Fusion

Zwischen Rohr und Stüsslingen knistert es

Noch dieses Jahr soll in den beiden Dörfern ein erstes Mal über eine Fusion entschieden werden.

Noch dieses Jahr soll in den beiden Dörfern ein erstes Mal über eine Fusion entschieden werden.

Die Fusion von Rohr und Stüsslingen nimmt Formen an. Noch feilt eine Arbeitsgruppe an den Details – im Dezember soll das Volk entscheiden. Doch schon jetzt stehe fest: «Eine Steuererhöhung wird es deswegen nicht geben», so der Stüsslinger Gemeindepräsident.

Für Hochzeitsglocken ist es noch etwas früh. Doch die gemeinsame Zukunft wird bereits intensiv geplant. Denn zwischen Rohr und Stüsslingen gilt es ernst. Die beiden Gemeinden wollen fusionieren. Im Dezember sollen die Einwohner an den jeweiligen Gemeindeversammlungen einen ersten Entscheid fällen.

Es wäre vermessen zu behaupten, es handle sich um Liebe auf den ersten Blick. Es ist eine Zweckhochzeit, «der letzte, logische Schritt» einer langen Beziehung, wie es der Rohrer Gemeindepräsident André Wyss ausdrückt. Über Jahre ist die Beziehung der beiden Gemeinden gewachsen. Mittlerweile hat man eine gemeinsame Schule, bei der Feuerwehr arbeitet man ebenso zusammen wie beim Forstbetrieb, um nur einige Beispiele zu nennen. Und auch kulturell sei man schon nahe beieinander, ergänzt Georges Gehriger, Stüsslingens Gemeindepräsident: «Viele Rohrer gehen in Vereine aus Stüsslingen. Mental haben wir eigentlich schon fusioniert.»

Milizsystem stösst an Grenzen

Mental schon fusioniert, und geht es nach den beiden Präsidenten, bald auch politisch. Denn alleine weiterzumachen, wird für beide immer schwieriger. Im 1000-Seelen-Dorf Stüsslingen ist die Ausgangslage zwar noch vergleichsweise komfortabel. «Doch auch wir merken: Es wird immer schwieriger, die benötigten Leute zu finden, um die Ämter zu besetzen. Wir sind deshalb froh, wenn durch die Fusion aus Rohr weitere kompetente Leute dazukommen», sagt Gehriger.

In Rohr ist die Lage noch dramatischer. Im Gemeinderat und den Kommissionen gebe es insgesamt 21 Posten zu besetzen, hat Wyss einmal ausgerechnet. Rohr zählt 97 Einwohner. Minus Ausländer und Jugendliche, minus Menschen, die keine Zeit oder Lust auf ein Amt haben, minus Leute die sich, teils schon jahrelang, engagiert haben: Da bleiben nicht mehr viele Kandidaten übrig. «Momentan teilen sich diese 21 Posten auf ein paar wenige Personen auf», sagt Wyss.

Er selber ist Gemeindepräsident und Vorstandstandsmitglied der Kreisschule. Weiter ist er in verschiedenen Funktionen Delegierter, zum Beispiel für die Sozialregion oder das Altersheim. Auch Kantonsrat ist er. «Und daneben arbeite ich noch 70 Prozent», ergänzt er fast beiläufig. Irgendwie habe es bisher zwar immer funktioniert. Aber häufig seien es dieselben Leute, die sich nach dem Motto «wenn es sonst keiner macht» engagieren. «Und das kann es ja eigentlich auch nicht sein», findet Wyss.

Die beiden Gemeinden im Zahlenvergleich

Die beiden Gemeinden im Zahlenvergleich

«Keine Steuererhöhung»

Deshalb wurde 2016 in Rohr eine Infoveranstaltung mit der Bevölkerung durchgeführt. Die Frage: Wie weiter mit dem Dorf? Zwei Versionen präsentierte Wyss damals: Entweder man fusioniere oder aber man bleibe eigenständig. Im zweiten Fall brauche es dann aber auch Leute, die bereit sind, sich zu engagieren. Die Reaktionen seien klar gewesen: Wenn das so ist, dann lieber eine Fusion.

Also machte sich Wyss an die Arbeit, fragte bei Stüsslingen an und rannte offene Türen ein. Momentan ist eine Arbeitsgruppe, in der auch die beiden Gemeindepräsidenten vertreten sind, dabei, an den letzten Details zu feilen. Eine der vielen Fragen, die sich stellt: Wie viele Gemeinderäte würde die neue Gemeinde haben? Rohr hat momentan fünf, Stüsslingen sieben. «Sieben wäre wohl auch eine gute Zahl für die neue Gemeinde», findet Gehriger. «Das Wichtigste ist aber, dass wir die gesammelten Erfahrungen aus beiden Gemeinderäten mitnehmen.» Heisst: Wenn sich mehr als sieben bisherige Gemeinderäte bereit erklären würden, weiterzumachen, würde der neue Gemeinderat in einer Übergangsphase grösser sein.

Eine zweiter Knackpunkt, der die Arbeitsgruppe beschäftigt: die Finanzen. Ein mögliches Killerkriterium bei jeder Fusion. Doch laut Gehriger nicht bei dieser. «Beide Gemeinden sind finanziell gesund. Eine Steuererhöhung wird es aufgrund der Fusion nicht geben.»

Emotionales Thema

Wenn man den beiden Präsidenten so zuhört, scheint eine Fusion die logischste Sache. Bei einer solchen spielen aber nicht nur logische Gründe eine Rolle. Emotionen sind mindestens genau so wichtig. Gemeinden sind ein Stück Identität. Jede Gemeinde, die sich mit einer anderen zusammenschliesst, verliert ein Stück Eigenständigkeit. Für so eine kleine Gemeinde wie Rohr gilt das umso mehr. Die neue, angedachte Gemeinde würde dann auch Stüsslingen heissen. Der Name Rohr würde zwar auf dem Ortsschild bestehen bleiben, aber mit dem klein gedruckten Hinweis «Gemeinde Stüsslingen». Ein neues Wappen wird ebenfalls geprüft, noch ist aber unklar, ob und wann es ein solches geben wird. Und auch die restliche Verwaltung würde in Stüsslingen integriert werden. So müssten Rohrer in Zukunft ein Baugesuch in Stüsslingen einreichen und auch die Gemeindeversammlung würde in Stüsslingen stattfinden.

All dessen sind sich auch Gehriger und Wyss bewusst. «An jedem Anlass thematisiere ich die Fusion, rede mit den Leuten, spüre ihnen Puls», sagt Gehriger. Und auch Wyss findet: «Das ist ein wichtiges Thema. Aber schliesslich ist es an uns, aufzuzeigen, welchen Vorteil wir in der Fusion sehen.» Das A und O sei dabei, offen und ehrlich mit den Leuten zu reden. «Um allfällige Ängste gar nicht erst gross werden zu lassen», so Wyss.

Diesen Herbst will die Arbeitsgruppe ihre Erkenntnisse der Bevölkerung präsentieren. Somit wäre noch genug Zeit, um allfällige Inputs aufzunehmen. An den Gemeindeversammlungen im Winter wird dann die Bevölkerung ein erstes Mal entscheiden. Wenn beide Dörfer Ja sagen, kommt es zu einer Urnenabstimmung. Wenn dort beide Ja sagen, muss das Ganze schliesslich noch durch den Kantonsrat und am Ende braucht es einen Regierungsratsbeschluss. Und erst dann, gegen Ende 2020, könnten die Gemeinden einen allfälligen Junggesellinnenabschied planen. Und 2021 würden die Hochzeitsglocken läuten.

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