Zweiter Weltkrieg

Knapp an einer Katastrophe vorbei: Als hinter Trimbach ein Bomber abstürzte

Das Bomberwrack auf dem Feld. Das Bauernhaus steht heute noch.

Das Bomberwrack auf dem Feld. Das Bauernhaus steht heute noch.

Heute vor 75 Jahren stürzte hinter Trimbach ein amerikanischer B-17-Bomber ab. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.

Der Zweite Weltkrieg ging zu Ende: Im Februar 1945 zeichnete sich die baldige Niederlage des Deutschen Reiches immer deutlicher ab. Amerikanische Verbände stiessen gegen den Rhein vor, die Bombardements aus der Luft trafen Ziele weit hinter der Frontlinie. Von der Luftwaffenbasis im mittlerweile eroberten, italienischen Amendola startete am 27. Februar 1945 eine B-17-F, Übername «Dottie», mit dem Ziel Augsburg. Die zehnköpfige Besatzung bestand aus zwei Majoren als Piloten und Copiloten, zudem waren zwei Navigatoren, ein Bombenschütze, ein Ingenieur, ein Funker, zwei MG-Schützen sowie ein Heckschütze an Bord.

Die zehnköpfige Besatzung dieser «Fliegende Festung», wie der Flugzeugtyp auch genannt wird, hatte die Aufgabe, Rauchbomben an den Bahnhöfen von Augsburg abzuwerfen, um diese als Ziele für nachfolgende Bomber-Geschwader zu markieren. Dabei wurde das Flugzeug von der deutschen Flugabwehr getroffen. Es verlor an Höhe, flog aber weiter. Offenbar gab der Pilot George L. Albin die Maschine aber für verloren und erteilte den Befehl zum Absprung. Er stellte den Autopiloten ein und begab sich mit dem Copiloten von Bord. Ihm folgten die restlichen Crewmitglieder, die eigentlich noch weiterfliegen wollten. Anstatt sich in die neutrale Schweiz tragen zu lassen, setzte die «Dottie»-Besatzung auf deutschem Boden auf. Ein Teil wurde nahe Füssen von der Polizei aufgegriffen, der andere Teil fiel nahe Kaufbeuren der Wehrmacht in die Hände.

Die Absturzstelle auf dem Feld zwischen der Obstplantage und der Erlimoos-Strasse aus heutiger Ansicht.

Die Absturzstelle auf dem Feld zwischen der Obstplantage und der Erlimoos-Strasse aus heutiger Ansicht.

«Dottie» drang derweil als «Geisterflieger» in den Schweizer Luftraum ein. Ausgerüstet mit Benzin für den Rückflug nach Italien reichten die Treibstoffvorräte reichlich für einen Weiterflug. Auch die Flughöhe schien sich stabilisiert zu haben. Der B-17 wurde von der Schweizer Luftwaffe abgefangen und zur Landung in Dübendorf gedrängt. Aber als klar wurde, dass sich gar niemand mehr in der Maschine befand, wurde der Befehl erteilt, das Flugzeug abzuschiessen. Der Pilot Jean Stocker (1923-1948) war in einer der beiden Jäger vom Typ Morane, die «Dottie» auf der Höhe von Winznau in Brand schossen.

Ein Volltreffer führte zum Vollbrand des rechten Tragflügels. «Dottie» ging nun, wie in der 2019 erschienenen Dokumentationsbroschüre von Jürg Herzig und Urs Ramseier nachzulesen ist, in einen Spiralsturzflug über. Zweimal kreiste die führerlose Maschine über Olten und drohte, auf das Spitalareal abzustürzen. Einige hundert Meter über Boden verlor es jedoch nicht mehr an Höhe und erreichte Trimbach. Hinter dem Dorf, im Gebiet «Rintel», erfolgte gegen 14.48 Uhr der Aufprall. Verletzte gab es keine.

Augenzeuge erinnert sich an Kaugummi und Schokolade

Mittlerweile leben nur noch wenige Augenzeugen des Ereignisses. Josef Reichmuth hat den Absturz noch in Erinnerung. Der Trimbacher Ammann von 1975 bis 1983 und CVP-Kantonsrat besuchte damals die vierte Klasse bei Lehrer Hofmeier. An jenem Dienstagnachmittag hielt er sich mit vier Klassenkameraden zu Hause auf, da, wo er heute noch wohnt. «Wir sahen den Flieger über Olten kreisen», berichtet der rüstige 87-Jährige. «Er zog eine Rauchwolke hinter sich her.» Im Dorf sei Panik ausgebrochen: «Überall riefen die Leute ‹ine, ine› und hatten Angst. Doch wir blieben draussen und rannten dem Flieger durchs Dorf nach.»

Den Absturz habe er nicht gesehen, aber gehört. «Als wir beim Durchgang beim Isebähnli waren, gab es einen Knall!» Die Buben waren unter den Ersten bei der Absturzstelle. «Mein Bruder, der oben im Wald gearbeitet hat, kam auch gleich dazu.» Die Trümmer brannten. Ein durch die Luft geschleudertes Gummi-Benzinfass schlug nahe beim Bauernhaus auf und fing Feuer: «Den brennenden Nussbaum sehe ich heute noch vor mir.» Mit seinen Kameraden nahm er eine «gelbe Box» und Muntion-Gurte der Maschinengewehre an sich. Sie entfernten sich von der Absturzstelle, auf der immer mehr Leute eintrafen. Im nahen Wald öffneten sie die Box. «Es befanden sich Schokolade und Kaugummis darin.»

Die Schokolade bekam ihnen allerdings nicht. «Es war solche, die wach macht. Wir schliefen die nächste Nacht nicht gut», berichtet Reichmuth lachend. «Und am nächsten Tag hat uns die Polizei die Munition wieder abgenommen.» Den Absturz sieht Reichmuth rückblickend nicht als wichtiges Erlebnis an: «Es war ein Ereignis unter vielen während des Kriegs. Man schenkte dem nachher keine Bedeutung mehr.»

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