Fusion mit Stüsslingen?

«Wir bleiben noch Rohrerinnen und Rohrer»: Ein Augenschein vor der Fusions-Abstimmung

In zwei Wochen entscheidet sich, ob Rohr mit Stüsslingen fusioniert. Ein Augenschein im stillen Dorf.

Drei Rehe hüpfen übers Feld, den Hang gegen das Dorf hinab. Gemeindepräsident André Wyss zückt sein Handy und versucht, ein Foto zu machen. Zu schnell sind die scheuen Tiere aber hinter der nächsten Kuppe verschwunden. Stille liegt über den Häusern, die in der Talmulde entlang der Schafmattstrasse und einigen Seitenwegen verstreut liegen. Nichts deutet darauf hin, dass die politische Gemeinde kurz vor ihrem Ende stehen könnte.

Am Sonntag in zwei Wochen sind die Rohrerinnen und Rohrer aufgerufen, sich für oder gegen den Zusammenschluss mit der Nachbargemeinde Stüsslingen zu bekennen. Gemeindepräsident André Wyss ist zuversichtlich, dass die Vorlage angenommen wird: «Wir arbeiten seit 2016 an diesem Prozess, haben Informationsveranstaltungen abgehalten und zuletzt haben beide Gemeindeversammlungen zugestimmt.» Nun scheint die Zeit reif für den Zusammenschluss. Als Hauptgrund nennt Wyss den Personalmangel. «Wir könnten aus rein finanzieller Sicht weiterhin eigenständig bleiben, aber unser Problem ist, genügend Leute für die Ämter zu finden.» Von den rund 100 Einwohnerinnen und Einwohnern sind etwa 65 Stimmberechtigt. Davon haben etliche schon in Gemeindefunktionen gewirkt. «Am Ende bleiben weniger als dreissig mögliche Kandidatinnen und Kandidaten.» Das mache es sehr schwer, die Posten zu besetzen.

Wyss, selbstständiger Finanzberater, ist vor gut zehn Jahren nach Rohr gezogen, weil er ein Haus fand, das ihm und seiner Gattin gefiel. Mittlerweile ist er auch Kantonsrat geworden, als Vertreter der EVP. Sein Amt als Gemeindepräsident bereitet ihm Freude. Er verstehe jedoch, wenn ein Gemeinderatsamt als uninteressant wahrgenommen werde. «Viel Gestaltungsspielraum gibt es nicht mehr. Vom Bund und von Kanton her ist so vieles vorgegeben, beispielsweise beim Budget. Das kann man nur noch abnicken.» Mit Stüsslingen zusammen ist die Gemeinde Rohr heute schon im gleichen Verbund für die Schule, die Spitex, die Feuerwehr und beim Zivilschutz.

Dass die Gemeindefusion das Ende seiner Gemeinderatstätigkeit bedeutet, nimmt Wyss nicht tragisch. «Ich habe ein lachendes und weinendes Auge. Klar tut es weh, aber die Vorteile überwiegen.» Ob Wyss später einmal in den neuen, fusionierten Gemeinderat zurückkehrt, weiss er noch nicht. «Es hängt davon ab, ob ich Kantonsrat bleibe.» Könnte er seinen Sitz nicht verteidigen, würde er wohl ganz mit der Politik aufhören. Auf die Frage, was denn die Leute in Rohr ausmache, überlegt Wyss einen Moment. «Ich denke, der Rohrer ist einer, der auch gerne die Ruhe vom in der Regel hektischen Alltag sucht. Diese findet man in Rohr.»

Auch "Ur-Ur-Rohrer" sind für die Fusion

Beim Rundgang durchs Dorf sind am Donnerstagvormittag keine Menschen zu sehen. Nur in einem Haus an der Schafmattstrasse brennt Licht. Margrit Soland (79) öffnet die Tür. Zusammen mit ihrem Mann Jakob Soland (82) bitten sie an den Stubentisch. Auf die Frage, ob er Ur-Rohrer sei, antwortet Jakob Soland: «Ur-Ur-Rohrer sogar!» Sein Vater war Gemeindepräsident, er selber sass viele Jahre lang im Gemeinderat, war Präsident des Schützenvereins und Feuerwehrkommandant. Dennoch sieht er in der Eigenständigkeit von Rohr keine Zukunft: «Ich bin dafür, dass sich die Gemeinden zusammenschliessen.» Seine Frau pflichtet ihm bei: «Es ist schon recht, wenn wir ‹dört abe gönd›. Wir bleiben gleichwohl noch Rohrerinnen und Rohrer.» Früher habe es geheissen «Stüsslige und Rohr – Gott bhüet is drvor!» Neu wird es heissen: «Stüsslige und Rohr – heb Respäkt drvor!»

Für Margrit Soland ist es schmerzhaft, dass Rohr sein Wappen verliert. Und es stört sie, dass die Kirchenglocke nicht mehr geläutet wird. Auch hierfür fehlt eine Person, die morgens um sechs Uhr, um elf und um sieben Uhr abends am Glockenseil ziehen würde. Denn nur das Stundenschlagwerk der zweiten Glocke ist automatisiert. «11 000 Franken würde ein elektrischer Antrieb kosten. Bisher war kein Geld da.» Margrit Soland hofft, dass sich das mit der Fusion ändern wird.

Grossgemeinde in der Zukunft?

Max Ernst, alt Gemeindepräsident, will sich eigentlich nicht mehr in die Dorfpolitik einmischen. Daher nimmt er auch nicht an der Abstimmung teil. Auf Anfrage teilt Ernst mit, dass die Fusion für ihn noch zu wenig weit geht: «Es bräuchte eine richtig grosse Gemeinde, nicht bloss so ein kleines Neugebilde mit etwa 1300 Einwohnern. Beispielsweise müssten auch noch Niedergösgen, Obergösgen und Lostorf dazukommen.» Nur eine Gemeinde mit mindestens 10 000 Einwohnern sei sinnvoll. «Da können die Kosten dann massiv sinken.» Der Preis sei eine Marginalisierung: «Unser kleines, bis jetzt selbstständiges Dorf verliert zwangsläufig seine Identität, weil die typischen Rohrer-Bedürfnisse in einer grösseren Gemeinde kaum mehr Bedeutung haben werden.»

Am 9. Februar 2020 wird etwa um die Mittagszeit feststehen, ob die Gemeinde Rohr per 1. Januar 2021 aufhört zu existieren. Bestehen bleibt das Dorf.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1