Hätte er gewusst, was auf ihn zukommt, wäre Konrad Stuber 2006 wohl nicht Geschäftsführer der Seilbahn Weissenstein geworden. Ihn interessierte am Job vor allem der Neubau der Gondelbahn, den er bald anpacken sollte. Der Rest ist bekannt, die Jahre zogen ins Land. «Wir haben dann zu kämpfen begonnen», sagt Stuber nüchtern. Er musste Mitarbeitern künden und verblieb als einziger Angestellter. Und kämpfte. Doch das ist inzwischen Geschichte. 100 Tage alt wird die neue Seilbahn dieses Wochenende. Und sie fährt – man getraut sich ja gar nicht mehr «rattern» zu sagen.

100 000 Mal hat das Drehkreuz gedreht, seit die Bahn am 20. Dezember eröffnet wurde. 100 000 Mal ist also jemand unten, oben oder in der Mittelstation zugestiegen. 70 000 Einzeleintritte sind das. Und das ist viel mehr, als Konrad Stuber erwartet hätte. «Ewig wird das nicht so weitergehen», weiss er. «Der Knick wird kommen, wenn der Neuheitseffekt abflacht.» Bis jetzt aber zeigen die Zahlen: Die Leute wollen auf den Berg.

An einigen Tagen gefordert

Die Kaffeemaschine röhrt in Stubers Büro im Bauch der Talstation, auf dem Tisch liegt ein riesiger Plan der Bahn, der Teppich ist mit dem Bahn-Logo versehen. Vor der Seilbahn-Station zeichnen Arbeiter die neuen Parkplätze auf den Boden. 400 Parkplätze gibt es für Besucher. Das ist so vorgeschrieben. Aber zu wenig, wie Stuber sagt. «Die Leute fahren nun mal am liebsten vors Haus. Es gab Tage, da kamen 800 bis 1000 Gäste, aber alle Parkplätze waren voll.» Der Geschäftsführer weiss: «Wildparkieren darf es nicht mehr geben.» An Wochenenden organisiert die Seilbahn deshalb einen Verkehrsdienst.

Besonders in Erinnerung behalten hat Stuber den 1. Januar. Das war der Tag, an dem die Besucher die Bahn überrannten: Die Schlittelpiste war perfekt, die Leute hatten frei, das Wetter spielte mit und alle wollten die neue Bahn sehen. Die Besucherschlange zog sich über den Parkplatz, die ankommenden Züge waren voll. 4000 Besucher in drei Stunden. Da war die Bahn machtlos. «Wenn das Wetter passt, sind die Leute da»: Die alte Weisheit gilt auch bei der neuen Bahn. Vermehrt beobachtet Stuber nun wieder Senioren, die es auf die Bahn wagen: Der Zustieg ist einfacher, wer auf den Berg fährt, friert nicht mehr. «Es gab auch Wochentage mit 1000 Besuchern», sagt Stuber – möglich auch dank den Rentnern.

Fast, aber nicht ganz Alltag

Das Telefon klingelt im Büro. Eine Gruppe erkundigt sich über die Tarife. Für den Sommer hat Stuber schon Anfragen von Car-Anbietern oder Schulklassen. Bald kommen die Bike-Days: Dann werden Velos auf den Berg gebracht, damit Besucher diese testen können. An der Talstation gibt es einen speziellen Eingang für die Bikes. Unten gibt es eine Abspritzstation. Wer abends kommt, kann ein sauberes Velo einladen.

Wie fühlt es sich an, wenn die Bahn nach jahrelangem Kampf nun täglich läuft? Fast jeden Morgen war Konrad Stuber hier, wenn die ersten Gondeln starteten. So ganz Alltag ist die Bahn trotz allem für ihn noch nicht. «Der eine oder andere Finish ist noch nötig», sagt er und spricht etwa die Beschilderung an. «Aber zuerst mussten wir ja Erfahrungen sammeln und die Probleme sehen.»

Auf Frequenzen angewiesen

Wäre es nicht schön, abends auch mal eine Stange Bier auf dem Berg trinken zu können? Stuber, der sympathisch-bodenständige Mann, weiss um das Anliegen. Doch er muss relativieren: «Wir brauchen Frequenzen. Schliesslich muss eine 25-Millionen-Maschinerie in Gang gesetzt werden». Und: Seilbahn-Mitarbeiter unterliegen den Ruhezeiten der öV-Mitarbeiter. Realisierbar wäre das nur mit viel Personalaufwand.

Nun, nach 100 Tagen, hat die Bahn bereits die erste Revision hinter sich. Nein, nicht weil etwas nicht stimmte. Es ist schlicht eine ordnungsgemässe Arbeit, die aus Sicherheitsgründen zwei Mal pro Jahr sein muss. Das Seil wird angehoben, die Auflagefläche angeschaut. «Das ist ein absolutes Muss. Es geht um die Sicherheit», sagt der Techniker Stuber, der zuvor bei der Agathon gearbeitet hatte.

Es gibt nur einen Berg

Die Bahn läuft also, doch bald stehen im Kurhaus Einschnitte und Umbauten an. Schade findet Stuber, dass das Kurhaus nicht gleichzeitig mit der Bahn saniert wurde. Aber er hat Verständnis. Wer investiert ins Kurhaus, wenn ungewiss ist, ob die Bahn kommt? Stuber weiss: «Wir werden als eins wahrgenommen. Es gibt in der Wahrnehmung der Leute einfach ‹den Berg›.» Er freut sich, dass das Kurhaus nun Besitzer hat, die längerfristiger planen, als das ein Pächter kann.

25 Jahre läuft nun die Konzession der neuen Gondelbahn, dann kann sie nochmals verlängert werden. Konrad Stuber lacht: Wahrscheinlich werden dann in ein paar Jahrzehnten Gondeli-Anhänger für den Erhalt der Bahn und der architektonisch aussergewöhnlichen Stationen kämpfen. Zukunftsmusik. Der Kaffee ist leergetrunken. Der Geschäftsführer wird nun wieder an die Arbeit gehen. Der Kampf ist vorbei. Täglich schweben die blauen Gondeli den Weissenstein hoch.