Es sei ein komplizierter Fall, meinte Amtsgerichtspräsidentin Eva Berset vergangene Woche an der Hauptverhandlung (wir berichteten). Kompliziert deshalb, weil drei verschiedene Geschichten über die Geschehnisse präsentiert wurden, die im April 2013 in einer Wohnung in Dulliken stattgefunden haben sollen:

Einerseits jene von der damals 17-jährigen Cindy M.*, die berichtete, vom Angeklagten mit einer «metallfarbenen Pistole» bedroht und zum Ausziehen aufgefordert worden zu sein. Im Anschluss habe der Beschuldigte versucht, sie, die an Händen und Füssen gefesselt war, zu vergewaltigen. In der Dulliker Wohnung war die junge Frau, da sie dort bei ihrer Freundin Fabienne T.* übernachtete. Sie hätte Streit mit ihren Eltern gehabt. Die damals 25-Jährige wiederum erzählte, vom Beschuldigten in ihrer Wohnung überrascht, gefesselt und vergewaltigt worden zu sein.

Herbert S.* widersprach: Er habe Fabienne T. gekannt und gemeinsam mit ihr einen fingierten Einbruch vortäuschen wollen. Dies, damit Letztere aufgrund des damit verbundenen psychischen Schaden ein Arztzeugnis bei ihrem Arbeitgeber vorweisen konnte. Sie hätte Mühe mit ihrem Job gehabt, sagte er aus. Er sei von Cindy M.* überrascht worden und weil er nicht wusste, wie er reagieren sollte, habe er die Frau gefesselt, um darauf zu warten, dass Fabienne T. nach Hause kommt, um die Sache aufzuklären. Gemeinsam hätten sie im Anschluss einen Plan ausgeheckt, wie sie der nackt im Schlafzimmer liegenden Cindy M. glaubhaft machen könnten, dass Fabienne T. nichts vom Einbruch gewusst habe. Der Beschuldigte entfernte sich für einmal aus der Wohnung, um mit den Bankkarten den beiden Frauen Geld abzuheben.

Urteil wird wohl weitergezogen

Das Gericht schenkte den beiden Frauen glauben: «Wir haben keine Beweise gefunden, warum Cindy M. nicht glaubwürdig ist. Auch die Unstimmigkeiten, die bei Fabienne T. vorlagen, leuchten bei näherer Betrachtung durchaus ein», heisst es auf Anfrage beim Amtsgericht. Damit gemeint ist etwa der Umstand, dass Fabienne T. nicht versuchte, mit ihrer Kollegin zu kommunizieren, während sich der Beschuldigte aus der Wohnung entfernte, um Geld von ihren Konten abzuheben.

Das Gericht verurteilt Herbert S. wegen versuchter und erfolgter Vergewaltigung, wegen mehrfacher sexueller Nötigung, wegen Nötigung, mehrfacher räuberischer Erpressung und Freiheitsberaubung. Er muss eine Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren absitzen. Dies zusätzlich zu den sieben Jahren Gefängnis, zu der er vom Zürcher Obergericht bereits verurteilt wurde. Ausserdem erhalten beide Frauen eine Genugtuung sowie Schadenersatz.
Entscheidend für den Schuldspruch war für das Gericht die Tatsache, dass der Beschuldigte während den ersten Einvernahmen schwieg und erst mit seiner Version herausrückte, als er jene der mutmasslichen Opfer bereits kannte. «Er hatte genügend Zeit, um sich seine Geschichte zurechtzubasteln», so das Amtsgericht. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Beim Amtsgericht geht man davon aus, dass es ans Obergericht weitergezogen wird.


* Namen von der Redaktion geändert.