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Förster über Umgang mit Holz: «Das tun sonst nur Entwicklungsländer»

Trockenheit und steigende Temperaturen setzen gewissen Baumsorten immer mehr zu.

Trockenheit und steigende Temperaturen setzen gewissen Baumsorten immer mehr zu.

Wer durch den Wald spaziert bemerkt dessen Veränderung kaum. Der Leiter des Forstbetriebs Unterer Hauenstein fordert dennoch ein Umdenken.

Das Team vom Forstbetrieb unterer Hauenstein betreut 2’273 Hektaren Wald. Unter der Leitung von Georg Nussbaumer bewirtschaften sechs Mitarbeiter zusammen mit diversen Forstunternehmungen die Waldgebiete der Bürgergemeinden Olten, Trimbach, Winznau, Lostorf, Hauenstein-Ifenthal und Wisen. Dazu kommen noch die Staatswälder in Hägendorf und Lostorf.

Der Forstbetrieb sorgt als Zweckverband für die Pflege und den Schutz des Waldes. Er setzt sich ein für den Naturschutz, die Produktion von Holz als nachwachsenden Rohstoff und den Erhalt des Waldraumes als Ruheort und Erholungsgebiet. Im Interview erklärt Nussbaumer, warum der Wald bedroht ist. Und er zeigt auf, wie die Gesellschaft die Nutzung der Ressource Holz neu denken sollte.

OT: Wie geht es dem Wald?

Georg Nussbaumer: Unser Wald hat grundsätzlich ein Problem. Er leidet klar unter den steigenden Temperaturen und der zunehmenden Trockenheit. Das ist bewiesen. Bis zum 24. September hatten wir in diesem Monat einen Temperaturüberschuss von fünf Grad Celsius. Das ist enorm. Die Ergebnisse der Forschung zeigen: noch nie seit Messbeginn, hat sich das Klima in kurzer Zeit dermassen rasant verändert, wie in den letzten Jahren. Die angestrebte Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad – in Bezug auf das vorindustrielle Zeitalter – ist in der Schweiz faktisch schon erreicht. Die wärmeren Jahre sind keine einzelnen Ausreisser mehr. Sie sind ein deutlicher Trend, den ich persönlich als Fakt betrachte.

Jetzt ist es seit Tagen kalt und regnerisch. Erholt sich so der Wald?

Der Wald reagiert nicht so schnell. Ich bin froh, dass es regnet, ja. Doch unsere Wälder erleben seit fast drei Jahren eine Unterversorgung an Wasser. Sie können sich ein Stück weit regenerieren, das ist gut. Aber wir müssen uns nichts vormachen; Baumarten wie die Buchen oder Fichten haben – zumindest in tieferen Lagen – keine Zukunft hier.

Georg Nussbaumer, Förster und CVP-Kantonsrat

«Die Zeit wird uns einholen – davon bin ich überzeugt.»

Georg Nussbaumer, Förster und CVP-Kantonsrat

Wenn ich durch den Wald jogge sehe ich Dickicht und lauter Bäume. Woran erkennen Sie deren Leiden?

Bei uns haben wir viele Buchenwälder. Viele dieser Bäume sind alt und gross. Bei ihnen beobachten wir zunehmend dürre Äste in den Kronen, ihr Wachstum hat sich verlangsamt. Sie schaffen es nicht mehr, die ganze Baumkrone mit Wasser und Nährstoffen zu versorgen. Die jungen Buchen stecken die Veränderung vorerst noch besser weg. Aber es ist klar: Die Buche wird sich in höhere, kühlere Lagen zurückziehen. Der Wald wird nicht einfach sterben. Er wird sich verändern.

Was ist zu tun?

Es gibt Baumarten, die stecken Wasserknappheit und Temperaturanstiege leichter weg. Die Eiche, die Kastanie oder bei den Nadelbäumen zum Beispiel die Föhre und die Douglasie. Leider wird die Esche durch einen eingeschleppten Pilz befallen, ein weiteres Problem. Wir gehen davon aus, dass kurzfristig 90 Prozent dieser Eschen absterben werden. Der Umbau unserer Wälder wird schnell erfolgen, zumindest wenn man in den üblichen Wald-Zyklen denkt. Bevor wir uns aber mit dem Umbau unserer Wälder beschäftigen können, müssen wir uns darüber unterhalten, was mit dem in den nächsten Jahren anfallenden Holz geschehen soll.

Was meinen Sie damit genau?

Zurzeit finden wir für unser Holz nur sehr schleppend Absatz. Buchen, Fichten, Tannen und Eschen exportieren wir zu Preisen, die nicht mal die Holzerntekosten decken, nach Vietnam und China. So etwas tun sonst nur Entwicklungsländer. Uns fehlen in der Schweiz nach wie vor die Abnehmer, welche das Holz weiterverarbeiten oder zumindest energetisch nutzen. Unser Denken muss in eine neue Richtung führen. Ich meine die Art, wie wir Häuser bauen und wie wir sie beheizen. Wir müssen den Rohstoff Holz fördern und ihn zuerst möglichst als Baustoff einsetzen, damit das im Holz gespeicherte Co2 über lange Zeit gebunden wird. Baumarten wie die Buche, welche aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes oft nur noch als Energielieferant eingesetzt werden können, müssen als Ersatz von fossilen Energieträgern wie Gas und Öl eingesetzt werden. Die Städte Basel und teilweise auch Bern, setzen, was das Heizen anbelangt, bereits heute im grossen Stil auf Holz. Das finde ich sinnvoll. Leider ist dieses Denken bei unseren Wärmeversorgern noch nicht angekommen. Dabei wäre es nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch: Wenn wir für einen Franken mit Erdgas heizen, gehen 74 Rappen direkt ins Ausland, ein Drittel davon nach Russland. Wenn wir denselben Franken in Wärme aus Holz investieren, bleiben 95 Rappen in der Schweiz.

Was ist falsch an Biogas?

Eigentlich nichts bis auf den Umstand, dass der Anteil von Biogas gemessen am Gesamtgasverbrauch der Schweiz gerade mal bei knapp einem Prozent liegt. Dieser Anteil ist auch nicht einfach auszubauen. Biogas dient heute als Feigenblatt der Gas-Lobby. Das dafür im Logo ausgerechnet das Blatt der Buche verwendet wird, ärgert mich als Förster besonders. Auch weil die jährliche Wachstumsrate des Biogasanteil gerade mal bei rund 0.2 Prozent liegt. Mit Gas werden wir unsere Probleme in der Zukunft nicht lösen. Darum sind die Gasnetzbetreiber angehalten, diese auf Nahwärmeverbünde umzubauen. Diese wiederum könnten dann mit verschiedenen Energien, unter anderem Holz und Abwärme, beheizt werden. Das Ziel muss mittelfristig sein, ganz von den nicht erneuerbaren Energien wegzukommen. Erdgas wird während einer Übergangszeit weiterhin eine Rolle spielen, allerdings über Blockheizkraftwerke, welche einerseits Strom produzieren und mit der Abwärme Gebäude heizen. Dadurch wird ein wesentlich besserer Wirkungsgrad erzielt.

Welche Rolle spielt dabei der lokale Wald?

Leider rechnen wir damit, dass in unseren Jurawäldern in naher Zukunft sehr viele alte Buchen und auch Eschen absterben. Bleibt dieses Holz liegen und wird keiner Verwertung zugeführt, wird unser Wald vorübergehend von einem Co2-Speicher zum Co2-Verursacher. Der Wald in der Schweiz könnte aber einen wesentlichen Beitrag an die Wärmeversorgung unserer Städte und Gemeinden leisten. Gleichzeitig müssen wir durch waldbauliche Eingriffe unsere Wälder für die Zukunft fit machen.

Wirkt die Politik in diese Richtung?

Das neue Co2-Gesetz als Instrument auf Bundesebene, soll in der Zukunft einen Beitrag in die richtige Richtung leisten. Das Ganze geht mir aber viel zu langsam. Es gibt vereinzelt sinnvolle Projekte, vor allem aus der Privatwirtschaft. Diese Unternehmen erkennen, dass die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern für sie ein hohes wirtschaftliches Risiko darstellt. Viele Energieversorger gehören aber der öffentlichen Hand. Sie setzen weiterhin einseitig auf Gas. Für mich ist diese Haltung nicht nachvollziehbar, weil sie auch ökonomisch gesehen nicht im Sinne der Allgemeinheit ist. An der letzten Session des Kantonsrates wurde ein Auftrag praktisch einstimmig überwiesen, welcher verlangt, dass die Waldbesitzer sofort finanziell besser unterstützt werden, um die Wälder umbauen zu können. Würden wir aber unser Holz lokal wieder vermehrt als Energieträger und Baustoff einsetzen, dann wäre diese Unterstützung nicht nötig.

Was schlagen Sie konkret vor?

Ich fordere die Wärmeversorger in unserer Region auf, sich dieser Aufgabe zu stellen und zu handeln. Wir sprechen oft über die Abhängigkeit unseres Landes vom Ausland bei der Selbstversorgung von Lebensmitteln. Sie liegt bei rund 50 Prozent. Beim Gesamtenergieverbrauch sind wir zu weit über 70 Prozent vom Ausland abhängig. Die neuen Abgaben auf fossile Energiequellen müssen zurückfliessen in Forschung und Umsetzung energetischer Kreisläufe. Wenn aus unseren Bäumen Möbelstücke und Baumaterialien entstehen, bleibt das darin enthaltene Co2 über Jahrzehnte gespeichert. Ist deren Lebensdauer vorbei, soll das Holz danach dem Heizungskreislauf zugeführt werden. Auch Zellulose – bestehend aus Holzfasern – kann uns in vielen Bereichen als Ersatz für Plastik dienen. Die Zeit wird uns einholen – davon bin ich überzeugt.

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