Trimbach

«Durch die Krankheit habe ich Demut gelernt»: Wie er vom Kapitalisten zum Sozialfall wurde

Das gespiegelte Ich: Stephan von Arx blickt selbstkritisch auf sein ereignisreiches Leben zurück.

Das gespiegelte Ich: Stephan von Arx blickt selbstkritisch auf sein ereignisreiches Leben zurück.

Stephan von Arx rannte durchs Leben, bis ihm wortwörtlich die Luft ausging. Heute ist der Trimbacher an ein Sauerstoffgerät angewiesen.

Er lebte im Rausch der Wirtschaft. Auf der Suche nach mehr Umsatz, mehr Wachstum, mehr Effizienz, mehr Karriere. Ein Kapitalist, durch und durch, so beschreibt der 64-jährige Stephan von Arx sein vergangenes «Ich».

Seine Karriere führte ihn von einer kriminellen Zürcher Treuhandfirma zur Führungsetage von Publizistikunternehmen bis hin zur Geschäftsleitung eines Eishockeyklubs. Von Arx hat geraucht, als junger Optionenverkäufer seine Provisionen in Autos und Urlaub verschleudert, an der Schnur gezogen, bis es nicht mehr ging.

Nun ist er durch einen Schlauch an ein Sauerstoffgerät gebunden, dessen Brummen zum Ostinato seines zweiten Lebens geworden ist. Letzteres hat gemäss von Arx im Januar 2020 auf einem Bett des Unispitals Basel angefangen, nach einer Operation, ohne die er sonst gestorben wäre. Auf seiner Facebook-Seite kündigt er es pathetisch an.

Das Leben hat Stephan von Arx eingeholt

Seit Anfang August lebt er in einer kleinen Wohnung unterhalb eines Trimbacher Einfamilienhauses. Die Mietzinsen übernehmen Ergänzungsleistungen, eine IV-Rente sichert seine materielle Existenz. Und das Sauerstoffgerät pumpt Leben in seine Lungen. Oder was von seinen Lungen noch übrig ist.

Stephan von Arx leidet an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung im Endstadium und einem Lungenemphysem. Salopp auch: «Raucherlunge». Diese bläht sich auf, die Sauerstoffzufuhr ist erschwert, Patienten leiden an Atemnot und einer ständigen Angst vor dem Ersticken. Im Januar sezierte der Chirurg seine Lungen, entfernte die überblähten und zerstörten Areale – «rund zwei Drittel des Lungenvolumens», sagt von Arx. Das Sauerstoffgerät nimmt man nur bei längeren Sprechpausen wahr.

Eine falsche Stille. Die Wohnung ist karg eingerichtet. Nackte Wände, keine Familienfotos. Lediglich belebt eine Tischvase mit Wiesenblumen das Wohn- und Esszimmer. Beim ausgedünnten Mann mit Dreitagebart deutet wenig darauf hin, dass er mal frenetischer Geschäftsführer war. «Was wollen Sie von mir wissen? Wie ich mich vom Saulus zum Paulus wandelte?», fragt er mit einem Lächeln.

Für ihn öffneten seine gesundheitlichen Probleme die Tür zu einer tieferen Einsicht in das Leben. «Ich habe erst durch die Krankheit Demut gelernt. Früher war mir es ein Fremdwort. Hingegen waren Karriere, Wachstum, Fortschritt, Autoverkehr, Atomkraft Teil meines Wortschatzes.»

Nach abgeschlossener KV-Lehre und Unteroffiziersschule steigt er 1976 bei der Firma CMI Treuhand ein. Dort verliert er das Verhältnis zum Geld. «Ich verdiente gewaltige Summen. Ich habe nichts davon gespart.» Der Börsenwahnsinn nimmt ein jähes Ende, als die Polizei die Räumlichkeiten betritt und befiehlt, alles liegen zu lassen und das Gebäude zu verlassen. Nach der Hausdurchsuchung und etlichen Strafanzeigen weist die Polizei den Geschäftsführern Betrug in Millionenbeträgen nach.

Publizistik, Eishockey, Polemik – und Abstieg

Danach geht es ruhiger weiter, doch die Ambition bleibt. Von Arx landet bei der Emmentaler Druck AG in Langnau. Im Hockey-Tal entdecken seine zwei Söhne ihre Leidenschaft für das Eis. Nach dem Vizepräsidium der Solothurner Zweigstelle von Publicitas übernimmt von Arx 2004 die Geschäftsführung des EHC Olten, weil er unterdessen Leute im sportlichen Umfeld kennt.

Der Klub ist in Geldnöten, sein Vorgänger wurde entlassen und hinterlässt ihm ein Chaos. Von Arx wird ebenfalls nach drei Saisons geschasst, weil er sich mit dem Verwaltungsrat überwirft. «Von da an ging es bergab.»

Ein turbulentes Liebesleben sorgt im Dorf für Unverständnis

Er heiratet 2005 in zweiter Ehe eine 20 Jahre jüngere Frau. Das Idyll dauert nicht; er will nach mehreren Herzinfarkten den Fuss vom Gaspedal nehmen. Träumt davon, Hausmann zu sein und ein Kind grosszuziehen, während seine Frau Karriere macht. Nach der Geburt ihrer Tochter sieht aber für die junge Frau alles etwas anders aus, sagt er. Es kommt zur Scheidung, der unbeschäftigte von Arx muss Alimente zahlen, kann aber nicht, verschuldet sich, wird betrieben, ausgestempelt, ausgesteuert. Von Arx war Kapitalist; er ist nun Sozialfall.

Sein turbulentes persönliches Leben hat ihn ebenfalls gekostet: Seine Söhne der ersten Ehe stören sich an der Altersdifferenz mit seiner zweiten Frau. In Wisen, wo er 14 Jahre gewohnt hat, kursieren Gerüchte über ein Verhältnis mit der Mutter seiner Ex-Frau. «Vom Hörensagen lernt man lügen. Ich habe meine Ex-Frau nicht betrogen. Aber es stimmt, dass ich nach der Trennung in ihrer Mutter jemanden fand, der mich verstand.»

Die Ägäis als Zuflucht

2009 findet er eine Beschäftigung als Buschauffeur für Touristen auf Lesbos. In den kommenden Jahren meldet er sich immer wieder an und ab bei den Behörden, um inmitten von Olivenhainen und blauen Dächern aufzuatmen. Der Dorfgeist und die glasklaren Buchten, die Freundlichkeit und der Zusammenhalt des griechischen Volkes während einer der schlimmsten Finanzkrisen des Landes und der Welt hinterlassen einen tiefen Eindruck auf von Arx. Der Kapitalist entdeckt hier den Gemeinschaftsgedanken. Die Ägäis wird zur Zuflucht.

Als Ärzte dann 2015 seine Lungenerkrankung diagnostizieren, ist er wieder ausschliesslich in Wisen sesshaft. Seine Schulden konnte er mit dem griechischen Lohn nicht tilgen, seine Gesundheitskosten steigen, bis er nach einer Depression, einem Aufenthalt in einer Klinik und der Lungenoperation sechs Monate in der sozialtherapeutischen Wohngemeinschaft Treffpunkt landet. Im Lockdown lebt er als Risikopatient isoliert. Schnell sehnt er sich nach mehr Eigenständigkeit. Der Verein erlaubt ihm dann, die kleine Wohnung in Trimbach zu beziehen, nachdem ein erster Versuch nach Eigenständigkeit in Wisen scheiterte (siehe Kontextbox).

Am Schluss des Gespräches kann man ihn weder als reines Opfer von Schicksalsschlägen noch als gänzlich selbst verschuldeten Versager charakterisieren. Er selbst blickt zurück und sieht ein, dass er oft falsch abgezweigt ist, Menschen verletzte. «Mit den Erkenntnissen, die ich jetzt habe, hätte ich wohl vieles anders gemacht. Ich kann aber nicht mein ganzes Leben bereuen und meine jetzige Lage als Gottesbestrafung betrachten. Vielleicht mache ich es mir dadurch zu einfach, aber ich würde sonst wohl erneut in die Depression versinken.» Dass der ehemalige selbst ernannte «Kapitalist» nun eher linke Werte pflegt, sei zugegebenermassen etwas opportunistisch: Klar sehe er jetzt, wo er vom Rennen ausgeschieden und auf Hilfe anderer angewiesen ist, eher ein, dass keine unbedingte Korrelation zwischen Geld und Glück besteht. «Vielleicht verhilft meine Geschichte, anderen schneller als mir zur Erkenntnis, ihre frenetische Lebenseinstellung zu überdenken …»

Nun schätzt er die kleinen Sachen im Leben – wie die Blumen, die seinen Esstisch schmücken.
Er träumt davon, ein Stück Land zu pachten, einen Wohnwagen aufzustellen, sich dort niederzulassen, von nahe liegenden Bauern Gemüse zu kaufen und seinen letzten Lebensabschnitt in der Natur zu geniessen. «Ich brauche lediglich Stromanschluss. Wegen meiner Sauerstoffgeräte.» Ansonsten hat er keine Ansprüche mehr.

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