Niederamt

«Es ist ein Verlustgeschäft»: Wie gut verkaufen sich die SBB-Tageskarten in den einzelnen Gemeinden?

Noch sind sie im Umlauf: Die Tageskarte Gemeinde. Bis 2023 werden sie verschwinden.

Noch sind sie im Umlauf: Die Tageskarte Gemeinde. Bis 2023 werden sie verschwinden.

Für die Gemeinden wird das Angebot wegen Corona zum Verlustgeschäft. 2023 sollen die Gemeinde-Tageskarten ganz verschwinden.

Mit dem Zug durch den Gotthard, auf dem Schiff über den Vierwaldstättersee oder im Palm Express von St.Moritz nach Lugano reisen, das geht ins Geld. Im April 2003 lancierten darum Schweizer Städte und Gemeinden für ihre Einwohnerinnen und Einwohner ein Angebot von Tageskarten für den öffentlichen Verkehr. Damit haben diese als Passagiere ohne Halbtax oder Generalabonnement freie Fahrt in der 2. Klasse.

Kreuz und quer durch die Schweiz, während eines ganzen Tages und zum Pauschalpreis. Wie die Branchenorganisation des öffentlichen Verkehrs, Alliance SwissPass, auf ihrer Website schreibt, soll dieses Angebot  – trotz jährlich rund 1,5 Millionen verkaufter Tageskarten – im Dezember 2023 eingestellt werden. Es werde ein neues Angebot erarbeitet, heisst es beim Branchenverband.

Auch Niederämter Gemeinden bieten die Tageskarte für ihre Einwohnerschaft an. Wir haben in einigen Gemeinden nachgefragt, wie beliebt das Ticket ist und ob sie am Angebot festhalten wollen. Schliesslich bezahlt eine Wohngemeinde der SBB 14'000 Franken pro Jahr und Karte, unabhängig davon, wie oft die Karte genutzt wird. Die Gemeinden dürfen je nach Einwohnerzahl ein gewisses Kontingent an Tageskarten für die Bevölkerung bestellen.

In Lostorf kosten die Tageskarten 45 Franken. Man kann sie drei Monate im Voraus, am Schalter oder online reservieren. Abgeholt und bezahlt werden muss das Tagesbillett am Schalter auf der Gemeinde. Im Moment ist nur Barzahlung möglich, man prüfe aber die Möglichkeit der Kartenzahlung. Zur Verfügung stehen zwei Stück pro Kalendertag.

Wie die Gemeinde auf Anfrage mitteilt, seien die Tageskarten in den Ferienwochen und an Wochenenden sehr beliebt gewesen. Dann kam Corona. Der Verkauf ist seit dem Frühling eingebrochen, die Karten bleiben bei der Gemeinde liegen. Das Angebot werde von der Bevölkerung geschätzt und von allen möglichen Personen genutzt. Wie es weitergehe, sei unklar. Man will das Nachfolgeprodukt abwarten und dann entscheiden.

Trimbach bietet keine Tageskarten mehr an

Die Gemeinde Trimbach hat das Angebot per Ende September eingestellt. Der Gemeindeschreiber, Philipp Felber, erklärt: «Wir müssen die Karten immer für ein ganzes Jahr bestellen. Dabei wissen wir nicht, ob wir auf den Karten sitzen bleiben. Das sind für uns hohe Kosten.»

Die Nachfrage ist seit dem Lockdown komplett eingebrochen. Zuvor sei die Auslastung «gut bis sehr gut» gewesen, sagt Felber. Man könne aber jederzeit wieder einsteigen und neue Karten bestellen. In der aktuellen Lage mache das aber keinen Sinn. In Trimbach kosteten die Karten 45 Franken, sie waren online jeweils für ein ganzes Jahr aufgeschaltet und reservierbar. Bisher hätten sich erst vereinzelt Leute nach den Karten erkundigt.

Einwohnern in Schönenwerd stehen zwei Karten à 45 Franken zur Verfügung. Gemeindepräsident Peter Hodel sagt: «Die Rechnung ging für uns vor Corona in etwa auf.» Man schaue das Angebot als eine Dienstleistung für die Bevölkerung an. Im Rahmen der Budgetberatung habe man sich immer wieder dafür entschieden, neue Karten zu bestellen. Das Angebot werde von den Leuten geschätzt.

Wie es sich momentan verhalte, kann Hodel nicht sagen; «ich kenne die Zahlen nicht». Buchbar sind die Tageskarten hier bis spätestens sieben Tage vor dem Abholdatum. Danach stehen sie zum Last-minute-Preis von 40 Franken zur Verfügung. «Wir werden das neue Angebot als Gemeinde beurteilen müssen», sagt Hodel. «Wir wollen sicher nicht in einem riesigen Umfang einfach mitziehen. Aber wenn es Sinn macht, sind wir dabei.»

Auch in Dulliken ist die schwindende Nachfrage seit dem Frühling ein Problem. Die Gemeinde hält gar ein Kontingent von sechs Karten für 40 Franken pro Tag. Dulliker Reisewillige können hier sechs Monate im Voraus buchen. Nach 10 Tagen vor Abholdatum stehen die Karten auch Einwohnern aus anderen Gemeinden zur Verfügung.

An Feiertagen seien die Karten immer beliebt gewesen. Generell könne man sagen, dass sie in den Sommermonaten besser verkauft wurden. «Doch unter dem Strich ist es ein Verlustgeschäft», wie die Gemeinde auf Anfrage bekanntgibt. Man wolle den Steuerzahlenden das jedoch anbieten. Für das kommende Jahr seien die Karten auf jeden Fall bestellt und weiter erhältlich. Danach wird die Lage wieder beurteilt.

In Däniken wurden bereits reservierte Karten storniert. Bereits bezahlte Tageskarten hat die Gemeinde zurückerstattet. Seit dem Frühling gebe es praktisch keine Buchungen. Früher sei das Angebot besser genutzt worden, in den letzten Jahren habe die Gemeinde dafür aber Geld draufgelegt. Man wollte aber dennoch an diesem Service festhalten. Hier kosten die Tickets 44 Franken, buchbar sind sie online über Monate im Voraus. Die Gemeinde hat sich nun etwas Neues überlegt. Ab dem 1. November gibt es die Tageskarten auch als Last-minute-Angebot. Einen Arbeitstag vor dem Gültigkeitstag kostet eine Karte nur noch 34 Franken. Zur Verfügung stehen vier Stück. Man hoffe auf eine sinnvolle Nachfolgelösung in der Zukunft.

Auf Anfrage sagt Reto Hügli von Alliance SwissPass: «Wir stellen seit einigen Jahren fest, dass die Verkäufe der Tageskarten durch die Einwohnergemeinden rückläufig sind.» In der aktuellen Situation habe sich diese Tendenz zusätzlich verstärkt. Darum arbeite man an einer neuen Lösung.

Heute besteht für die Gemeinden quasi ein unternehmerisches Risiko, wenn sie die Karten bestellen. Was bereits feststeht: Ab 2024 werden in der SBB-App und im Webshop mehr Spartageskarten zur Verfügung stehen. Diese kosten ab 29 Franken und haben während eines Tages die Funktion eines GA. Bestellen kann man sie auf digitalem Weg und bis maximal einen Tag vor der Gültigkeit. Auch bei Coop oder der Post besteht bereits ein Angebot von vergünstigten Tageskarten, bei denen kein Halbtax nötig ist. «Wir prüfen, ob die Gemeinden allenfalls ein Angebot in dieser Form übernehmen können», sagt Hügli.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1