Hauenstein-Ifenthal
Im Hauensteiner Steinbruch fand Künstler Walter Eglin sein Rohmaterial

Toni Eglin aus Olten erinnert sich, wie sein Vater Walter Eglin im Steinbruch von Hauenstein das Rohmaterial für seine Kunstwerke fand.

Lorenz Degen
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Walter Eglin
3 Bilder
Walter Eglin (1895-1966) bei der Arbeit am Sgraffito "Weltenbaum" in Liestal, ca. 1955
Ausschnitt aus dem Mosaik "Die Sendung" an der Universität Basel

Walter Eglin

Patrick Lüthy

Im Steinbruch Hof unterhalb von Hauenstein ist Ruhe eingekehrt. Der Bulldozer döst vor sich hin, ein Grossteil des einstigen Abbaugebietes ist aufgefüllt worden. Toni Eglin (83) schreitet durch den morastigen Boden auf eine Felswand zu. «Hier hat mein Vater früher nach Steinen gesucht, ich war oft mals mit dabei», sagt er, während seine rechte Hand langsam über die kantigen Bruchstellen des bräunlichen Jurakalkes gleitet. Sein Vater war nicht etwa Sammler von Versteinerungen oder Geologe, sondern Künstler. Walter Eglin (1895-1966) gehört zu den bedeutenden Baselbieter Kunstschaffenden im zwanzigsten Jahrhundert.

Toni Eglin wuchs zusammen mit seinem um drei Jahre älteren Bruder Fritz in Diegten BL auf, wo sein Vater etwas ausserhalb des Dorfes einen kleinen Hof erworben hatte. Dieser diente ihm auch als Atelier für seine Mosaike. «In der näheren Umgebung ging mein Vater meistens zu Fuss über die Felder. Wenn frisch gepflügt worden war, schaute er in die Ackerfurchen und nahm Steine mit, wenn sie ihm passten.» Im Rucksack trug er diese nach Hause, wo er sie auf dem eisernen «Dängelstock» mit dem Hammer bearbeite. Weiter entfernte Gebiete besuchte er mit dem Velo oder der Eisenbahn, denn Autofahren konnte Walter Eglin nie.

Die Steine suchte er selber mit einer geologische Karte, an der er sich orientierte. Mit den Jahren wurde Eglin aber selber zum Gesteins-Lexikon. «Mein Vater hat ein unglaubliches Wissen mit sich herumgetragen.» Leider hat Walter Eglin keine Aufzeichnungen hinterlassen, wo er welche Steine gefunden hatte. Toni Eglin erinnert sich aber noch an einzelne Fundorte: «Die Hornsteine, wie er sie im Mosaik ‹Eule› verwendete, stammen aus der Huppergrube bei Lausen BL. Rote Steine hat er bei Röschenz BL gefunden.» Auch sammelte er Material im Elsass bei Kembs oder in der Emme. «Da fand er grüne Steine und in der Schwarzen Lütschine schwarze Kieselsteine.»

Arbeit hinter dem Bretterzaun

Die Hauensteiner Steine kamen unter anderem nach Basel. Eglin nahm am Vorabend des Zweiten Weltkrieges an der Ausschreibung für ein künstlerisches Werk für das neue Kollegiengebäude der Universität Basel teil. Zum allgemeinen Erstaunen gewann er den anonym durchgeführten Wettbewerb mit seinem Vorschlag für ein Wandmosaik. Der Aufschrei in der Fachwelt und bei der Basler Noblesse, dem «Daig», war gross. Ein Oberbaselbieter, ein «Rampass», soll den städtischen Tempel der Weisheit schmücken? Das durfte nicht sein. Doch Eglin begann mit der Arbeit, die er wegen Beschimpfungen hinter einem Bretterzaun ausführen musste. Erst als «Die Sendung» 1944 enthüllt wurde, wendete sich die öffentliche Meinung und als das fertige Werk am 21. November 1946 offiziell übergeben wurde, war ganz Basel des Lobes voll über das einzigartige, gewaltige Werk.

Dass Eglin alle Steine für die über hundert Quadratmeter grosse Fläche selber zusammensuchte, hing mit dem Auftraggeber zusammen. «Mein Vater wollte Kunststeine aus Italien beziehen. Doch diese wären ihm nur unter der Bedingung geliefert worden, dass die Steine auch gleich gesetzt werden. Die Jury stimmte dem aber nicht zu. So musste er alles selber machen.»

«Wir sind steinreich!»

Walter Eglin lebte für seine Kunst. Neben den Mosaiken waren es seine Sgraffiti und Holzschnitte, für die er berühmt wurde. Die Familie musste dennoch mit wenig Geld haushalten. Toni Eglin erinnert sich noch, wie er als kleiner Bub den Vater fragte: «Warum haben wir keine Spielzeuge? Sind wir so arm, dass wir uns keine kaufen können?» Walter Eglin habe ihn an die Hand genommen und nach draussen geführt. Dann hob er einen Stein hoch. «Schau, wie viele Steine wir haben», sagte er zu ihm. «Wir sind steinreich!»

Zu Walter Eglins hundertstem Geburtstag wurde 1995 im alten Feuerwehrmagazin von Känerkinden das Walter Eglin-Museum eröffnet. Zahlreiche Mosaike haben hier ihre Heimat gefunden, unter anderem die vom Israel-Aufenthalt inspirierte «Sphinx». Sie geriet vor einigen Jahren im KV Liestal hinter eine Gipswand und wurde erst durch Interventionen von Toni Eglin und Kunstfreunden wieder ans Tageslicht geholt. Auch jetzt kämpft der Sohn für den Erhalt der Werke seines Vaters. In der sehenswerten Ausstellung ist auch der originale «Dängelstock» und der Hammer zu besichtigen, mit dem Walter Eglin seine Steine bearbeitete. Holzkisten voller Steine sind noch vorhanden. Es scheint fast, als ob der Künstler gleich wieder zurückkäme und seine Arbeit fortsetzen würde.

Schöpfer von Sgraffiti, Mosaiken und Holzschnitten

Walter Eglin kam am 10. März 1895 in Känerkinden BL zur Welt. Seine Eltern waren Posamenter und Kleinbauern. Nachdem er 1914 als Rekrut in den Aktivdienst eingezogen worden war, wandte er sich ganz der Kunst zu. In Deutschland schulte er sich in der Technik des Holzschnittes. 1932 heiratete er Anna Jörin aus Bennwil BL, zwei Söhne kamen zur Welt. Das Mosaik «Die Sendung» an der Universität Basel machte ihn weitum bekannt. 1960/61 hielt sich Eglin im Kibbuz Beit HaShita in Israel auf, die Wüste Negev beeinflusste sein Schaffen. Nach seiner Rückkehr schuf er, teils unter grossen Schmerzen, 25 Holzmonotypien. Walter Eglin starb am 3. Februar 1966 in seinem Haus in Diegten BL. Zu seinem 50. Todestag erschien 2016 das nebenstehende Buch über sein Leben und Schaffen. (ld)

Hinweis: Freundeskreis Walter Eglin (Hrsg.): Der steinige Weg des Walter Eglin. Verlag Johannes Petri. Basel 2016. ISBN 978-3-03784-095-5.

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