Stüsslingen
Trotz dem «Regen auf den letzten Drücker» bleibt die Lage für die Landwirtschaft anspruchsvoll

Nach der Dürreperiode brachte der Niederschlag während der letzten Tage für die Felder Entspannung. Doch die Lage der Landwirtschaft bleibt anspruchsvoll. Besuch auf einem Hof in Stüsslingen.

Noël Binetti
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Zwischen 2015 und 2017 stellte Toni Bucher seinen Hof auf biologische Landwirtschaft um.

Zwischen 2015 und 2017 stellte Toni Bucher seinen Hof auf biologische Landwirtschaft um.

Bruno Kissling

«Das Positive ist, dass wir einen Monat früher Weidebeginn hatten», sagt Toni Bucher. Zusammen mit seiner Familie führt er einen Bio-Landwirtschaftsbetrieb in Stüsslingen. Auf dem Hof halten sie rund 20 Mutterkühe. Deren Kälber werden mit etwa 17 Monaten zu «Bio Weide Beef» ausgemästet. Dabei werden sie ausschliesslich mit Raufutter und Weidegang aufgezogen. Ihr Fleisch verkauft Bucher auch über den Online-Hofladen. Hinzu kommen vier Milchkühe, für den Milchverkauf am Automaten. Die Mutterkühe schickt Bucher – je nach vorangegangener Witterung – Ende Mai oder Anfang Juni auf eine Alp im Muotathal, Kanton Schwyz.

Dazu betreiben Buchers Ackerbau. Neben Weizen und Dinkel wird hauptsächlich Körnermais produziert. Dieser ist eigentlich für den Verkauf gedacht. Weil aber ausgeprägte Trockenperioden wahrscheinlicher geworden sind und ihre Häufigkeit zunimmt, muss Bucher anders planen. Futter für den Winter zuzukaufen, ist teuer. Darum behält er in den letzten Jahren – je nach Stand des Futterlagers – einen Teil des Ertrags als Reserve zurück. Die Planungssicherheit sei nicht mehr wie früher. Ernteausfälle wegen des sich verändernden Klimas werden grösser, die Menge an gewonnenem Fut­-ter kleiner. Aus diesem Grund pflanzt Bucher seit einiger Zeit einen robusteren Klee auf seinen Flächen an.

Die Pflanze, sie wird auch Saat-Luzerne oder Alfalfa genannt, ist resistenter: «Wir setzen auf diese Pflanze, weil sie Trockenheit besser aushält. Sie benötigt keinen Stickstoff, sondern produziert diesen selber.» Der gemähte Klee wird konserviert für die Winterfütterung. Für den Weidegang ist die Pflanze ungeeignet, sie hält keinem Wurzeldruck stand und muss vorsichtig bewirtschaftet werden. Nachdem der Februar sehr feucht und nass war, kippten die Niederschläge ins andere Extrem. Seit Mitte März fiel praktisch kein Regen. Die Felder und Weiden von Bucher trockneten aus. Wegen der Bise betrug die Luftfeuchtigkeit manchmal nur 30%, «das beschleunigt den Prozess der Austrocknung», erklärt Bucher. Der Boden verliert Volumen und schwindet ab. Wenn die Trockenheit zu lange anhält, stellt der Boden seine Aktivität ein, es findet keine Mineralisierung der Erde statt, die für das Wachstum der Pflanzen zentral ist. Die Lage wurde über die letzten Wochen immer prekärer, der richtige Zeitpunkt für die Aussaat zu bestimmen, eine heikle Gratwanderung.

Zwischen 2015 und 2017 stellte Bucher seinen Hof um, auf biologische Landwirtschaft. Diese Entscheidung bedeutete ein Umdenken. Bucher wählte diesen Schritt, um seinem Sohn die Weiterführung des Hofs zu ermöglichen. Denn die Vorgaben und Gesetze für die Landwirtschaft würden laufend geändert. Mit dem Entscheid, hin zu biologischer Landwirtschaft, positioniere man sich klar.

Am vergangenen Wochenende hat sich die Situation im Hinblick auf die Trockenheit entspannt, «auf den letzten Drücker». Der Regen fiel verteilt über mehrere Tage, in nicht zu allzu grossen Mengen. Zudem habe der Boden davor noch nicht begonnen, von unten her auszutrocknen. Wenn das passiere und die Erde Risse auf­weise, sei sie nicht mehr in der Lage, das Wasser aufzunehmen. Eine Aussaat wäre schwierig geworden, der Schaden immens. «Viele reden aktuell vom Hitzesommer 2018, für uns war das Jahr 2003 viel verheerender.» ­Bucher musste Futter im Wert von 45'000 Franken zukaufen, um die Tiere zu versorgen. «Hier am Jura-Südfuss war die Lage damals katastrophal, der Mais wurde gerade mal so gross wie Lauchstängel». Jetzt ist er erleichtert. Nach der langen Ungewissheit kann er den Mais diese Woche unter guten Bedingungen säen. Dieser brauche neben Feuchtigkeit auch eine gewisse Temperatur, um zu spriessen. Wie aber der Sommer wird, weiss niemand.