Spurensuche

«Man muss steinverliebt sein» — so der Oltner Paul Nünlist über seine Arbeit als Bildhauer

Bildhauer Paul Nünlist vor seinem grössten Werk, der Skulptur «Gemeinschaft», vor dem Gemeindehaus in Dulliken.

Bildhauer Paul Nünlist vor seinem grössten Werk, der Skulptur «Gemeinschaft», vor dem Gemeindehaus in Dulliken.

Im Niederamt stehen bedeutende Werke des Oltner Bildhauers Paul Nünlist. Eine Spurensuche mit dem Künstler.

In gut zwei Monaten wird er 90 Jahre alt. Doch davon merkt man dem stadtbekannten Bildhauer Paul Nünlist nichts an. Hellwach im Geist und bei robuster Gesundheit unternimmt er einen Ausflug zu seinen steinernen Zeugnissen, die er in den letzten 60 Jahren geschaffen hat.

Neben dem Gemeindehaus in Dulliken steht eine runde, mächtige Steinskulptur in einem Teich. Das Werk «Gemeinschaft» ist das Resultat eines Wettbewerbes. «Es wurde durch ein Dorffest finanziert», erinnert sich Nünlist. Etwa acht Tonnen wiegt der aus zwei Hälften bestehende Block aus französischem Marmor. Glatte und raue Flächen wechseln sich ab. «Wie alles im Leben hat dieser Stein zwei Seiten, eine positive und negative.» Nünlist weist auf die Wasserhöhe, die den Stein leicht einsinken lässt. «Das Wasser entspringt einer Quelle am Hang. Aber der Wasserstand ist jetzt zu hoch. Die Skulptur sollte eigentlich über dem Wasser schweben.»

Nünlist hat in seinem Atelier, das sich am Gheidweg in Olten befand, ohne elektrische Hilfsmittel gearbeitet. «Ich hatte nie einen Kran. Alle Steine, egal, wie schwer, habe ich von Hand mit Winden und Hebeisen bewegt.» Heute kann er dort nicht mehr arbeiten. «Die Stadt Olten hat mein Atelier vor Jahren abgerissen, da musste ich gezwungenermassen aufhören. Aber in der Kunst hört man überhaupt nicht auf mit Schaffen, ausser, man stirbt.»

Ein paar Meter weiter steht ein Brunnen aus Liesberger Kalk, den Nünlist zu 1100 Jahre Dulliken geschaffen hatte. Daneben ragt eine steinerne Ähre empor. «Sie soll an das ehemalige Bauerndorf erinnern», sagt Nünlist, während er mit der rechten Hand über den sauberen Stein fährt. Der Brunnen dagegen sieht leidlich mitgenommen aus. Eine leere Bierflasche liegt im Wasser, Laub und Dreck haben sich darin angesammelt. «Eh, das sieht gruusig aus», entfährt es Nünlist.

Allerdings will das Putzen von Steinmonumenten gelernt sein: «Wenn man Brunnentröge mit Säure oder einem Hochdruckreiniger putzt, werden die weichen Teile des Steins angegriffen. Dann erhalten die Tröge Risse und gehen kaputt. Das beste Mittel ist, sie mit Wasser und einer Bürste zu fegen.» So hat der Steinfachmann auch vor rund 30 Jahren die Wappen der Fortifikation Hauenstein aufgefrischt und neu bemalt.

Sein Lehrlingslohn betrug 100 Franken – pro Jahr

Nünlist ging bei den Gebrüdern Schib­ler in die Steinmetz-Lehre, nicht gerade sein grösster Wunsch. «Nach dem Krieg war es schwierig, eine Lehrstelle zu erhalten. Ich wollte etwas Künstlerisches machen und sah in der Zeitung das Inserat.» Am 23. April 1947 begann Nünlist die vierjährige Ausbildung. «Im ersten Lehrjahr bekam ich 100 Franken – pro Jahr!» Nach jedem Lehrjahr wurde der Betrag um 100 Franken erhöht, im Abschlussjahr bekam er 400 Franken. Nach der Lehre arbeitete Nünlist, der den Militärdienst bei den Sappeuren absolvierte, in Burgdorf, Aarau und in Bern. «Ich blieb jeweils so lange, bis ich nichts mehr lernte.»

Ende 1952 eröffnete er sein eigenes Geschäft. «Finanziell hätte ich das nicht tun müssen», meint Nünlist und zuckt mit den Schultern. «Goldene Jahre hatte ich nie. Es reichte, um mich und meine Familie durchzubringen. Ein Sohn und drei Töchter wurde ihm von seiner heute von ihm geschiedenen Frau geschenkt. «Man muss steinverliebt sein für diesen Beruf», umschreibt Nünlist die wichtigste Voraussetzung.

Eine weitere Spezialität von ihm war auch das Anfertigen von Lithografien. Die Brotarbeit bestand in der Schaffung von Grabmalen. Doch das sei heute kein Geschäft mehr. «Der Totenkult ist fast vorbei», stellt Nünlist fest. «Früher gab es am 1. November ganze ‹Völkerwanderungen› auf die Friedhöfe, heute aber besucht kaum einer mehr die Gräber.» In Olten habe es zu seiner aktiven Berufszeit um die 70 Erdbestattung gegeben, wogegen heute etwa noch um die 20. Grabsteine wolle auch fast keiner mehr in Auftrag geben: «Die Leute sacken lieber das Erbe ein», kommentiert Nünlist lapidar. Was ihn besonders stört, ist der «Stein-Tourismus»: «Wir haben in der Schweiz wahrlich genug Steine, aber da wird schwedischer Granit beschafft, nur, weil der so schön glänzt!»

Als Steinmetz erfüllte Nünlist viele Kundenwünsche – aber nicht alle: «Einmal kam eine Frau und verlangte, dass ich Jesus mit einer ‹Sprützchanne› in der Hand meissle, damit es so aussieht, als giesse er die Blumen auf dem Grab. Ich habe ihr gesagt, dass ich das nicht machen werde.» Ein anderer Bildhauer realisierte dann dieses Bildmotiv.

In Obergösgen steht das Wegkreuz im Bollerfeld. «Es ersetzte 1962 ein Wegkreuz von 1775.» Nünlist sieht den ergrauten Stein: «Auch hier haben sie das Putzen nicht erfunden.» Dasselbe Fazit zieht der Künstler in Kienberg, wo er 1974 einen der grössten Dorfbrunnen im Kanton Solothurn geschaffen hat. «Pius Kyburz aus Obergösgen, der für die Strassen im Kanton zuständig war, hat mir diesen Auftrag vermittelt.» Das Wasser fliesst offen aus dem grossen Becken in ein kleineres. Eine Reiterin tränkt darin ihr Pferd, eine Szene wie im letzten Jahrhundert.

Eine Reiterin tränkt ihr Pferd am 1974 erstellten Dorfbrunnen von Kienberg.

Eine Reiterin tränkt ihr Pferd am 1974 erstellten Dorfbrunnen von Kienberg.

Nünlist freut sich, sein Opus magnum wieder einmal zu sehen, und meint generell zu seinem Schaffen: «Ich kann hinter allem stehen, was ich gemacht habe.» Ganz original ist der Brunnen nicht mehr: «Ein Auto ist einmal in den Brunnenstock gefahren, den musste ich ersetzen.»

Freunde unter Berufskollegen hatte er selten. «Man war sich teilweise neidig, wenn jemand einen Auftrag gewann. Denn dann kam aus diesem Dorf für die nächsten 15 Jahre keiner mehr.» Der einzige Künstler, dem er nacheiferte, hiess Jakob Probst (1880–1966). Nünlist bewundert noch heute seine Arbeit: «Er hat Stein einfach Stein sein lassen.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1