Ein Zuhause reicht Marianna Moser nicht. Die Wisnerin pendelt jedes Jahr zwischen ihrem Haus am Südfuss des Wisenbergs und dem Wohnwagen am Strand von Podaras an der Westküste der griechischen Insel Lesbos. Trotz der finanziellen Probleme der Griechen und der prekären Situation der Geflüchteten auf der Insel, ist Lesbos für Moser die zweite Heimat. Frühling, Sommer und Herbst verbringt sie in der Wärme. «Wenn ich nach den Ferien in Griechenland wieder zurück in der Schweiz war, fühlte ich immer, dass ich nicht richtig satt geworden war», erzählt Moser.

Vor zehn Jahren hat sich Moser für ein Leben zwischen den Ländern entschieden. Damals gab sie ihren sicheren Job als Zivilstandsbeamte in Olten auf und gründete ihr eigenes Unternehmen: Die 59-Jährige organisiert Reisen auf Lesbos. Unterkunft, Verpflegung, kulturelle Erlebnisse — Moser kennt die Gegend in- und auswendig und bietet ihren Gästen eine grosse Auswahl an Aktivitäten an. Wanderungen, Koch- oder Sprachkurse, Museen oder sogar Wellness seien möglich.

«Eine unvergessliche Reise»

Die Liebe zu Griechenland flammte bei Marianna Moser vor 42 Jahren auf. Sie besuchte zusammen mit ihrer Mutter ihre Geschwister, die einige Monate auf der Insel Kreta verbrachten. «Da hat es mir den Ärmel reingenommen. Eine unvergessliche Reise.» Wann immer sie in einem anderen Land unterwegs war, habe sie sich gefragt: «Warum bin ich hier hin und nicht nach Griechenland gereist?»

Nach der Erkundung des Landes blieb Moser dann auf der Insel Lesbos hängen: «Vor 34 Jahren war ich zum ersten Mal dort und es hat mir gleich gefallen.» Auf der Insel gibt es «keine riesigen Hotelklötze, keine verschandelten Strände», schwärmt die zweifache Mutter. Besonders in ihr Herz geschlossen habe sie das kleine Dorf Tavari an der westlichen Küste von Lesbos. «Dieser Ort hat Vorzeigecharakter. Die Bewohner halten zusammen, helfen einander und engagieren sich», berichtet Moser, die fliessend Griechisch spricht.

Der Arzt behandle seine Patienten kostenlos, die meisten Familien seien Selbstversorger. «Da könnten wir uns alle eine Scheibe davon abschneiden», sagt Moser und spricht damit die finanzielle Situation des gesamten Landes Griechenland sowie die sozialen Schwierigkeiten auf der Insel Lesbos an.

«Das ist eine Schande für Europa»

2015 war für die drittgrösste Insel Griechenlands, deren Ostküste rund 15 Kilometer von der türkischen Küste entfernt liegt, ein anstrengendes Jahr. Tausende Flüchtlinge kamen an den Stränden in kaum fahrtüchtigen Gummibooten an. Im Flüchtlingslager Moria wurden die Geflüchteten untergebracht. Noch immer leben mehr als 13'000 Menschen auf der Insel. «Was auf Lesbos passiert, ist eine Schande für Europa», sagt Moser.

Man habe die Inselbewohner mit dem Problem alleine gelassen. «Und gleichzeitig hat man dafür gesorgt, dass die Touristen vergrault werden.» Es werde Angst geschürt vor den Geflüchteten, obwohl diese unbegründet sei. Die angebliche «Krise» sei höchstens rund um die Flüchtlingslager und in der Hauptstadt Mytilini ansatzweise zu sehen. Moser: «Die Insel ist 1633 Quadratkilometer gross und hat so viel mehr zu bieten.»

Eindrückliche Begegnungen auf der Fähre

Moser kennt die Flüchtlingslager aus den Medien und von Erzählungen ihrer griechischen Freunde. Sie wolle keine Voyeurin sein, die da vorbeigeht. Aber sie habe auch schon Geflüchtete angetroffen: Da sie einen Hund hat, reist sie immer mit der Fähre nach Griechenland. Auf dem Schiff sitze sie dann jeweils an Deck. «Einmal waren wir zusammen mit rund 3000 Geflüchteten unterwegs, die nach Kavala aufs griechische Festland gebracht wurden», erzählt Moser. Diese Begegnungen mit jungen Müttern und ihren Kindern, mit Familienvätern und jungen alleinreisenden Männern machten ihr Eindruck.

Während sie es sich zur Aufgabe gemacht habe, den griechischen Dorfbewohnern auf Lesbos unter die Arme zu greifen, bewundere sie das Engagement der vielen freiwilligen Helfer in den Flüchtlingslagern. Moser: «Ich hoffe, dass Europa möglichst bald besser zusammenarbeitet. So wie es die Dorfbewohner hier auf Lesbos auch tun. Die würden ihrem Nachbarn ihr letztes Hemd geben.»