Niederamt

«Wir nutzen die Geräte wie Schere, Leim und Papier»: Digitalisierung im Schulalltag

Heinrich Peterhans (links) und Peter Walther wollen, dass die Schüler auf die digitalisierte Welt vorbereitet sind.

Heinrich Peterhans (links) und Peter Walther wollen, dass die Schüler auf die digitalisierte Welt vorbereitet sind.

Die zusehends digitalisierte Welt ist eine Herausforderung für die nächsten Generationen – jetzt sind Lehrer und Eltern gefragt.

«Nebst Lesen, Schreiben und Rechnen gehört mittlerweile der Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnik zur Grundkompetenz», steht im Grundlagenpapier der Primarschule Schönenwerd geschrieben. Das anerkennt, dass die Digitalisierung die Berufswelt veränderte: Der Computer ist das zentrale Arbeitsinstrument. Niederämter Lehrpersonen erklären, wie sie die Kinder darauf vorbereiten.

«Das Zehnfingersystem ist zwar hilfreich, gehört aber glücklicherweise nicht mehr zum Informatikunterricht», sagt Heinrich Peterhans, Schulleiter der Primarschule Schönenwerd. Der 60-jährige Aargauer ist ursprünglich Typograf und weiss, wie wichtig Computerkenntnisse im Berufsalltag sind. Der Lehrplan 21, der seit letztem Jahr im Kanton Solothurn schrittweise in Kraft tritt, definiert den Informatikunterricht neu. «Dieser Lehrplan ist eine gute Grundlage», sagt Peter Walther, IT-Verantwortliche der Schule Schönenwerd. «Das Zehnfingersystem hat nichts mit Informatik zu tun. Es ist ein Fortschritt, dass das nicht mehr zum Unterricht gehört», erklärt der 32-Jährige. Heute wird vermittelt, wie man einen Computer bedient und wie er funktioniert. «Wir fangen mit einfachen Anwendungen an. Beispielsweise: Wie speichere ich ein Dokument, damit ich es wieder finde?» In der fünften und sechsten Klasse werden dann den Kindern die Grundsätze des Programmierens gezeigt.

Arbeitsgeräte wie Schulbuch oder Etui

In Schönenwerd wird in der ersten und zweiten Klasse mit Tablets gearbeitet, später kommt der Laptop dazu. «Für kleinere Kinder sind die Tablets mit den Touchscreens geeigneter als Laptops», ist Walther überzeugt. Das sehen die meisten Niederämter Primarschulen ähnlich: In den meisten Schulen gibt es mindestens ein Klassensatz an Tablets. Der Schulleiter und IT-Verantwortliche der Kreisschule Hauenstein-Ifenthal, Christoph Lutz, ist den Tablets gegenüber skeptisch eingestellt und arbeitet nur mit Laptops. «Die Schüler müssen für die Berufswelt vorbereitet werden», meint Lutz. Tablets seien nicht zentral in der Berufswelt und dem Lehrplan 21. Mehr Sinn ergeben für ihn Surface-Geräte mit Stifteingabe und abnehmbarer Tastatur. Diese Geräte können mehrere Schüler benutzen, was die Auslastung der Geräte erhöht und Kosten senkt.

Mit Applikationen könne auf den Tablets und Laptops Übungen gemacht werden. «Im Unterricht Deutsch für Fremdsprachige haben wir gute Erfahrungen gemacht», sagt Schulleiter Peterhans. Peter Walther hat beobachtet, dass die Motivation der Kinder durch die elektronischen Geräte gesteigert wird. Die Devise heisst, wie es Sacha Zambetti, der Schulleiter und Informatik-Verantwortliche in Trimbach, formuliert: «Wir nutzen die Geräte wie Schere, Leim, Papier und Stift, heisst: Immer wenn es Sinn macht.»

«Wir haben gute und auch genügend Geräte», meint Peterhans. Es ist Usus in den Niederämter Primarschulen, die Geräte nach fünf Jahren zu ersetzen. Auch die Anschaffungen der Geräte ist unkompliziert. «In der Gemeinde ist das Bewusstsein in diese Geräte zu investieren », meint Schulleiter Peterhans.

Wie der Unterricht gestaltet wird, ist abhängig von den Lehrpersonen. Es wird von ihnen erwartet, dass sie «die Nase im Wind» haben, wie es Sacha Zambetti aus Trimbach formuliert. In Schönenwerd übernehmen diese Rolle Markus Hunziker und Peter Walther. Sie halten sich auf dem Laufenden, welche Applikationen oder Geräte für den Unterricht geeignet sind, probieren neue Unterrichtsmethoden und Geräte in einer Versuchsklasse aus. «Mich interessiert das sehr und ich finde es wichtig, dass die Digitalisierung nicht vor dem Primarschulzimmer halt macht», sagt Walther. Er und sein Kollege Hunziker unterstützen auch ihre Kollegen bei der Anwendung von Computern. «Hier haben wir das Glück, dass wir 40 Stellenprozent für Informatik-Angelegenheiten gibt», so Walther. In vielen anderen Schulen wird moniert, dass zu wenige «zeitliche Ressourcen» für die Lehrpersonen zur Verfügung stehen.

«Soziale Netzwerke wirken wie Doping auf Mobbing»

Nicht nur fehlende Zeit ist eine Herausforderung für die Lehrpersonen. In der digitalisierten Welt passieren Entwicklungen stetig und schnell. Es genügt nicht, dass die Lehrperson einmal eine Weiterbildung absolviert. Die Entwicklungen müssen ständig mitverfolgt werden. Die Schulen wählen dabei verschiedene Möglichkeiten. In Erlinsbach beispielsweise organisiert die Schule interne Weiterbildungen, «mit einem À-la- carte Angebot», wie es Rolf Walser formuliert. Andere Schulen erwarten, dass die Lehrpersonen Eigeninitiative zeigen.

Die technischen Entwicklungen verfolgen auch die Schüler. «Sobald wir einen neuen Trend bei den Schülern beobachten, kommt schon der nächste», so Walther. Zum Beispiel würden die Schüler nicht mehr Facebook benutzen. Das neue angesagte Soziale Netzwerk sei jetzt TikTok, mit dem Videos aufgenommen und verbreitet werden.

«Es haben schon ziemlich viele Schüler ein Handy», bestätigt Walther. Doch in der Schule sei es verboten, diese zu benutzen. Diese Regelung haben alle Schulen im Niederamt. Während der Schulzeit darf kein Handy auf dem Pausenplatz und im Klassenzimmer benutzt werden. «Die Schüler halten das meistens ein», bestätigt Peterhans. Auch die anderen Schulen haben keine Probleme mit Handys auf dem Schulgelände.

Mit den neuen Geräten und den Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren, verschwimmen die Grenzen zwischen der Schul- und Freizeit. «Mit Whatsapp können die Schüler ständig in Kontakt sein», sagt Peterhans. So kann ein unbeliebter Schulkamerad auch noch in der Nacht geplagt werden. «Die sozialen Netzwerke wirken sich wie Doping auf Mobbing aus», so Peterhans. Dabei plädiert der Schulleiter auf eine Überwachung des Medienkonsums der Kinder. So seien hier die Eltern gefordert. «Wir leisten Aufklärungsarbeit», sagt Walther, aber eine Überwachung bleibe unabdinglich. «Uns ist es wichtig, dass die Schüler das Recht am eigenen Bild kennen und sich überlegen, was sie ins Netz stellen», so Walther. Er behält immer im Auge, in welcher Welt sich seine Schüler in Zukunft zurecht finden müssen. «Zur Lebensrealität gehören die digitale Welt und technische Geräte. Darauf will ich meine Schüler vorbereiten», sagt der Pädagoge.

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Autorin

Judith Frei

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