Zeughaus Aarau

Mittels Sammlung: Der Dulliker erhält den Geist der Kavallerie Schwdrons am Leben

Die Kavallerie verstand sich damals als Elitetruppe der Armee. Urs Meier aus Dulliken pflegt die Sammlung des Schweizer Kavallerie Schwadrons 1972.

Eigentlich ist Urs Meier kein Kavallerist. «Ich bin noch nie auf einem Pferd gesessen», berichtet der 83-jährige Dulliker lachend. Seine militärische Laufbahn absolvierte er bei den Transporttruppen. Dennoch wurde er zum Ehrenmitglied des Kavallerie-Schwadrons 1972 ernannt. Mit den «Rösselern» kam der gebürtige Niedergösger zufällig in Berührung, als er die eidgenössische Pferdeanstalt auflösen und in eine neue Form überführen sollte. «In den 1990er-Jahren gründeten ehemalige Kavalleristen eine historische Schweizer Kavallerie-Schwadron und ein Museum», erzählt der Oberst ausser Dienst. Seine guten Kontakte zur Armeespitze verhalfen dem Vorhaben zum Durchbruch.

Seit 1995 sind im ehemaligen Zeughaus in Aarau die Sammlung und eine Ausstellung beheimatet. Das u-förmige Gebäude beherbergt auch die historischen Objekte der Radfahrer. Gebaut wurde es 1874 ursprünglich als Lokomotivwerkstatt der Internationalen Gesellschaft für Bergbahnen von Niklaus Riggenbach, Olivier Zschokke und Adolf Haas. Als diese Firma wenige Jahre später den Betrieb aufgab, übernahm das Militär die weitläufigen Hallen. Im Dachstuhl des Mittelbaus ist die Ausstellung zur Schweizer Kavallerie untergebracht.

Die Kavallerie verstand sich als Elite-Truppe der Armee. Schon vor der Aushebung musste man sich beim Sektionschef melden, wenn man eingeteilt werden wollte. «Dann wurde der Stall besichtigt und der Bursche angeschaut. Passt er in die Truppe oder nicht?», schildert Meier das Verfahren. Wurde er akzeptiert, sei die Zuteilung bei der Aushebung bereits vorgemerkt gewesen. Entsprechend gemischt war die Herkunft: Herren- und Bauernsöhne kamen sich in dieser Truppengattung sehr nahe.
Während der Train, der bis heute existiert, sich mit dem Transport von Material in schwer zugänglichem Gelände befasst, verstand sich die Kavallerie als Kampftruppe. «Sie war die bewegliche, berittene Infanterie», so Meier. Das Ziehen von Fuhrwerken und Kanonen gehörte nicht zu ihren Aufgaben. «Früher, als sich die Motorisierung noch nicht überall durchgesetzt hatte, verfügte die Artillerie hierfür über ihre eigenen Pferde.» Eine Spezialität der Kavallerie war das Attacke-Reiten, wobei der Kavallerie-Säbel zum Einsatz kam. Mit dem Einsatz von Maschinengewehren im Ersten Weltkrieg war diese Angriffsform jedoch nicht mehr zeitgemäss. Damit verschwanden auch die Metall-Epauletten, die einem Kavalleristen einen minimalen Schutz gegen einen feindlichen Säbelhieb auf die Schulter verliehen.
Innerhalb der Kavallerie wurde zwischen Dragonern und Guiden unterschieden. Während Erstere einen schwarzen Haarbüschel, genannt «Pinsel», auf dem Tschako trugen, waren es bei den Guiden solche in Weiss. «Man sagte auch, die Guiden seien die mit mehr Intelligenz», weiss Meier.

Das Ende im Jahr 1972 kam rasch, aber nicht ganz überraschend

Die letzte Kavallerie-Rekrutenschule fand 1972 statt – im Jahr der Abschaffung. Der Kauf von Schützenpanzern besiegelte überraschend schnell das Ende. «Man wusste, dass es einmal vorbei sein würde, wollte es aber einfach nicht wahrhaben», erinnert sich Ueli Lehmann, Vereinskollege von Urs Meier. Der gebürtige Wynentaler, der heute bei Bern lebt, absolvierte 1964 die RS. Sie dauerte mit 19 Wochen zwei Wochen länger als diejenige anderer Truppengattungen. «In manchen Nächten sind wir über 100 Kilometer geritten.»

Das Museum ist häufig Anlaufstelle, wenn Wohnungen und Häuser geräumt werden. «Was hier gezeigt wird, haben wir gratis bekommen», erklärt Meier. Meist sind es Erben, die dem 1995 gegründeten Verein die Uniformen, Urkunden, Dienstbüchlein, Sattelkisten, Fotoalben und anderes Militärmaterial ihrer Väter anbieten. Meier hat auch schon ein Diplom von 1893 aus dem Altpapier gezogen. Seine Ränder sind arg lädiert, was Meier nicht stört: «Wir nehmen alles, der Zustand ist egal.» Der Sinn des Museums liegt in der Pflege der Erinnerung: «Es geht dar­um, den Geist der Kavallerie am Leben zu erhalten», sagt Meier. Er zeigt auf ein hölzernes Modell-Pferd, das an das historische Lueg-Schiessen im Emmental erinnert. «Das Denkmal auf der Lueg erinnert an die Kavalleristen, die an der Spanischen Grippe starben, manchmal bis 35 junge Burschen um die 20 Jahre an einem Tag!»

Die Ausstellung zeigt auch den Wandel der Uniformen, die Wettkämpfe ausserhalb des Dienstes und weitere zahlreiche Dokumente von Kavalleristen. Viele Fotos schmücken die Wände, auch sind zwei Fernseher eingerichtet. «Man könnte hier vier bis fünf Stunden lang Filme schauen, vom Kaiserbesuch 1912 bis zum Armeetag in Frauenfeld 2019», sagt Ueli Lehmann. Er hat sich spezialisiert auf das Digitalisieren von Film- und Fotobeständen. «Gerade hat mir jemand über hundert Glasplatten vorbeigebracht.» Diese wurden inzwischen alle eingescannt.

Im Erdgeschoss lagern die sogenannten Pferde-Register, dicke, schwere Bücher im Folio-Format. Darin wurden ab 1896 alle vom Bund angekauften Kavallerie-Pferde dokumentiert. Insgesamt sind 73000 Tiere erfasst. «Wir haben hier alle Bände von 1896 bis 1970. Das Bundesarchiv wollte nur ein paar Stück aufbewahren und den Rest wegwerfen, da habe ich alle hierhin gebracht», erzählt Meier. Alle Bände zusammen wiegen um die 3,5 Tonnen. Rührende Momente können durchaus vorkommen: «Wenn alte Kavalleristen auf einer Seite ihr Pferd finden, haben sie manchmal Tränen in den Augen.» Das Militär kaufte Stuten und Wallache vor allem aus Deutschland, Frankreich, Irland und Schweden. «Während des Zweiten Weltkrieges wurden auch Pferde aus Argentinien und Amerika beschafft», sagt Meier. Mit einem Brandeisen wurden ihnen ihre Registernummer sichtbar eingeprägt. «Bevor das Pferd merkte, was los ist, war das glühende Eisen bereits wieder weg.» Teilweise trugen die Tiere auch ein Brandzeichen ihres Gestütes.

Ueli Lehmanns erstes Pferd hiess «Bosco». Er ersteigerte es am 5. Juni 1965: «Der Schätzpreis betrug 2000 Franken, ich übersteigerte mit 400 Franken.» Dies war die Obergrenze, mit der verhindert wurde, dass reiche Söhne sich die besten Pferde kaufen konnten. Gab es mehrere Bieter, entschied das Los. Der Adjutant hiess die Rekruten in ein Säcklein mit nummerierten Holzstücken greifen. Die höhere Nummer gewann. So kam «Bosco» in den Stall von Ueli Lehmann. Als Dressurreiter nahm er 1976 an der Olympiade in Montreal teil und gewann mit der Dressurequipe die Silbermedaille. Zusammen mit seiner Uniform, der Startnummer und der Kopie des Olympischen Diploms hängt sie in einem Schaukasten.
Ins Museum nach Aarau kommen pro Jahr etwa 750 Besucher, die meisten als Gruppe. An einem Sonntag im Monat ist das Museum frei geöffnet, so auch in drei Wochen (siehe Hinweis). Dazu kommen die Auftritte bei Veranstaltungen. Ob am Basel Tattoo oder an Militärtreffen in Full-Reuenthal: Das Kavallerie Schwadron 1972 zieht die Blicke auf sich, sagt Meier: «Wir haben auch schon mal den ‹Pänzelern› die Show gestohlen, als die Leute nur noch uns folgten.» Beliebt sind auch die Beizen. «Für unsere Käseschnitte sind die Leute teilweise eine halbe Stunde angestanden.» Doch wie fast überall steht dieses Jahr alles still: «Wir mussten alle geplanten Veranstaltungen absagen», sagt Meier. Einzig ein Ausritt in der Ostschweiz könnte allenfalls im Oktober stattfinden.

Hinweis
Der nächste Tag der offenen Tür des Schweizer Kavallerie Schwadron 1972 findet statt am Sonntag, 23. August 2020, zwischen 10 und 17 Uhr. Adresse: Zeughaus Aarau, Gebäude 4 und 5 (Hinweistafeln mit SKS-Signet), Rohrer­strasse, 5000 Aarau. Eintritt frei.

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