Gesundheit
Hausärztemangel? Nicht in Olten – junge Hausärzte stehen bereit

Dem Kanton steht eine Pensionierungswelle bei den Hausärzten bevor. Ein Hausärztemangel wird befürchtet. Doch wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, sind auch ländliche Gemeinden für junge Hausärzte attraktiv.

Lena Bueche
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Salome Kisker (32) wohnt seit einem Jahr in Olten. Sie arbeitet am Kantonsspital Olten auf der Notfallstation in einem 50-Prozent-Pensum.

Salome Kisker (32) wohnt seit einem Jahr in Olten. Sie arbeitet am Kantonsspital Olten auf der Notfallstation in einem 50-Prozent-Pensum.

Remo Fröhlicher

Fast die Hälfte der im Kanton Solothurn praktizierenden Hausärzte ist über 60 Jahre alt. Eine grössere Pensionierungswelle steht also bevor – auch in unserer Region. Und das bedeutet: Es braucht viele junge Hausärzte, die nachrücken. Aber nicht immer glückt die Suche nach einem Nachfolger. Die Praxisübergabe gestaltet sich oft schwierig. In ländlichen Gemeinden fürchtet man deshalb einen Hausärztemangel. Wir haben mit zwei angehenden Hausärztinnen aus Olten gesprochen und wollten von ihnen wissen: Wie tickt die neue Ärztegeneration? Und was braucht es, damit sich junge Ärzte in der Region niederlassen?

Zwei typische Vertreterinnen

Andrea Salvetti und Salome Kisker befinden sich in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeine Innere Medizin mit Schwerpunkt Hausarztmedizin. Sie haben sich im Rahmen einer Netzwerk-Veranstaltung des Kantonsspitals Olten kennen gelernt. Gemeinsam haben Salvetti und Kisker die erste Durchführung des Oltner Stammtisches des Vereins Junge Hausärztinnen und -ärzte Schweiz (JHaS) organisiert. Beide sind Anfang dreissig, haben Kinder und arbeiten Teilzeit.

Andrea Salvetti (33) ist in Olten aufgewachsen. Sie absolviert eine Praxisassistenz in einer Oltner Gruppenpraxis. Ihr Arbeitspensum beträgt 60 Prozent.             

Andrea Salvetti (33) ist in Olten aufgewachsen. Sie absolviert eine Praxisassistenz in einer Oltner Gruppenpraxis. Ihr Arbeitspensum beträgt 60 Prozent.             

Remo Fröhlicher

Damit sind die beiden Assistenzärztinnen typische Vertreter der heutigen Hausärztegeneration: Die Mehrheit der Medizinstudenten ist weiblich; 70 Prozent der angehenden Hausärzte wünschen sich gemäss einer Umfrage des Vereins JHaS Teilzeitarbeit, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren; und Teamarbeit wird immer beliebter – der Hausarzt als Einzelkämpfer, der sich allein in seiner Praxis durchschlägt, stirbt langsam, aber sicher aus.

Teilzeitarbeit immer häufiger

Die «Feminisierung» des Arztberufes sei ein Kostentreiber, heisst es oft. Da Frauen vermehrt Teilzeit arbeiteten, müssten mehr Mediziner ausgebildet werden, um die vollzeitarbeitenden Hausärzte, die in Pension gehen, zu ersetzen. Mit dieser Behauptung konfrontiert, meint Salvetti: «Es ist tatsächlich so, dass aufgrund der Teilzeitarbeit die Ausbildungskosten steigen. Aber gleichzeitig ist es eine Bereicherung, wenn Frauen den Arztberuf ausüben.»

Kisker macht auf einen wichtigen Umstand aufmerksam: Eine Umfrage unter angehenden Hausärzten habe gezeigt, dass auch Männer sich ein Teilzeitpensum wünschten. «Teilzeitarbeit ist heute weniger eine Geschlechter- denn eine Generationenfrage», lautet deshalb Kiskers Analyse. Und ausserdem sei Teilzeitarbeit längst noch keine Selbstverständlichkeit: So seien im Spital und bei den Spezialärzten Vollzeitpensen immer noch die Regel, erklärt Kisker.

Gruppenpraxen im Trend

Als Hausarzt sind die Bedingungen für Teilzeitarbeit am günstigsten, erzählen die beiden Assistenzärztinnen. Man könne sich die Patienten einteilen und müsse nicht jeden Tag in der Praxis präsent sein. Vor allem Gruppenpraxen bieten sich für dieses Arbeitsmodell an, da während der eigenen Abwesenheit ein Kollege die Betreuung der Patienten sicherstellen kann. Auch Ferienvertretungen lassen sich so einfacher regeln.

Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb Gruppenpraxen im Trend liegen. «Kein Arzt verfügt über das gesamte medizinische Wissen – da ist es hilfreich, wenn man sich im Team mit seinen Kenntnissen gegenseitig ergänzen kann», benennt Kisker einen der weiteren Gründe. Für Salvetti ist nebst dem fachlichen auch der soziale Austausch von Bedeutung: «Im Spital ist es normal, in einem Team zu arbeiten. Darauf möchten junge Hausärzte heute nicht verzichten.» Auch in einer Hausarztpraxis wolle man den persönlichen Kontakt mit Kollegen pflegen, so Salvetti.

Neue Betriebsmodelle entstehen

Mit den Gruppenpraxen kommen auch neue Betriebsmodelle auf. Ein Modell sieht zum Beispiel vor, dass die Hausärzte nicht mehr wie bis anhin selbstständig und auf eigene Rechnung praktizieren, sondern vom Betreiber der Praxis angestellt werden. Der Hausarzt als Angestellter – sieht so die Zukunft aus? Kisker und Salvetti zeigen sich wenig begeistert von dieser Vorstellung. Einen Arbeitsvertrag kann man innerhalb der üblichen Kündigungsfrist wieder auflösen.

Verbindlichkeit ist im Hausarztberuf aber wichtig, findet Salvetti: «Hausarzt zu sein ist eine langfristige Verpflichtung. Man begleitet die Patienten über Jahre hinweg.» Auch für Kisker ist Kontinuität ein wichtiger Aspekt: «Dass man zu den Patienten eine Beziehung aufbauen, ihre Geschichte erfahren und sie ein Stück weit auf ihrem Lebensweg begleiten kann – das ist doch gerade das Schöne am Hausarztberuf.» Wenn, dann komme ein Angestelltenverhältnis eher zu Beginn der Karriere infrage – quasi für den Einstieg in die Praxistätigkeit, bevor der Schritt in die Selbstständigkeit gewagt wird, ergänzt Salvetti.

Attraktivität der Region

Die Pensionierungswelle macht auch vor unserer Region nicht halt. Die Suche nach Nachfolgern, die bereit sind, eine angestammte Einzelpraxis zu übernehmen, führt nicht immer zum Erfolg. Liegt es daran, dass die Region nicht attraktiv genug ist für junge Hausärzte? Salvetti und Kisker verneinen. Die Region liege zentral, die Immobilien seien günstig, mit dem Jura befinde sich ein schönes Naherholungsgebiet direkt vor der Tür und dank dem Bahnknoten in Olten seien grössere Städte mit dem öffentlichen Verkehr schnell zu erreichen.

Das Problem sei weniger die Attraktivität des Standorts als die des Praxisangebotes, glauben die beiden Frauen deshalb. Die klassischen Einzelpraxen in den Dörfern seien häufig veraltet und die Administration sowie die Verwaltung der Patientendossiers nicht immer auf dem neuesten Stand. «Für einen jungen Hausarzt ist es nicht attraktiv, eine Praxis zu übernehmen, die noch nicht digitalisiert ist», meint Salvetti.

Ausserdem gestalte sich der Berufseinstieg in einer Gruppenpraxis einfacher. Hier stünden erfahrene Hausärzte als Mentoren begleitend zur Seite und es sei ein Austausch von medizinischem Wissen möglich. Ein weiteres Problem sei, dass viele Hausärzte auf dem Land nur wenig Kontakt zur jungen Generation hätten und deshalb auch zu wenig über deren Bedürfnisse Bescheid wüssten, ergänzt Kisker.

Einig sind sich die beiden Frauen darin, dass sich in Olten und Umgebung in letzter Zeit einiges getan hat. Viele neue Ärzte hätten eine Praxistätigkeit aufgenommen. Auch aus diesem Grund haben Kisker und Salvetti den Stammtisch ins Leben gerufen: Sie möchten den angehenden und bereits praktizierenden jungen Hausärzten der Region eine Plattform zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch bieten.

Angesichts des drohenden Hausärztemangels macht die Begegnung mit den beiden Assistenzärztinnen Mut: Es gibt sie noch, die motivierten jungen Mediziner, die bereit sind, auch in ländlichen Gemeinden eine Praxis zu führen. Aber sie wollen dies unter anderen Konditionen als ihre Vorgänger tun – und darauf wird man sich einstellen müssen.

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