«Du kannst nicht alles haben», sagt Urs Richner. Wenn der 60-jährige Werkmeister vom Bauamt der Gemeinde Gränichen den Mund auftut, bekommt man erdige Wynentaler Mundart zu hören. Er ist aufgewachsen in Teufenthal, lernte beim Götti in Oberkulm mit den Pferden pflügen, wohnt in Unterkulm und ist Bürger von Gränichen. Präsident der Wanderfreunde Leutwil-Teufenthal-Unterkulm – «Lüüpu, Töifetu, Onderchoum».

Den Blick in die Welt öffnete ihm ein Nachbar. Als Chauffeur bei Möbel-Pfister brachte dieser dem Wynentaler Schulbub Bierdeckel aus der ganzen Schweiz mit. Seither sammelt Urs Richner Bierdeckel. 11'500 Bierdeckel von Schweizer Brauereien hat er in bald 50 Jahren zusammengetragen. Längst ist es Urs Richner, der das von Walter Wenger (Chur) begonnene «Biertellerverzeichnis Schweiz» weiterführt. 13'500 Bierdeckel (oder Bierteller) sind darin abgebildet.

Das heisst: Es gibt immer noch 2000, die Urs Richner nicht hat, obwohl er nach seiner eigenen Einschätzung eine der drei grössten Sammlungen der Schweiz beisammen hat. Man erinnert sich: «Du kannst nicht alles haben.»

Nach den Deckeln die Flaschen

Seine 11'500 Schweizer Bierdeckel sind ohnehin nicht alles. Dazu kommen 65'000 deutsche, 11'000 holländische, 11'000 österreichische, 2000 italienische. Und noch 4000 bis 5000 französische. Waren es in der Schulzeit erst Bierdeckel, kamen in der Lehrzeit die Flaschen hinzu. Davon hat Richner etwa 800. «Alles andere kam später», sagt er noch. Alles andere, das heisst 1000 Biergläser (Stangen und Tulpen), 500 Humpen, 5000 Email-Schilder von Brauereien, Kronkorken, Dosen, Flaschenöffner, und, und, und. «Also, das sind etwa 200 000 Objekte», wirft beim Gespräch Beat Wasser ein, der Direktor des Zündholzmuseums. Richner nickt.

Wie kann ein Mensch in seinem Leben solche Mengen sammeln? Mit der Hilfe eines Beziehungsnetzes. «Mein Hoflieferant war mein verstorbener Onkel Edgar Säuberli», verrät Richner. Der ledige Onkel arbeitete als Mechaniker in der SBB-Werkstätte Chur, kam mit dem Zug in der Schweiz herum und beschaffte dem Neffen ganz gezielt gewünschte Stücke. «Auch viele Kollegen vom Wandern bringen mir Sachen. Wir tauschen aus.»

Richner selbst kennt die Sammlerszene, besucht Flohmärkte von Aarberg bis Lugano, nutzt das Internet. Mit Bedauern stellt er fest: «Ricardo stellt heute die Flohmärkte in den Schatten. Die Flohmärkte bedeuteten auch Begegnung, das war schön.»

Urs Richners Gastausstellung im Zündholzmuseum Schönenwerd zeigt einen kleinen Teil seiner Bier-Sammlung. Die Auswahl hat er auf die Region abgestimmt. Neben der Schönenwerder Brauerei Karbacher gelten Vitrinen dem Langenthaler Baumberger Bier, der Klosterbrauerei Zofingen, dem Badener Müller Bräu, Ziegelhof (Liestal) oder Salmen (Rheinfelden).

Richners erste Bierflasche ist zu sehen: Eine 1-Liter-Flasche von Karbacher, ein sehr seltenes Stück. Gefunden hat er sie als Maurerlehrling bei einem Garagenumbau. Eines von nur vier Depot-Schildern «Basler Actien-Bräu» auf Italienisch, ein Glücksfund seines Bruders in einem Wald im Tessin. Einen Bierdeckel «Fräulein, noch eins» der Klosterbrauerei Zofingen, der bisher gar nicht bekannt war, hat Richner während der Ausstellung von Ernst Glanzmann geschenkt bekommen, dem Vizedirektor des Zündholzmuseums. Sammlerglück.

Bei einem Besuch am Sonntag lohnt sich der Gang durch die eigene Dauerausstellung des Museums zur Geschichte des Zündholzes. Bereits ab April folgt für ein Jahr der nächste Gast: «Kässelibeat» Walmer aus Thürnen BL besitzt 1000 der einst von Schweizer Kindern brav gefüllten Bank-Sparkässeli. Sammler sind halt verrückt.