Olten

Integrationsklasse Bifang: Sieben Nationalitäten in einem Schulzimmer

«Die Kinder wissen alle, wie es sich anfühlt, neu hier zu sein. Deshalb nimmt die Klasse neue Schüler so gut auf und macht es ihnen einfach, sich wohl zu fühlen.» – Elisabeth Jäggi unterrichtet seit 27 Jahren die Integrationsklasse im Bifangschulhaus Olten. Ein Besuch bei ihrer aktuellen Klasse.

Im obersten Stock des Bifangschulhauses, mit perfekter Aussicht auf das Sälischlössli, hat Elisabeth Jäggi ihr Klassenzimmer. An den Wänden hängen neben bunten Schülerzeichnungen auch zahlreiche Merkblätter mit typischen Wortendungen und Grammatikregeln. Die kleinen Schülerpulte, auf jedem steht ein Rechenschieber, sind in U-Form zum Lehrerpult aufgestellt. In der Mitte des Raums stehen niedrige Tischchen und kleine Hocker in verschiedenen Farben. Der Unterricht hat noch nicht begonnen, doch sitzen schon alle Schulkinder neugierig vor der Wandtafel, an der in grossen Buchstaben die für heute benötigten Ausdrücke stehen.

12 Schüler aus sieben Ländern

Elisabeth Jäggi unterrichtet im Bifangschulhaus Olten seit 27 Jahren an vier Tagen pro Woche die Integrationsklasse. Unterstützt wird sie dabei von Aleksandra Henzmann, sie übernimmt einen Teil der Schüler an fünf Lektionen pro Woche. Am fünften Tag besucht jedes Schulkind stets die Zielklasse, in die es voraussichtlich nach einem Jahr in der Integrationsklasse wechseln wird.

Elisabeth Jäggis Klasse besteht zurzeit aus 12 Schülern, die Maximalbelegung. Im Moment stammen die Schüler der Integrationsklasse aus sieben verschiedenen Ländern und somit auch aus den unterschiedlichsten Kulturen. Bei den 12 Mädchen und Jungen handelt es sich nur teilweise um Flüchtlinge.

Inzwischen hat der Unterricht begonnen. Die Kinder sitzen brav vor der grossen Wandtafel, vor ihnen auf dem Fussboden liegen Bilder. Das Thema ist «Stadt». So bewegt sich die Lehrerin zu einem der Bilder hin und fragt: «Wohin gehe ich?» – «Ich gehe in die Bäckerei.» Das benötigte Vokabular dazu steht in schöner Schrift schon vorbereitet an der Wandtafel.

Gleich ist Admon im gelben Pulli an der Reihe. Er ist 15 Jahre alt und einer der Ältesten in der Integrationsklasse. Wann immer es zur Pause klingelt, schnappt er sich gleich den Fussball. Auch in seiner früheren Heimat Eritrea hat er gerne Fussball gespielt. Erfreut erzählt er in fast fliessendem Hochdeutsch: «Hier ist Fussballspielen genau dasselbe. Egal mit wem man spielt.» Dank dem engagierten Einsatz von Elisabeth Jäggi und dem verantwortlichen Fussballtrainer, spielt Admon seit einiger Zeit beim FC Trimbach.

Auf die Frage, wie lange er schon in der Schweiz sei, weiss Admon eine ganz genaue Antwort. Seit dem 9. Juli 2015 ist er mit Eltern und Schwester hier. «Zu Beginn war mir nicht so ganz wohl. Aber seit ich dann in dieser Klasse andere Kinder kennen gelernt habe, fühle ich mich angekommen.» Nach den Sommerferien wird Admon ins Frohheimschulhaus wechseln und die Oberstufe besuchen.

«Ich bin jetzt hier daheim.»

Dass die meisten in der jetzigen Klasse viel jünger sind als er, stört ihn überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, das Lernen auf spielerische Art im Unterricht ist für ihn nicht langweilig. «Ich finde es toll, dass wir mit Frau Jäggi immer so viele lustige Spiele machen. Dann haben wir immer alle Spass», erzählt er strahlend.

Ihm fällt auf, dass Erwachsene ihn immer wieder dasselbe fragen. Nämlich, ob er sich nun hier in der Schweiz zu Hause fühlt oder doch in Eritrea. «Ich bin jetzt hier daheim, da verwirrt mich diese Frage manchmal. Aber ich habe mich schon daran gewöhnt.»

Zu Hause bringt Admon Eltern und Schwester bei, was er in der Schule gelernt hat. Seine neue Lebenssituation scheint er als Herausforderung zu sehen. Er freut sich auf das, was noch kommt. Welchen Beruf er später erlernen will? «Ich werde einmal Arzt, dann kann ich anderen Menschen helfen. Oder Pilot, das wäre auch toll. – Vielleicht werde ich aber auch Fussballspieler!»

Der Unterricht in Elisabeth Jäggis Klasse ist in der Zwischenzeit weitergegangen. Gerade beginnt ein neues Lernspiel. Die Lehrerin stellt viele der Übungen selber zusammen und gestaltet Arbeitsblätter zum Erlernen des Wortschatzes und der Grammatik. Der Unterricht baut zu einem grossen Teil auf Vokabular-Böxli «Deutsch für Ausländer» als Lehrmittel auf.

Von diesen Böxli gibt es verschiedene Ausführungen mit unterschiedlichen Themenbereichen. Als Lehrmittel unterstützen diese Kärtchen Elisabeth Jäggi extrem, wie sie erzählt. «Ich gestalte den Unterricht immer so, dass wir ein konkretes Thema haben. Zum Beispiel «Essen und Trinken», «Kleider», «Stadt und Verkehr», dieses verbinde ich dann mit einem anderen wichtigen Lernziel wie zum Beispiel einer Grammatikregel.» Die Arbeitsblätter und Übungen werden stets dem Alter und dem Können des jeweiligen Schülers angepasst.

Ihren Beruf übt Elisabeth Jäggi mit viel Leidenschaft aus, auch wenn es mit den Schulkindern nicht immer so einfach ist. Letztes Jahr hatte sie eine schwierige Klasse, die aktuelle mache aber super mit. Das könne man eben nie voraussehen, erzählt sie. «Man merkt sehr schnell, zu welchen Kindern man einen Draht aufbauen und welche man weder mit Spielen noch mit Liedern packen kann.» Doch versucht die Lehrerin stets, mit neuen Ideen die Schüler zu motivieren.

Es sei immer wieder schön zu sehen, wie in einer solchen Klasse eine solidarische Gemeinschaft entstehe, wo jeder den anderen unterstützt und neue Schüler stets willkommen sind. «Die Kinder wissen alle, wie es sich anfühlt, neu hier zu sein. Deshalb nimmt die Klasse neue Schüler so gut auf und macht es ihnen einfach, sich wohl zu fühlen.»

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