Der 46-Jährige, der beschuldigt wird, in einer Wohnung in Dulliken zwei Frauen grausam vergewaltigt, sexuell genötigt, gefesselt und beraubt zu haben, stand am Donnerstag erneut vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen. Am zweiten Verhandlungstag wurden die Plädoyers gehalten.

Den Beginn machte Staatsanwältin Stephanie Flury. Sie beurteilt die Aussagen von Cindy M.*, die vom Beschuldigten Herbert S.* gefesselt, geknebelt und sexuell genötigt wurde, als besonders glaubwürdig.

Aussagen des Beschuldigten seien «mit Vorsicht zu geniessen»

Die junge Frau habe in ihren Aussagen keinerlei Übertreibungen verwendet und das Erzählte sei schlüssig. Und für Flury ist klar: «Auf die Aussagen des Beschuldigten dürfen wir nur bauen, wenn sie sich mit den objektiven Beweisen decken.» Alles Übrige sei «mit Vorsicht zu geniessen».

Die Staatsanwältin legte anschliessend anhand verschiedener Aussagen oder Beweise die Zweifel an den Aussagen der zweiten Betroffenen, Fabienne T.*, dar. Zu viele Fragen seien noch offen: Kannte Fabienne T. den Angeklagten schon vor der Nacht im April 2013? Warum versuchte sie nicht, zu flüchten? Wieso war das Klebeband, mit dem Fabienne T. angeblich gefesselt war, nicht auffindbar, während dasjenige von Cindy M. im Mülleimer sichergestellt wurde?

Angeklagter sitzt bereits im Gefängnis

Aufgrund dieser Unklarheiten bezweifelt Flury, dass Fabienne T. auch ein Opfer des Vorfalls ist. Sie fordert deshalb eine 11-jährige Freiheitsstrafe für Herbert S. für die Taten an Cindy M. — versuchte, grausame Vergewaltigung, grausame sexuelle Nötigung, mehrfache Nötigung, räuberische Erpressung und Freiheitsberaubung.

Sollte das Gericht Fabienne T. ebenfalls als Opfer beurteilen, sei die Strafe dementsprechend zu erhöhen. Da der Beschuldigte derzeit bereits eine siebenjährige Freiheitsstrafe für bandenmässigen Raub absitzt, soll die Strafe für diesen Fall mit der vorherigen angepasst werden.

«Meine Klientin hat nichts zu verbergen»

Die Anwältin der Privatklägerin Fabienne T. widersprach den Ausführungen der Staatsanwältin vehement: «Meine Klientin hat nichts zu verbergen», sagt Claudia Trösch-Ziegler. Fabienne T. habe wahrheitsgemäss über die Geschehnisse berichtet.

Dass sie über sechs Jahre hinweg gelogen hätte, hält die Anwältin für unwahrscheinlich: «Für so etwas bräuchte es die kriminelle Energie eines Berufsverbrechers.» Über diese verfüge nur der Beschuldigte. Die Zweifel, die Cindy M. in den Monaten nach dem Vorfall geäussert hatte, seien durch keinerlei Beweise bestätigt worden.

Anwältin fordert Genugtuung für Fabienne T.

Vielmehr habe sich Herbert S. im Laufe der Ermittlungen seine eigene Version des Vorfalls zurechtgelegt und Zweifel an Fabienne T. gestreut. Man habe ein «riesiges Chrüsimüsi» veranstaltet aus den Falschaussagen des Angeklagten, die nicht mit den objektiven Beweisen übereinstimmten.

Sie plädiere deshalb dafür, Fabienne T. ebenfalls als Opfer anzusehen und ihr — ebenso wie Cindy M. — eine Entschädigung sowie eine Genugtuung in der Höhe von 25'000 Franken zuzusprechen.

«Blosse Wahrscheinlichkeiten reichen nicht»

Caroline Engel, die Verteidigerin des Beschuldigten, forderte in ihrem einstündigen Plädoyer in allen Anklagepunkten einen Freispruch — ausser in einem: Ihr Mandant soll wegen der Freiheitsberaubung von Cindy M. schuldig gesprochen werden. In allen anderen Vorhalten sieht sie es nicht als erwiesen an, dass Herbert S. die Taten begangen haben soll. «Blosse Wahrscheinlichkeiten reichen nicht für eine Verurteilung.»

Die Verteidigerin zweifelt denn auch primär die Glaubwürdigkeit der beiden Frauen an: «Die Erklärungsversuche der Privatklägerinnen laufen ins Leere.» Ihre Aussagen seien unglaubwürdig, ausweichend und konstruiert. Für die Freiheitsberaubung fordert sie für ihren Mandaten eine Strafe von acht Jahren. Da dieser bereits eine Freiheitsstrafe absitzt, fordert sie das Amtsgericht dazu auf, die siebenjährige Strafe der achtjährigen Haft abzuziehen und kommt damit auf eine definitive Freiheitsstrafe von einem Jahr.

Herbert S. erhielt am zweiten Verhandlungstag das letzte Wort: «Die Freiheitsberaubung, die ich gemacht habe, tut mir leid.» Das Urteil wird schriftlich eröffnet.

* Namen von der Redaktion geändert.