Gretzenbach
Geheimnisse noch im Boden verborgen: Das römische Bad ist eine archäologische Besonderheit

Gegenüber der Kirche Gretzenbach, nahe am Abhang, ragen Mauern aus der Erdoberfläche. Mehrere Räume lassen sich ausmachen, in einem liegen grosse Ziegelplatten auf kleinen Ziegelpfeilern. «Wir stehen hier vor dem einzigen Bad aus römischer Zeit, welches im Kanton Solothurn sichtbar ist», sagt Fabio Tortoli.

Lorenz Degen
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Im ehemaligen Warmluftraum halten Franz Xaver Schenker (links) und Gemeindepräsident Daniel Cartier (Mitte) die alte Info-Tafel, die Fabio Tortoli (rechts) bald neu erstellen wird.

Im ehemaligen Warmluftraum halten Franz Xaver Schenker (links) und Gemeindepräsident Daniel Cartier (Mitte) die alte Info-Tafel, die Fabio Tortoli (rechts) bald neu erstellen wird.

Bruno Kissling

Die Anlage stammt aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus. Der 40-jährige Archäologe weist auf ein halbrundes Becken, das mit roten Ziegelplatten ausgelegt ist. «Da befand sich das Frigidarium, das Kaltwasserbecken.» Davor lag der Umkleideraum, an dem seitlich das Tepidarium (Lauwarmraum) anschloss.

Im Zimmer mit den Hypokaustpfeilerchen war das Caldarium (Warmraum) eingerichtet. Heisses Wasser gab es dort aber nicht. «Die Luft war warm, von unten her wurde der Raum beheizt», erklärt Tortoli, der an der Universität Basel Ur- und Frühgeschichte sowie römische Provinzialgeschichte studiert hat. Ein Einfeuerungsbereich mit einem Heizkanal aus Sand- und Tuffstein wurde bei den Grabungen 1972 und 1973 gefunden. Römische Wellness, die auch heute funktionieren würde.

Die Anlage wurde 1912 erstmals ausgegraben. Sie grenzte an den ehemaligen Friedhof von Gretzenbach an. Ein Skelett, das an einer Fundamentmauer gefunden wurde, ist wohl nicht aus römischer Zeit, sondern datiert von einer späteren Bestattung.

Als die Kirchgemeinde zu Beginn der 1970er- Jahre ein neues Pfarreiheim bauen wollte, wurde erneut eine Grabung durchgeführt und die Mauerreste konserviert. Dabei kamen unter anderem Kochtöpfe, ein Würfelfragment, Mosaiksteinchen, Reste eines Mühlsteines und Ziegelbruchstücke zum Vorschein.

Die zahlreichen Dachziegelfragmente sind für Tortoli ein Indiz, dass es sich beim Bad um geschlossene Räume mit einem Dach gehandelt haben muss. «Fenster waren kaum vorhanden, oder nur ganz kleine, wie sie der römischen Bauart entsprachen. Glas als Fensterabdeckung war noch nicht weit verbreitet», weiss Tortoli.

Die einstmals schönen Bodenmosaike haben sich leider nicht erhalten. «Da die Mosaike nur wenige Zentimeter unter der Oberfläche lagen, wurden sie durch Erosion wohl zerstört. Tortoli geht davon aus, dass es sich um einfache, geometrische Ornamente gehandelt hat. «Eine bildliche Darstellung scheint von den Funden her wenig wahrscheinlich.»

Solche Fragmente von Bodenmosaiken wurden bei der Grabung gefunden.

Solche Fragmente von Bodenmosaiken wurden bei der Grabung gefunden.

Bruno Kissling

Tortoli ist sich auch sicher, dass der Hang früher weniger steil war als heute. Die heutige Form kam erst durch Kiesabbau im 20. Jahrhundert. Wie viele Menschen einst hier lebten, kann Tortoli nur schätzen: «Vielleicht 50, höchstens 100.» Grabstätten, die nähere Auskunft über die Bewohner des Gutshofes geben könnten, sind bisher keine bekannt. «Zu dieser Zeit war die Feuerbestattung auch üblich, daher ist es schwierig, Rückschlüsse zu ziehen.»

Für den Mitarbeiter der Kantonsarchäologie ist die römische Badeanlage Teil einer noch unerforschten Siedlung. «Unter der Kirche liegt wohl das Wohnhaus des Gutshofes, die villa rustica. Auch Ökonomiegebäude müssen noch vorhanden sein.» Und möglicherweise hatte das Bad auch noch mehr Räume. Um diese zu finden, bräuchte es aber eine erneute Grabung.

Vom römischen Bad in Gretzenbach sind heute vier Räume sichtbar.

Vom römischen Bad in Gretzenbach sind heute vier Räume sichtbar.

Bruno Kissling

Da die Kantonsarchäologie aber nur dort Grabungen durchführt, wo der Erhalt der archäologischen Überreste bedroht ist, wird hier derzeit nichts passieren. Auch Franz Xaver Schenker (69) schüttelt den Kopf. Der Präsident der Kirchgemeinde Gretzenbach-Däniken, der der Boden gehört, möchte die Flächen um die Kirche nicht anrühren. «Lassen wir diese Anlage so, wie sie heute ist. Wir unterhalten das Bad, das kostet uns genug.» Schenker, der in Däniken wohnt, kommt gerne an die Stelle. «Das ist ein ganz besonderer Ort für Gretzenbach.»

Gemeindepräsident Daniel Cartier (54) ist auch skeptisch, was eine erneute Grabung betrifft. Er schätzt vor allem den Ausblick: «Mir gefällt dieser Platz. Vor dem Bau des Eppenbergtunnels war der Hang bewaldet, sodass man nichts sah. Jetzt aber ist die Aussicht sehr schön.»

Neben dem Bad lädt eine Grillstelle zum Verweilen ein. Gerne kommt abends auch die Dorfjugend hierher, allerdings nicht aus archäologischem Interesse. Manchmal arten die fröhlichen Feste aus. Auf einer Metallplatte, die auf einem Tisch aus Waschbeton lag, waren die Mauerreste und Fundstücke eingezeichnet. Jugendliche rissen vor einiger Zeit die Platte aus ihrer Verankerung und schmissen sie das Bord hin ab. Seither verwahrt Schenker das lädierte Objekt im Pfarr-Geräteschuppen.

«Bald wird eine neue Info-Tafel montiert», weiss Tortoli. Auch die Kieselsteine, mit denen die Böden bedeckt sind, reizen nächtliche Besucher immer wieder als Wurfgegenstände. «Wir prüfen, ob wir da feineren Kies oder Sand hineintun können», sagt Schenker.

Römische Spuren sind im Niederamt einige vorhanden. Tortoli sieht die Gretzenbacher Anlage als Teil der verschiedenen Gutshöfe, die sich links und rechts der Aare erstreckten: «Wir wissen von villae rusticae in Erlinsbach, in Niedergösgen, in Schönenwerd auf dem Bühl, in Winznau und in Dulliken. Alle lagen sozusagen in Sichtweite von diesem hier in Gretzenbach.» Der Boden behält dazu einstweilen noch weitere Geheimnisse für sich.