Interview

Von Niedergösgen rund um die Welt: Die Biografie von Katharina von Arx

Der Autor Wilfried Meichtry hat die Lebensgeschichte von Katharina von Arx (1928–2013) in einer literarischen Biografie aufgearbeitet.

In Niedergösgen erinnert heute nichts mehr an die Schriftstellerin Katharina von Arx (1928–2013), die im Dorf ihre Kindheit verbrachte. Der Schweizer Autor Wilfried Meichtry hat ihre Lebensgeschichte, die sie vom Niederamt in die weite Welt führte, in einem packenden Buch nachgezeichnet.

Wilfried Meichtry, wie sind Sie auf Katharina von Arx aufmerksam geworden?

Wilfried Meichtry: Ich hatte bereits einige literarische Biografien geschrieben, so zum Beispiel über Iris von Roten oder Mani Matter. Ein Freund von mir kannte Katharina von Arx und erzählte mir von ihrem Leben. Ich fand das eine ganz spannende Geschichte. So begab ich mich nach Romainmôtier VD, wo Katharina von Arx lebte.

Wie wirkte Katharina von Arx auf Sie?

Ich glaubte fast nicht, was sie erzählte. Allein sei sie nach Papua-Neuguinea gereist, ohne Geld rund um die Welt. Das Haus in Romainmôtier VD ist ein wunderbarer Ort. Sie öffnete mir ihr Archiv, als erstem Aussenstehenden nach dem Tod ihres Mannes. Ihre Wohnung lag nur etwa 30 Schritte daneben, so führten wir oft mal heitere, mal ernste Gespräche. Ich ging sozusagen durch ihr ganzes Leben.

Wollten Sie von Anfang an ein Buch über ihr Leben schreiben?

Zunächst wollte ich einen Film machen. Katharina von Arx war so eine gute Erzählerin, auch bot sich die Lokalität für einen Dreh an. Dann aber rückte das Buch in den Vordergrund. Ich sagte mir, diesen Stoff will ich aufschreiben. Dieser Prozess dauerte gut vier Jahre. Ich ging immer wieder zu ihr hin. Leider ist sie dann plötzlich gestorben und erlebte die Veröffentlichung nicht mehr. Der Film «Bis ans Ende der Träume» kam dann weitere zwei Jahre später heraus. Entstanden ist ein differenziertes Porträt. Mit der Tochter habe ich dann noch zusammengearbeitet, als es um die Räumung des Hauses ging.

Hat Katharina von Arx über Niedergösgen gesprochen?

Sie erinnerte sich noch an die Villa, wo die Familie lebte. Sie war das Kind eines Filz-Fabrikanten, was sie selbst lustig fand. Filz gilt ja als Inbegriff der Biederkeit, Filzpantoffeln und dergleichen. Etwas, das ihrem Wesen gar nicht entsprach. Ihr Vater war sehr unkonventionell. Er hat sich sehr mit den Kindern abgegeben, Schabernack gemacht und Unfug getrieben. Das war für diese Zeit aussergewöhnlich. Sie hat den Vater sehr geliebt. Die Kinder spielten an Sonntagen in der Firma, es gab viele Spielsachen und viel Platz. Der Konkurs der Firma während der Weltwirtschaftskrise war für die Familie katastrophal. Der Vater ist dann spurlos verschwunden, indem er sich nach England absetzte, Katharina zog mit der Mutter nach Zürich in eine kleine Wohnung. Die Mutter hat den Abstieg nicht verkraftet, sie kam in die Psychiatrie. Katharina wurde bei einer strengen Tante platziert.

Inwiefern wirkte sich diese Umstellung auf ihr Leben aus?

Ich glaube, sie hat den Bruch nicht verarbeitet. Der Vater tauchte dann zwar wieder auf, aber Katharina fand keinen Zugang mehr zu ihm. Auch das Verhältnis zur Mutter blieb distanziert. Katharina hat wohl erkannt, dass das klassische Familienmodell für sie nicht in Frage kommt. Für sie war klar: «Ich muss mein Leben selbst in die Hand nehmen.» So wollte sie Malerin werden, doch die Tante sah eine Sekretärin in ihr.

Passte dieser Beruf zu ihr?

Überhaupt nicht! Sie ist mehrmals entlassen worden, weil sie im Büro einschlief. Das Hantieren mit Zahlen war nichts für sie. Zum Geld hatte sie ein problematisches Verhältnis, wohl durch den Konkurs. Ihre Übersiedlung nach Wien für die Ausbildung als Malerin befreite sie aus dieser Enge. Allerdings befriedigte sie die Akademie auch nicht, weil sie den Eindruck hatte, dass die Männer bevorzugt würden und Frauen benachteiligt seien.

Was für Impulse gab ihr Wien dennoch?

Sie lebte in einem Palais von verarmten Adligen. Dort entdeckte sie ihre Liebe zu altem Gemäuer, die später in Romainmôtier VD wieder zum Vorschein kam. Auch knüpfte sie viele Freundschaften, so zum Beispiel zum Künstler Hundertwasser, den damals noch niemand kannte. Mit einem alten Cabrio, der «Libelle» ging sie nach dem Krieg auf Europareise und erregte überall Aufsehen. Als sie mir berichtete, sie sei anschliessend ohne Geld um die Welt gereist, dachte ich: «Die Frau hat einen Knall!» (lacht) Aber es stimmte wirklich.

Wie lief diese Weltreise ab?

Katharina von Arx fragte sich in Genua am Hafen durch, welches Schiff sie gratis mitnehmen würde. Sie bot an, die Gäste an Bord zu porträtieren. So kam sie nach Bombay. Dann trampte sie durch Indien und trat am Radio auf, was sie bekannt machte. Über Los Angeles, wo sie am Fernsehen erschien, erreichte sie New York, die «New York Times» schrieb über sie! Auch der Schweizer Radiokorrespondent Heiner Gautschy machte eine Sendung mit ihr. Dadurch wurde sie in der Schweiz bekannt, was ihr aber nicht bewusst war. Sie hatte keine Ahnung von ihrer Bekanntheit.

Als Katharina von Arx wieder in der Schweiz war, brach sie bald wieder zu neuen Ufern auf…

Ja, das Magazin «Sie und Er» schickte sie auf eine Reise. Das Ziel war Tonga, eine Insel in der Südsee, die von einer Königin regiert wurde. Es hiess, das sei der friedlichste Ort der Welt, ohne Spuren von Kolonialismus. Vier Monate wartete sie dort auf den Fotografen, Freddy Drilhon, der ihr Mann wurde. Als Katharina von Arx schwanger geworden war, reisten sie zurück in die Schweiz und stiessen auf die Ruine in Romainmôtiers. Das Haus wurde ihre Passion, Drilhon hingegen hielt es dort nicht aus. Er zog weiter nach England und starb im Alter von 50 Jahren an einem Herzinfarkt. Das war sehr schlimm für Katharina, sie hat sich ein bisschen schuldig gefühlt. Es war ihr wichtig, am Ende ihres Lebens darüber zu sprechen.

Dann gibt es doch noch die Episode mit dem Schädel der Kannibalen?

Ja, eine besondere Geschichte. Katharina und Freddy erhielten vom Häuptling eines Kannibalen-Stammes, zu dem sie ein Vertrauensverhältnis pflegten, einen Schädel geschenkt mit dem Auftrag, diesen dem französischen Staatspräsidenten als Geschenk zu überreichen. Der Schädel reiste mit in die Schweiz, und ein Besuch beim Präsidenten war bereits abgemacht, da starb Drilhon, und der Schädel ging vergessen. Als ich den Nachlass von Katharina ins Gosteli-Archiv überführte, kam er wieder zum Vorschein. Die Tochter, die in Mexiko lebt, konnte ihn nicht mit nach Hause nehmen und übergab ihn mir. Einige Zeit blieb er in meiner Obhut, aber das war mir unangenehm. Ich erinnerte mich, dass es in meinem Geburtsort Leuk ein Beinhaus gibt, wo Schädel aufbewahrt werden. Der Pfarrer gab mir die Erlaubnis, den Schädel dort unter­zubringen. So ruht er nun ein Südsee-Schädel in einem Walliser Beinhaus.

Hinweis

Wilfried Meichtry: Die Welt ist verkehrt – nicht wir. Katharina von Arx und Freddy Drilhon, Nagel und Kimche, Zürich 2015

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