Gösgen

Eine Tankladung reicht für 400 Kilometer – werden wir in Zukunft mit Wasserstoff tanken?

Saubere Energie für die ganze Schweiz: Seit wenigen Wochen wird im Wasserkraftwerk Gösgen erneuerbarer Wasserstoff hergestellt. Verantwortlich dafür: die Firma Hydrospider.

Die Firma Hydrospider verfolgt mit ihren Partnern ein ambitioniertes Ziel: Bis 2025 sollen in der Schweiz 1600 Lastwagen mit Wasserstoff betrieben werden. Seit mehr als 100 Jahren wird in Gösgen mit dem Wasser der Aare Energie produziert. Im Hauptgebäude des Wasserkraftwerks in Niedergösgen stehen dafür fünf grosse, blaue Maschinengruppen in einer Reihe. Eine davon wird für den Bahnstrom genutzt. Die Energie der restlichen Maschinen wird ins normale Stromnetz gespeist. Pro Tag können bei optimalen Bedingungen bis zu 1200 Megawattstunden Strom produziert werden.

Ein Teil dieses Stroms wird seit Kurzem für ein visionäres Projekt verwendet. Aus der mittleren der insgesamt fünf Maschinengruppen wird Strom abgezapft und für die Herstellung von Wasserstoff verwendet. Zuständig für die Produktion dieses Wasserstoffs ist die Firma Hydrospider ­(siehe Infobox unten links). Die 2-­Mega­­watt-Anlage in Gösgen ist schweizweit einzigartig und deckt den gesamten Schweizer Bedarf an erneuerbarem Wasserstoff für die Mobilität. Aktuell fahren hierzulande ein Lastwagen und rund 40 Personenwagen mit dieser Technologie.

Die ganze Anlage stammt aus Amerika

Grund genug, die Firma Hydrospider in Niedergösgen zu besuchen. Dafür haben wir uns mit Geschäftsführer Thomas Fürst getroffen. Der Oltner führt uns durch die gesamte Anlage und erklärt, wie der Wasserstoff produziert wird. Begonnen hat alles im vergangenen Jahr. Nachdem die Firma Alpiq, der auch das Wasserkraftwerk Gösgen gehört, bei Hydrospider eingestiegen ist, wurde Niedergösgen als Standort für die Wasserstoffproduktion ausgewählt. Im Oktober 2019 wurde dann die Anlage, die aus Amerika stammt, aufgebaut. Im Frühling 2020 wurde sie in Betrieb genommen. «Am 29. Mai haben wir den ersten Container mit Wasserstoff an eine Tankstelle geliefert», sagt Thomas Fürst.

Doch wie wird dieser Wasserstoff genau hergestellt? In einem ersten Schritt wird der Strom vom traditionellen Wasserkraftwerk zur Wasserstoff-Produktionsanlage geleitet. Diese befindet sich ebenfalls auf dem Areal des Wasserkraftwerks – vielleicht 100 Meter entfernt vom Hauptgebäude. Zuerst wird der Strom auf eine Spannung von 400 Volt transformiert und danach von Wechselstrom in Gleichstrom umgewandelt. Dann erfolgt im Elektrolyseur die eigentliche Produktion des Wasserstoffs.

Eine Tankladung reicht für 400 Kilometer

Dafür wird mit Hilfe der Energie des Gleichstroms normales Trinkwasser in Sauerstoff und Wasserstoff aufgeteilt. Dieser Vorgang läuft in einem relativ kleinen und unscheinbaren weissen Container der Elektrolyseanlage ab. «Entscheidend ist, dass wir dafür extra aufbereitetes, entmineralisiertes Wasser verwenden – also Wasser, das möglichst rein ist und keine Mineralien wie beispielsweise Kalk enthält. Ansonsten funktioniert die Aufteilung in Wasserstoff und Sauerstoff nicht», erklärt Thomas Fürst.

Im letzten Schritt wird der Wasserstoff in einem Kompressor auf 350 bar komprimiert. Der Sauerstoff wird nicht weiterverwendet, sondern in die Umwelt abgegeben. Der komprimierte Wasserstoff wird danach in grosse Gasflaschen gefüllt, die in Wechselcontainern zu den Tankstellen geliefert werden. Pro Container können neun Flaschen transportiert werden. «Der Wasserstoff eines Containers reicht aus, um zehn Lastwagen vollzutanken, die dann je 400 Kilometer fahren können», so Thomas Fürst.

Aktuell gibt es in der Schweiz erst zwei Tankstellen, an denen man Wasserstoff tanken kann. Eine steht in Hunzenschwil AG, die andere in St. Gallen. Die nächste, die im Herbst dieses Jahres eröffnet wird, befindet sich in Zofingen. «Bis Ende Jahr wird es in der Schweiz insgesamt sechs Wasserstoff-Tankstellen geben. Es ist dann auch ohne weiteres möglich, von Genf bis St. Gallen zu fahren und dabei regelmässig zu tanken», sagt Thomas Fürst.

Weitere Produktionsstandorte werden angestrebt

Teil des Projekts, das Hydrospider gemeinsam mit Hyundai Hydrogen Mobility und dem Förderverein H2 Mobilität umsetzt (siehe Infobox nebenan), ist nicht nur der Ausbau des Tankstellennetzes. Es sollen auch weitere Produktionsstandorte für Wasserstoff entstehen. In Niedergösgen können maximal 300 Tonnen Wasserstoff pro Jahr produziert werden. Das reicht für 50 Lastwagen. Genauso viele wie bis Ende Jahr in der Schweiz im Einsatz stehen sollen. Es ist also klar, dass Hydrospider seine Produktion ausbauen muss.

Dies wird jedoch in einem ersten Schritt nicht in Niedergösgen passieren. «Es ist wichtig, dass die Produktion des Wasserstoffs in der Nähe der jeweiligen Tankstellen liegt. Dann sind die Wege kürzer», sagt Thomas Fürst. «Um dies zu erreichen, müssen wir auch die Produktionsstandorte besser verteilen. Es ist jedoch gut möglich, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt die Produktion hier in Niedergösgen ausbauen», erklärt Fürst weiter. So oder so: Der Standort im Niederamt spielt in diesem visionären Wasserstoff-Projekt auf jeden Fall eine tragende Rolle.

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