Gerichtsverhandlung
Er mähte Gras beim Nachbarn: Lostorfer (81) bekennt sich vor Gericht als «nicht schuldig!»

Weil er auf dem Land seines Nachbarn Gras gemäht hatte, stand ein 81-jähriger Lostorfer am Dienstag vor dem Amtsgericht.

Lorenz Degen
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Das Mähen des Grünstreifens zwischen dem Garten (links) und dem Feld (rechts) löste die Anzeige aus.

Das Mähen des Grünstreifens zwischen dem Garten (links) und dem Feld (rechts) löste die Anzeige aus.

Bruno Kissling

Ein Coiffeur ist eigentlich Meister des gepflegten Schnittes. Doch offenbar interessierten ihn im vorliegenden Fall Gräser nicht so sehr wie Haare. So kam es am Dienstag Vormittag zu einer kuriosen Gerichtsverhandlung.

Zum ersten Mal in seinem Leben betrat der Rentner A. (Name geändert) einen Gerichtssaal. Der 81-jährige Lostorfer wehrte sich gegen einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft wegen mehrfacher geringfügiger Sachbeschädigung. Der Besitzer des Nachbargrundstücks, Coiffeur B. (Name geändert), hatte ihn anzeigt, weil er unerlaubterweise einen Grünsteifen auf seinem Land gemäht hatte. Jahrelang wurde dieses von C. (Name geändert) bewirtschaftet. C. erlaubte A., den etwa einen Meter breiten Grünstreifen mit dem Rasenmäher zu mähen, da C.’s breiter Balkenmäher nicht bis in die letzte Ecke vorstiess. A. war an einem optisch sauberen Übergang der Grundstücke gelegen.

Nachdem Landbesitzer B. vor zwei Jahren jedoch von C. einen hohen Preis für das geschnittene Gras verlangte, hörte dieser mit der Pflege auf. B.’s Land begann zu verwildern. A. störte dieser Zustand. So mähte er eigenhändig mit seinem Rasenmäher weiterhin den angrenzenden Grünstreifen, einmal im Juni und einmal im November 2019.

Ist das Mähen strafbar?

Während der erste Rasenmäher-Einsatz ohne Folgen bliebt, bekam A. nach dem zweiten eine Vorladung auf den Polizeiposten Dulliken. B. hatte Strafanzeige wegen Sachbeschädigung eingereicht und verlangte 500 Franken für das geschnittene Gras. Die Staatsanwaltschaft stellte einen Strafbefehl über 250 Franken aus, der aus 150 Franken Busse und 100 Franken Verfahrenskosten bestand. A. akzeptierte diesen aber nicht, daher kam es zur Gerichtsverhandlung, welcher Kläger B. fernblieb.

Richter Valentin Walter bemerkte, es sei eine «ungewöhnliche Verhandlung», die sich einzig um die Frage drehe: Ist das Mähen des dreissig bis vierzig Quadratmeter umfassenden Grünstreifens strafbar oder nicht? «Warum Sie das Gras gemäht haben, ist klar, das ist hier nicht der Punkt», sagte Walter, der sich viel Zeit nahm, A. die rechtlichen Aspekte darzulegen.

A. vermutet ein Racheakt

Walter wunderte sich indessen über die Staatsanwaltschaft: «Als Staatsanwalt hätte ich dieses Verfahren als Bagatelle eingestuft und eingestellt.» Auch sei die Busse von 150 Franken für eine solche Tat hoch. Mehrmals gab er A. die Möglichkeit, den Strafbefehl zu akzeptieren und damit einer Verurteilung zuvorzukommen. A. wollte jedoch den Richterspruch erhalten. Für ihn lag keine Sachbeschädigung vor: «Gras wächst ja wieder nach. Es ist nicht beschädigt.»

Auch vermutete A., dass sich Coiffeur B. mit der Anzeige an ihm rächen wolle, da B. einmal illegal Wurzelstöcke auf dem Land deponiert habe, was A. wiederum der Baukommission meldete. «Das ist jetzt die Retourkutsche», meinte A. Auf derlei Vermutungen wollte Walter nicht eingehen: «Das Gras ist beschädigt. Die Frage ist, wie hoch ist der Schaden?» Diesen bewertete er mit «etwas mehr als Null Franken».

Er mäht dort seit Jahren

A. berief sich auf ein «Gewohnheitsrecht», da er ja den Grünstreifen seit Jahren mähe. «Gewohnheitsrecht gibt es in den Köpfen der Leute, aber helfen tut es nicht», klärte ihn Walter auf. Das Kapprecht greife ebenfalls nicht, da dieses auch nicht erlaube, auf fremdem Land tätig zu werden. «Auch wenn es nicht gepflegt wird?» wollte A. wissen. «Auch wenn es nicht gepflegt wird», beschied ihm Walter. «Sie haben darauf keinen Anspruch.»

A. leuchtete dies nicht ein: «Ich verstehe nicht, warum jemand, der sein Grundstück vergammeln lässt, Recht bekommt.» Jetzt seien Mäuse auf dem Feld heimisch, bald würden Brombeeren wachsen. Das Feld werde verganden.

Richter Walter zeigte Verständnis für A.s Situation, was sich auch im Urteil zeigte. A. wurde wegen der mehrfachen geringfügigen Sachbeschädigung schuldig gesprochen, Walter erliess ihm jedoch die Busse. A. muss 400 Franken Gerichtskosten plus 63.30 Franken an Portokosten übernehmen. Walter ermahnte A., den Rasenmäher künftig nur auf seinem Land einzusetzen. «Ansonsten ist es keine Bagatelle mehr.»

Und er wünschte ihm Gelassenheit beim Anblick des Nachbarfeldes: «Egal, wie falsch es für Sie aussieht, etwas mähen, was Ihnen nicht gehört, ist eine Sachbeschädigung.» Für diese juristische Sichtweise hat A. kein Verständnis. «Ich fühle mich nicht schuldig!» Berufung will er nicht einlegen, auch wenn das Problem für ihn noch nicht gelöst ist: «Das Gras wächst ja im Frühling dann wieder.»