Die kleine Gemeinde Rohr am Fusse des Passüberganges Schafmatt ist stolz auf ihr Wahrzeichen: Die am östlichen Dorfrand gelegene, im 17. Jahrhundert erbaute Kapelle St. Ulrich kann auf eine lange Geschichte zurückblicken (siehe Baugeschichte). Das Bauwerk hat zweifellos eine Vergangenheit – aber hat es auch eine Zukunft? Mit dieser Frage beschäftigt sich der Rohrer Gemeinderat schon länger. Denn auch im vergangenen Jahr schloss die Spezialfinanzierung «Kapellenfonds» mit einem Defizit ab.

Um das Defizit zu verringern und um genügend Gelder für zukünftige Investitionen bereit zu haben, müssen dringend die Einnahmen gesteigert werden. Dieses Ziel möchte der Gemeinderat nun mit der Gründung eines Kapellenvereins erreichen. Durch dessen Engagement soll eine bessere Auslastung der Kapelle erreicht werden. Die Anzahl der Vermietungen hält sich nämlich bislang eher in Grenzen: Wie Gemeindepräsident André Wyss zur Auskunft gibt, wird die Kapelle nur zwei bis vier Mal im Jahr für Taufen oder Hochzeiten gebraucht. Nebst diesen privaten Veranstaltungen wird die Kapelle für verschiedene wiederkehrende Anlässe genutzt, wie zum Beispiel für das Patrozinium am 4. Juli oder für eine überkonfessionelle Familienfeier in der Adventszeit. Zudem findet ein Mal monatlich ein Werktagsgottesdienst statt.

Keine dringenden Investitionen

Instandsetzung und Unterhalt der Kapelle St. Ulrich werden aus der Spezialfinanzierung «Kapellenfonds» der Einwohnergemeinde Rohr, durch Spenden und Beiträge aus dem kantonalen Denkmalschutz finanziert. Grössere Investitionen wurden anlässlich der letzten Restaurationsarbeiten in den Jahren 2008 und 2014 getätigt. Die Restauration des Uhrwerks und der Glockenanlage schlugen mit rund 22 500 Franken zu Buche, während die Sanierung der Innenböden 8532 Franken kostete.

Der Zustand der Kapelle sei relativ gut, sodass vorerst kein akuter Handlungsbedarf bestehe, erklärt der Gemeindepräsident. Deshalb seien gegenwärtig keine grösseren Instandhaltungsarbeiten geplant. Aber es sei absehbar, dass in den nächsten 5 bis 10 Jahren ein gewisser Investitionsbedarf entstehen werde, für den man bereits jetzt vorsorgen müsse.

Und hier kommt die geplante Vereinsgründung ins Spiel: Wyss erhofft sich, mithilfe des Vereins mehr Einnahmen zu generieren als bisher. So geht er davon aus, dass sich mit einem Verein, der einem spezifischen Zweck gewidmet ist, einfacher Spenden sammeln lassen. Man habe zwar auch bisher der Gemeinde eine zweckgebundene Spende zugunsten der Kapelle zukommen lassen können – die Hemmschwelle sei hier aber sicher grösser als bei einem Verein, meint Wyss.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sei, dass sich ein Verein besser um die Vermarktung der Kapelle kümmern könne. Bislang sei der Gemeinderat für die Vermietungen zuständig gewesen, erklärt Wyss. Für eine bessere Auslastung müsse der Bekanntheitsgrad der Kapelle gesteigert werden – was zeitaufwendig sei: «Im Gemeinderat fehlen uns einfach die Kapazitäten dazu», hält der Gemeindepräsident fest. Die Auslagerung dieser Aufgabe an einen Verein hält er deshalb für eine gute Lösung. Als Vorbild habe der Kapellenverein St. Antonius aus dem Lostorfer Weiler Mahren gedient. Dieser besteht bereits seit dem Jahr 1947 und kümmert sich um die Belange der St. Antonius-Kapelle.

Strategisch günstige Lage

Die Gründung der Kapelle St. Ulrich geht weit zurück. Im Mittelalter war die Schafmatt ein häufig genutzter Juraübergang. Der Pass liegt auf einem Pilgerweg, der vom Elsass zum Kloster Einsiedeln führt. Es war denn auch das Kloster Einsiedeln, das um das Jahr 1100 veranlasste, in Rohr eine Wegkapelle zu errichten. Näheres über diesen Bau ist nicht bekannt; gesichert ist lediglich, dass er in der Reformationszeit niederbrannte. Um 1600 wurde die Kapelle neu aufgebaut. Die erste dokumentierte, umfassende Restauration erfolgte im Jahr 1946. Sie wurde durch die Gemeinde Rohr durchgeführt. Auch dies etwas Besonderes: Im Unterschied zu anderen Kapellen in der Region gehört die Kapelle St. Ulrich nicht etwa der Kirchgemeinde, sondern der Einwohnergemeinde.

Gründung des Vereins im August

An der Gemeindeversammlung vom 11. Juni wird der Gemeinderat seine Pläne zur Gründung des Kapellenvereins vorlegen. Daraufhin wird die Versammlung die Gelegenheit haben, über die Statuten zu befinden. Sollte die Gemeindeversammlung das Vorhaben genehmigen, wird im August die Gründungsversammlung stattfinden, erklärt Wyss. Er erhofft sich, dass sich dann auch einige Rohrer finden werden, die bereit sind, im neu gegründeten Verein tätig zu werden. Einige Mitglieder des Gemeinderates haben bereits Interesse an einer Mitwirkung bekundet.