Geschäft läuft
Im Wohnmobil durch die Pandemie: Niederämter Händler spürt den Aufschwung

Ein Händler aus dem Niederamt spürt die landesweite Aufrüstung bei Wohnmobilen – und baut seine Mietflotte aus. Ein neuer Verein setzt sich ein für mehr Stellplätze.

Noël Binetti
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Schon vor Corona war die Nachfrage gross: Martin Banz verkauft, repariert und vermietet in Dulliken Wohnmobile

Schon vor Corona war die Nachfrage gross: Martin Banz verkauft, repariert und vermietet in Dulliken Wohnmobile

Patrick Lüthy

Bei den Asphalt-Campern herrscht Aufschwung. Deren Gefährte tragen Namen wie «Sky Wave», «L!ve Traveller» oder «Matrix Axess». Das Versprechen lautet: Maximale Unabhängigkeit. Aktuell sorgen Wohnmobile bei Händlern und Vermietern für reissende Absatzzahlen – auch für einen Händler aus dem Niederamt. Unzählige wollten die Sommerferien wegen Corona in den eigenen vier Wänden verbringen – aber unterwegs. Denn im Wohnmobil bummelt es sich maskenfrei durch Haarnadelkurven über Passstrassen.

Für Martin Banz läuft es gerade ziemlich gut. Er ist Geschäftsführer der WoFaTec GmbH in Dulliken. Das Zwei-Mann-Unternehmen verkauft und vermietet, repariert und wartet Wohnmobile. Die Miet-Flotte ist überschaubar. Drei Modelle stehen zur Auswahl: «Sophie», «Mona» und «Cooper». Zwei Fiats und ein Renault. Alle sind bis Ende Herbst ausgebucht. Wird Banz seine Mietflotte nun ausbauen? «Ja, das ist unser Plan.»

Schon im Frühling lief das Geschäft gut an. «Insgeheim haben wir damit gerechnet», sagt Banz. Lockdowns und Corona-Wellen sorgten für massenhaft Stornierungen von Flügen. Das Reisen in der mobilen Ferienwohnung war plötzlich angesagter denn je. Schon vor der Krise war die Branche hierzulande auf Wachstumskurs. Auch andere Anbieter verzeichnen gute Umsätze, Grosshändler von Wohnmobilen sind zum Teil ausverkauft.

Ist «Distanced-Traveling» ein anhaltender Trend oder ökologischer Blödsinn?

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Patrick Lüthy

Boom wird weiter anhalten

Banz geht davon aus, dass der aktuelle Boom weiter anhalten wird. Auch im nächsten Jahr werden Ferien von Corona geprägt sein. Das Buchen von Flügen wird verbunden sein mit Unsicherheit. Das verschafft der WoFaTec neue Kundschaft. Viele würden zuerst ein Wohnmobil mieten. So werde geprüft, ob diese Reiseform einem zusagt. Banz sagt, es gebe im Camperleben immer etwas zu tun: «Man kann nicht einfach zurückliegen und den Service geniessen wie im Hotel, erst wenn alles eingerichtet ist.

Banz hält für möglich, dass einige ihr neues Wohnmobil auch wieder abstossen werden. «Vielleicht gelangen bald schon Occasionen auf den Markt, die aus einem überstürzten Kauf stammen.» Eine aktuelle Bewegung sieht Banz bei der Ausstattung: Modelle mit einer Trocken-trenn-Toilette sind gefragt. Diese kommen ohne Wasser und zusätzlicher Chemie aus.

Viele Apps und Websites

Der Kanton Uri habe den Mangel an Stellplätzen erkannt und während den letzten Monaten neun offizielle Stellplätze neu geschaffen. «Es tut sich langsam was», sagt Banz. Es gebe heute viele Apps und Websites, auf denen offizielle, aber auch halblegale Stellplätze ausgewiesen sind. Oft sei das Parkieren über Nacht nicht gestattet. Wenn keine Reparaturen anstehen, können die Mietfahrzeuge – nach drei Stunden für die Reinigung – an die nächsten Benutzer übergeben werden. Banz empfiehlt für Hauptsaison und Schulferien im nächsten Jahr, bereits jetzt zu reservieren. Sonst könne es eng werden. In der Nebensaison finde sich immer noch ein Fahrzeug.

Bei der WoFaTec beträgt die Miete für ein komplett ausgestattetes Wohnmobil in der Hauptsaison 1’400 Franken in der Woche, Versicherung und gefahrene Kilometer inklusive. Im Winter ist das gleiche Modell für 990 Franken verfügbar. Die Preise für ein neues Fahrzeug beginnen bei 55’000 Franken und gehen aufwärts bis zu einer Million Franken. Gefragt nach Wohnmobilen mit elektrischen Antrieben sagt Banz: «Es gibt erste Versuche dazu.» Doch das benötige noch Zeit. Hauptproblem sei das hohe Gesamtgewicht. Ein Wohnmobil weise schon ein Eigengewicht von bis zu über drei Tonnen auf. Ein zusätzlich schweres Akkupack liege da nicht drin.

Region Olten Tourismus bestätigt Mangel an Stellplätzen

Stefan Ulrich ist Geschäftsführer von Region Olten Tourismus. Er weiss, dass Reisende im Wohnmobil den Hotels keine Logiernächte bescheren. Doch er hält fest: «Man darf sie trotzdem nicht unterschätzen.» Wenn solche Gäste hier einen Tag verbringen, sorgen sie in der Gastronomie und auch beim lokalen Gewerbe für Umsatz. Ulrich glaubt, dass Wohnmobil-Touristen regelmässig gerne auswärts essen. «Es sind zusätzliche Besucher für die Region.» Sie nutzen die Angebote in der Stadt, besuchen die Museen oder beispielsweise den Schriftstellerweg. Zudem seien es oft interessante Leute, dass sorge für Abwechslung. Die Menschen, die hier anhalten und eine gewisse Zeit verbringen, transportieren die Erlebnisse in ihre Heimat und verbreiten sie dort weiter.

Ulrich sagt: «Olten fehlen leider Stellplätze und weitere Infrastrukturen.» Solche waren im Vorstand von Region Olten Tourismus und im Gespräch mit der Stadt bereits Thema. Das Anliegen sei schon vor der Corona-Krise erkannt worden, habe sich nun aber noch einmal deutlicher abgezeichnet. Es handle sich schliesslich um eine politische Frage und sei am Schluss eine Sache der Gewichtung und Priorisierung. Region Olten Tourismus verweise bei Anfragen von Leuten in Wohnmobilen regelmässig auf die Campingplätze in der Umgebung: In Aarburg und Solothurn, sowie am Burgäschisee. Es sei nicht möglich, sagt Ulrich, mit Infrastruktur versehene Stellplätze von heute auf morgen aus dem Boden zu stampfen. «Wenn der Trend anhält werden wir uns für dieses Anliegen einsetzen.»

Wohnmobilland Schweiz?

Abstand nehmen von Abständen, von Dichtestress im ÖV und fiebermessenden Flughafenangestellten: Im Wohnmobil auf der Flucht vor Corona. Wie gut eignet sich die Schweiz für diese Urlaubsform und wer setzt sich dafür ein?


Rolf Järmann ist Präsident des Vereins «Wohnmobilland Schweiz». Im Mai, mitten im Corona-Frühling gegründet, besitzt er bereits über 400 Mitglieder. Das Ziel lautet: «Mehr und bessere Infrastruktur für Wohnmobilisten in der Schweiz.» Was ist eigentlich ein Wohnmobil? Järmann dazu: «Wenn es einen montierten Tisch, ein Bett und eine fix installierte Kochgelegenheit im Fahrzeug hat.» Dies wird in der Fahrzeugzulassung eingetragen, je nach Kanton. Auf die Fahrzeugsteuer habe der Eintrag keinen Einfluss.


Bisher hätten sich viele Einzelkämpfer für die Anliegen von Campern stark gemacht. Järmann will diese Kräfte bündeln und sich koordiniert für mehr Stellplätze einsetzen. Er sagt: «Mit Corona wurde die Situation akut.» Als der Lockdown ausgerufen und die Campingplätze geschlossen wurden, waren die Konflikte vorprogrammiert. In den Medien sorgten Wohnmobilsten für negative Schlagzeilen. Doch Järmann sieht Potenzial in der Schweizer Wohnmobilszene: «Es gibt Parkplätze und befestigte Flächen, die bisher nicht genutzt werden. Auch ausserhalb von urbanen Zentren oder Dörfern.»

Am Anfang brauche es sehr wenig Infrastruktur und kaum bauliche Änderungen. Anwohner würden sich freuen, wenn plötzlich Menschen kommen und neue Begegnungen stattfinden. Die wichtigste Infrastruktur sei ein Kanalisationsschacht, zum Entleeren der Toiletten. Dann erst kommt ein Abfluss für Grauwasser von Dusche und Abwasch. Trinkwasser ist in der Schweiz genügend vorhandden. Einen Stromanschluss bezeichnet Järmann als Luxus.


Der Verein will Ansprechpartner sein für Gemeinden. Er stellt eine Beispielordnung für Stellplätze zur Verfügung. Die Mitglieder helfen neue Plätze zu finden. Sie übernehmen Überzeugungsarbeit bei den lokalen Behörden. Wenn an einem Ort bereits ein Parkplatz besteht sind die Hürden gering, Nutzungszonen spielen auch eine Rolle. Järmann erklärt: «Mit genügend Stellplätzen lassen sich die Wohnmobilisten besser kontrollieren.» Viele Kantone gelangten langsam zu dieser Einsicht. Zürich gehe dabei nicht gerade als gutes Beispiel voran. Dort sei es sogar schwierig, wenn Landwirte auf ihren Grundstücken Plätze zur Verfügung stellen möchten. «Stellplätze sollen 10-25 Franken pro Nacht kosten.» Järmann glaubt Wohnmobilisten seien bereit, diesen Preis zu zahlen. Apps wie «park4night» findet der Betreiber von womoblog.ch nur teilweise sinnvoll. «Klar, sie sind praktisch. Sie schaffen aber auch neue Probleme.» Hotspots würden regelmässig überrannt.


WC oder kein WC entscheidet über Zutritt


«Wir hätten lieber, wenn Wohnmobilisten auf offiziellen Plätzen übernachten.» Ist auch eine Wohnmobilistin, wer im kleinen VW-Büssli unterwegs ist? Hier macht Järmann einen Unterschied: «Wir planen ein Knigge, einen Ehrencodex.» Dabei zählt, ob im Fahrzeug ein WC ist. «Wir wollen eine Art Label schaffen.» Wer eine Toilette hat, kann dies mit einem Aufkleber am Fahrzeug signalisieren. Zu gewissen Stellplätzen hätte man nur damit Zutritt. Noch laufen Gespräche mit verschiedenen Interessenvertretern.


Wäre statt einer Trennung nicht sinnvoller, klare Regeln für alle zu definieren? Sollen Besitzer von kleinen Büssli sich Stellplätze für Wohnmobile als Destination aussuchen? Es käme einem Besuch auf dem Campingplatz gleich, Probleme würden verschoben. Alle sollten sich daranhalten: Kein Abfall, kein WC-Papier oder Essensreste werden zurückgelassen. Nur so kann die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht und ein Nebeneinander möglich werden.
Järmann sucht mit seinem Verein auch den Kontakt zu Bergbahnbetreibern. Einige zeigen sich interessiert an einer Zusammenarbeit. Bisher sind deren Parkplätze für Camper oft gesperrt. Auch Restaurants, die ihre Sanitäranlage zur Verfügung stellen, gibt es. Im Gegenzug sollte dort etwas konsumiert werden. Im Moment sammelt der Verein noch Ideen. Järmann glaubt: «Sonst wird das bald zum Problem.»


Wie ökologisch findet Järmann das Wohnmobilistenleben? «Es gibt wenig Formen des Reisens, die ökologischer sind.» Wohnmobilisten würden ihren Strom selbst produzieren. Wer mit dem Camper unterwegs sei, brauche kaum mehr als 15 Liter Wasser pro Tag. Ein Bruchteil eines Hotelgasts. Wohnmobile hätten eine doppelte Lebensdauer wie andere Autos. Was antwortet Järmann Kritikern von Wohnmobilen? «Klar, Wohnmobile sind auf Passstrassen manchmal ein Hindernis im Verkehr.» Doch dabei handle es sich meist um Freizeitverkehr. Und auch die Möglichkeit der Miete spreche für sie: «So wird das monatelange Herumstehen der Fahrzeuge vermieden.»


Im Hinblick auf Corona sagt Järmannn: «Die Stellplatzbetreiber waren lange im Unklaren, ob geöffnet werden darf.» Da brauche es bessere Kommunikation. Es war der nötige Input zur Gründung des Vereins. «Wir glauben, dass die Zahl an Wohnmobilen zunehmen wird.» Noch sei die Schweiz nicht bekannt als Wohnmobilland. Der Verein will das ändern. Unterstützt wird er dabei von Corona.