Stadttheater Olten

«Zorn» – Wenn Worte Abgründe auftun

Das Theaterstück «Zorn» führte im Stadttheater aktuelle Entwicklungen vor Augen.

Es datiert von 2013, ist aber so brandaktuell, dass es wie eine geballte Faust in der Magengrube landet: das Stück «Zorn» der australischen Dramatikerin Joanna Murray-Smith. Dieses zeigten die Hamburger Kammerspiele unter der Regie von Harald Clemen im gut besuchten Oltner Stadttheater.

Das arrivierte Ehepaar Alice und Patrick Harper, sie Neurowissenschaftlerin, er Schriftsteller, erfährt, dass Sohn Joe mit einem Freund eine Moschee mit Graffiti besprayt hat. Die beiden können es kaum fassen: Sie haben ihren Sohn doch Toleranz gelehrt? Eine Journalistin, die Alice porträtiert, gräbt derweil tief in deren Vergangenheit. Sie deckt auf, dass Alice in ihrer Jugend der radikalen Bewegung «The Fury» angehörte. Und an einem Bombenanschlag beteiligt war, bei dem der Vater der Journalistin zu Tode kam.

Bühnenwelt aus Worten

«Fury» heisst das Stück auch im Original, und der angetönte Furor trifft den Grundton des Werks fast besser als der deutsche Titel «Zorn»: Furios sind zum einen die Dialoge, in welche die Zuhörer sogartig hineingezogen werden. Selten hat man ein solches Stück gesehen oder gehört, das die Bühnenwelt fast allein aus dem Wort heraus erschafft. Zu verdanken ist dies auch der grossartigen deutschen Übersetzung von John und Peter von Düffel, die den Schauspielern messerscharf gefeilte Sätze in den Mund legt. Das karge, in zurückhaltendem Weiss gehaltene Bühnendekor – ein paar Tische, ein paar Stühle – war denn auch lediglich aus rein praktischen Gründen vorhanden. Absolut sehenswert übrigens Rufus Beck (in der Rolle des Patrick) wie auch die Darbietung des gesamten Ensembles.

Furios ausserdem, wie hier Fassaden zerstört werden. «Zorn ist Leidenschaft, und Leidenschaft findet Lösungen», erklärt Alice eingangs mit Bezug auf ihre wissenschaftliche Arbeit. Zu welchen Lösungen solcher Zorn indes führen kann, zeigt sich in ihrer eigenen Vergangenheit: Dem Mord, den sie auf dem Gewissen hat. Erst durch das Nachforschen der Journalistin erfährt auch ihre Familie von der Lebenslüge. «Menschen wie wir, wir bauen Barrikaden der Höflichkeit, nicht wahr?», entlarvt ihr Ehemann Patrick darauf sie und sich selbst. Die perfekt geglaubte Ehe stürzt in sich zusammen; die Hasstat des Sohnes wirkt angesichts der aufgedeckten Ungeheuerlichkeit auf einmal wie eine Bagatelle.

«Ich war so einsam und wütend und gelangweilt», beschreibt Alice ihre Radikalisierung in Jugendjahren. Dem Zuschauer wird flau zumute. Werden ihm doch gesellschaftliche Mechanismen vor Augen geführt, die nur all zu bekannte Formen annehmen.

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