Karl-Heinz Kagerer hält einen computergeschriebenen Brief in der Hand. Schwarz auf weiss steht dort auf Englisch: «Als Mitglied der ACAT-Schweiz (...) schreibe ich Ihnen im Namen von Scheich Abdel Rehim Abdel Halim Gabreel.» Der 80-jährige Ägypter sitzt seit fünf Jahren im Gefängnis, er soll die Todesstrafe erhalten für seine angebliche Beteiligung an einem Massaker in Kairo. Für Amnesty International und für Kagerer ist klar: Er ist unschuldig.

Adressat des Schreibens ist Abdel Fattah al-Sisi, der ägyptische Präsident höchstpersönlich. Kagerer hat seine Unterschrift darunter und seinen Stempel darüber gesetzt. «Ich weiss, als Einzelperson kann ich nicht allzu viel bewirken. Aber irgendwo muss ich anfangen, oder?»

«Die Leute sagen: ‹Die machen etwas Gutes›»

Der 59-Jährige hat vor rund 20 Jahren die ACAT-Gruppe Trimbach/Olten mitgegründet (siehe Box). Seit sieben Jahren leitet er das kleine Team von fünf Personen. Kagerer erzählt gerne vom Engagement seiner Sektion. 

Er ist stolz darauf, dass sie so viele Anlässe pro Jahr auf die Beine stellen, wie kaum eine andere Gruppe in der Schweiz — trotz der wenigen Mitglieder. «In Trimbach ist ACAT den Leuten ein Begriff. Sie sagen: ‹Die machen etwas Gutes.›» Das gibt dem Vater zweier erwachsener Kinder selbst ein gutes Gefühl.

Er schwimmt auch mal gegen den Strom

Kagerer ist gläubiger Katholik — «aber ich bin kein Knierutscher, wie man in Bayern zu den erzkonservativen Katholiken sagt». In seiner deutschen Heimat München lernte er seine Frau in der Pfarrei kennen. «Das war der reinste Kupplerverein.» Vor 30 Jahren zog der Wunsch nach beruflichen Verbesserungen das Paar dann in die Schweiz: Seither lebt die Familie Kagerer in Trimbach.

Der gelernte Drucktechniker arbeitet heute bei einer Druckerei in Oensingen. Er engagiert sich seit Jahren in verschiedenen Ämtern in der katholischen Kirche im Raum Olten. Und exponiert sich auch mal: «Ich eckte in Kirchenkreisen schon öfters an. Ab und zu ist es aber gut, gegen den Strom zu schwimmen.» Trotzdem: Neu erfinden wolle er die katholische Kirche nicht.

«Heute nennen wir das Solidarität»

Die Leitungsaufgaben der regionalen ACAT-Gruppe erledigt Kagerer in seiner Freizeit. Er will sein Engagement nicht als Hobby bezeichnen: «Briefmarkensammeln wäre ein Hobby. Aber ‹Lebensaufgabe› ist eigentlich auch ein zu grosses Wort dafür. Auch wenn es der Sache vermutlich näher kommt.» Für den leidenschaftlichen Fotografen und Wanderer ist es «gelebte christliche Nächstenliebe». Kagerer erklärt schmunzelnd: «Heute nennen wir das Solidarität.»

Diese will der deutsch-schweizerische Doppelbürger auch im Alltag ausleben. «Ich begegne allen Menschen gleich. Egal, welche Hautfarbe sie haben, auf was für eine Weise sie leben oder welcher Religion sie angehören.» Er will nicht nur darüber sprechen, sondern «wirklich den Menschen beistehen und ihnen helfen».

Dutzende Briefe an Regierungen geschickt

In der Schweiz käme die Nächstenliebe zu kurz: «Hier werden alle Menschenrechte erfüllt. Da denken viele, dass man sich nicht mehr darum kümmern müsse.» Dass nicht weit weg aber unzählige Menschen zu Unrecht inhaftiert sind, misshandelt und gefoltert werden oder gar die Todesstrafe erhalten, davor verschliesse man oftmals die Augen.

Kagerer hat schon dutzende Briefe an die Regierungen von Ägypten, Vietnam oder der Türkei geschickt. «Das ist das Mindeste, das ich tun kann.» Manchmal stellt er sich vor, wie die Inhaftierten reagieren würden, wenn sie wüssten, dass in der Schweiz ein paar Leute Briefe für sie schreiben.

Manchmal stellt er sich auch die «schrecklichen Haftbedingungen» vor. Doch dann baut Kagerer wieder seine Mauer auf, Stück für Stück. Bevor ihm die Schicksale der zu Unrecht Verurteilten zu nahe kommen. Und so setzt er sich dann wieder an seinen Schreibtisch und unterschreibt schwungvoll den nächsten Brief an einen Machthaber.