors.

Und heute? «Ich lebe in New York und arbeite für die UNO im Bereich der Friedensförderung.» Wiederum konzentriere sie sich dabei auf die Teilnahme der Frauen an politischen Prozessen, die Prävention sexueller Gewalt und die Einbindung von Männern.

Violett für die Solidarität

Im Berufsalltag wird Anna-Lena Schluchter immer wieder mit «subtilen Auswüchsen der fehlenden Gleichstellung und teils plumpem Sexismus » konfrontiert. «Keiner meiner Arbeitskollegen muss sich Fragen zur Familienplanung anhören, ich schon.» So bekomme sie etwa gesagt, dass es für sie nun halt schwierig sei, einen Job im Ausseneinsatz zu bekommen. Sie sei halt in einem Alter, in dem sie vielleicht bald eine Familie wolle. Ausserdem solle sie doch bitte mehr lächeln. Noch frustrierender sei zu erleben, dass Frauen sich speziell in Männerdomänen zusätzlich beweisen müssten, dass den Frauen in Führungspositionen tendenziell mit Skepsis begegnet werde und ihre Meinungen oftmals weniger Gewicht hätten.

1991, als Anna-Lena Schluchter mit knapp zwei Jahren bananenessend im Rüschenkleidchen in Olten auf der Strasse stand, hatte sie noch keine Ahnung, was sie erwartet. «Ich habe noch immer eine gewisse Unbeschwertheit und gehe Sachen pragmatisch an.» Sie will anzuerkennen, was die Frauen bereits alles erreicht haben. Gleichzeitig stellt sie klar: «Genauso wichtig ist es aber auch, nicht in eine von unserem Wohlstand verblendete Bequemlichkeit zu verfallen.» Die Frauen müssten aufpassen, dass ihnen die Rechte nicht wieder genommen würden.

Gestern kleidete sich Anna-Lena Schluchter violett. «Aus Solidarität», erklärt sie. Dann ist sie am gestrigen Frauenstreiktag wieder auf die Strasse gegangen? «Nein, aber ich traf mich in New York mit anderen Schweizer UNO-Mitarbeitenden Frauen und Männern, zu einem Apéro und Gesprächen.» Ihre Forderungen nach Lohngleichheit, Repräsentation der Frauen in allen Bereichen, gleichen Aufstiegschancen und besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie würden schliesslich weltweit gelten. Anna Lena Schluchter stellt klar: «Wahnsinnig viel Geduld habe ich nicht mehr. Es muss jetzt etwas gehen.»

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