Niederamt

Fahrender Lebensmittel-Laden: Der Coronavirus bringt den «Milchexpress» gross in Fahrt

Nazmi Buchs in seinem «Milchexpress», in dem er rund 400 Artikel des täglichen Bedarfs anbietet.

Nazmi Buchs in seinem «Milchexpress», in dem er rund 400 Artikel des täglichen Bedarfs anbietet.

Es gibt sie auch in der Region, die Krisengewinner in Zeiten des Coronavirus: Einer davon ist Nazmi Buchs mit seinem «Milchexpress», den fahrenden Lebensmittelladen. Rund 400 Artikel des täglichen Bedarfs bietet er in der Region Olten-Niederamt an. Derzeit kann er sich vor Kunden kaum

Wenn Nazmi Buchs an diesem Donnerstag mit seinem «Milchexpress» in die Dulliker Mettlenstrasse einfährt und mit seiner Fanfare seinen Besuch ankündigt, tönt es fast so, wie wenn der Werbetross die bald herannahende «Tour de Suisse» einläutet. Seit mittlerweile gut 20 Jahre ist der Gunzger, der damals 22-jährig als Zahnarztstudent alleine vor dem Krieg aus dem Kosovo floh, mit dem fahrenden Lebensmittelladen in der Region unterwegs.

Umfrage: Luise Cattaneo, bald 87 (Dulliken)

«Ich bin regelmässig zweimal wöchentlich seine Kundin. Ich brauche ihn jetzt dringend, wenn da draussen so ein Puff ist. Ich besuche ihn, seit er hier nach Dulliken kommt. Er ist Gold wert, sieht die Arbeit und bringt die Waren sogar noch bis vor die Haustüre. Heute gab es frisches Gemüse, Brot, Anke und – nein, das sage ich nicht – Mohrenköpfe für’s Gemüt.»

«Ich bin regelmässig zweimal wöchentlich seine Kundin. Ich brauche ihn jetzt dringend, wenn da draussen so ein Puff ist. Ich besuche ihn, seit er hier nach Dulliken kommt. Er ist Gold wert, sieht die Arbeit und bringt die Waren sogar noch bis vor die Haustüre. Heute gab es frisches Gemüse, Brot, Anke und – nein, das sage ich nicht – Mohrenköpfe für’s Gemüt.»

In Olten gelandet, arbeitete er zuerst im Coop, um etwas Geld zu verdienen, während er sich gleichzeitig die hiesige Sprache aneignete. Sein damaliger Chef wechselte dann zur Miba-Molkerei. Er war es auch, der den jungen Einwanderer ermunterte, dessen «Milchexpress» zu fahren. Buchs machte mit. «Am Anfang war fast nichts los und ich musste den Kundenstamm neu aufbauen», sagt er. Innert weniger Monate steigerte Buchs die Umsätze aber derart, dass ihm angeboten wurde, den «Milchexpress» selbst übernehmen zu können. «Vorgabe war einzig, die Molkereiwaren von der Miba zu beziehen.»

Umfrage: Hedi Wiprächtiger, 90 (Dulliken)

«Wir haben den Milchexpress immer gerne benutzt, auch wenn wir in guten Zeiten auch noch in den VOI einkaufen gingen. Aber jetzt sind wir umso froher. Heute gab es Lauch, Käse, Brot, Milch, Rüebli und auch Heubeeri für mich. Ui ja, Milchmann, Bananen muss ich ja auch noch haben!»

«Wir haben den Milchexpress immer gerne benutzt, auch wenn wir in guten Zeiten auch noch in den VOI einkaufen gingen. Aber jetzt sind wir umso froher. Heute gab es Lauch, Käse, Brot, Milch, Rüebli und auch Heubeeri für mich. Ui ja, Milchmann, Bananen muss ich ja auch noch haben!»

Als diese in den Konkurs ging, war er völlig frei beim Einkauf aller Waren. Es sei ihm immer ein Anliegen gewesen, alles regional und möglichst saisonal anzubieten, sagt er. Vor fünf Jahren verkaufte Buchs den Milchexpress an Dominik Hess vom Trimbacher Rintelhof. «Es war ein Fehler», wie er heute im Gespräch zugibt. «Denn ich liebe meinen Job. Er ist sozial, macht mir jeden Tag Spass und ich bin sehr gerne mit den Leuten zusammen. Auch wenn ich andernorts mehr verdienen könnte. Und ich vermisste die Leute.»

Umfrage: Esther Hoppler, 64 (Dulliken)

«Ich schätze den Milchexpress sehr, gerade jetzt im Seniorenalter, weil wir gefährdet sind, daheim bleiben sollten. Natürlich ist seine Ware etwas teurer als in den Läden, aber er ist immer freundlich und hält direkt vor dem Haus. Sein Gemüse und die Früchte vom Hof sind immer frisch, im Sommer gar mit Kirschen und Erdbeeren. Dafür muss ich nicht weit fahren.»

«Ich schätze den Milchexpress sehr, gerade jetzt im Seniorenalter, weil wir gefährdet sind, daheim bleiben sollten. Natürlich ist seine Ware etwas teurer als in den Läden, aber er ist immer freundlich und hält direkt vor dem Haus. Sein Gemüse und die Früchte vom Hof sind immer frisch, im Sommer gar mit Kirschen und Erdbeeren. Dafür muss ich nicht weit fahren.»

Und so war er froh, als ihn Hess anfragte, ob er den mobilen Laden im letzten Sommer wieder übernehmen wolle. «Jetzt bin ich wieder total glücklich», sagt Buchs, der zwischenzeitlich im Immobilienbereich arbeitete. Der Familienvater ist derzeit mit seinem Wagen wöchentlich rund 200 Kilometer auf Achse und nebst Olten im Niederamt und nun wegen dem Coronavirus bis nach Aarau unterwegs.

Längere Arbeitstage wegen mehr Kundschaft

«In Aarau haben sie mich eben erst angefragt, ob ich nicht eine Alterssiedlung anfahren kann», sagt Buchs. Es sei stressig und die Kundschaft nehme Tag für Tag zu. «Alleine in Olten hat sich die Zahl der Kunden derzeit wohl verdoppelt.» Manchmal würden bis zu 15 Personen an der Strasse warten, wenn er ankomme. Auch jüngere Kunden gebe es darunter, die jetzt aus dem Home-Office arbeiteten. «Die Arbeit dauert nun statt bis 14 oder 15 Uhr immer bis in den Abend hinein.»

In seinen «Milchexpress» lässt Buchs derzeit nur noch eine Person oder allenfalls Personen rein, die zusammengehören. Er achte auch darauf, dass niemand etwas anfasse, was er dann nicht kaufe. «Ich habe schon Respekt vor dem Virus.» Deshalb trägt er eine Maske und Schutzhandschuhe bei der Bedienung der Kunden.

Das Angebot des früheren «Milchmanns», wie ihn die Leute immer noch nennen, umfasst alles, was für den täglichen Bedarf notwendig ist. Waren es früher wirklich nur Milch, Käse, Joghurt, Butter und vielleicht noch Eier, so sind es heutzutage wohl gegen 400 Artikel, die im «Milchexpress» angeboten werden. So genau weiss Buchs das selbst nicht. Sagt’s – und fährt weiter zum nächsten Standort.

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