1578 wurde in Stüsslingen das erste Pfarrhaus erbaut. Alle Bauern aus Lostorf, Winznau, Obergösgen und Trimbach, die über einen Zug verfügten, mussten für den Bau des Hauses ein Fuder Steine zum Priesterhaus transportieren. Die restliche benötigte Menge an Steinen wurde von den Obergösger Bauern selber organisiert.

Doch das erste Stüsslinger Pfarrhaus hatte kein langes Leben: nach rund 100 Jahren – der exakte Zeitpunkt ist unbekannt – wurde das neue, heute noch bestehende Pfarrhaus gebaut. Dieses hat mittlerweile also fast 350 Jahre auf dem Buckel und hat durch sein Alter vieles miterlebt.

Während ungefähr 300 Jahren diente das Pfarrhaus seinem eigentlichen Zweck: Das dreigeschossigen Wohnhaus mit grossem Garten und angebauter Scheune diente als Zuhause des katholischen Pfarrers. 1944 wurde das Haus unter Altertümerschutz gestellt.

Schützenswert sind insbesondere die zwei Balkendecken und ein Kastenofen aus dem 18. Jahrhundert im Hausinnern. Als letzter Pfarrer war Johann Fischer, der neben seinem Amt auch als Verwalter und Kassier der Raiffeisenkasse Stüsslingen arbeitete – welche ebenfalls im Stüsslinger Pfarrhaus untergebracht war – im Priesterhaus. Nach dessen Wegzug aus dem Dorf beginnt erst die turbulente Geschichte des ehemaligen Pfarrhauses.

Die Ära «Pfarrhaus»

Die Frage, die sich die römisch-katholische Kirchgemeinde stellen musste: Lohnt sich ein Umbau des mittlerweile renovationsbedürftig gewordenen Hauses oder muss ein neues Pfarrhaus her? Eine ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung wurde im Dezember 1976 abgehalten, um diese Frage zu beantworten.

Das Protokoll der Versammlung besagt, der Pfarrhof sei «in derart erbärmlichem Zustand, dass ein vollständig neuer Ausbau notwendig wäre, wenn die Bewohnbarkeit den heutigen Erfordernissen genügen sollte». Die Kosten einer Renovation wurden auf 450 000 Franken geschätzt, diejenigen für einen Neubau an neuem Standort auf 380 000 Franken.

Das Resultat der Abstimmung war dementsprechend eindeutig: 71 Stimmberechtigte forderten, das Pfarrhaus zu verkaufen und einen Neubau zu erstellen.

Die Ära «Hugelshofer»

Nur drei Monate später folgte die nächste ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung. Einstimmig wurde an dieser beschlossen, das alte Pfarrhaus für 200 000 Franken an die Firma CPO des Oberentfelder Walter Hugelshofer zu verkaufen.

1997 befand sich das Pfarrhaus in einem sehr baufälligen Zustand. Vor sechs Jahren war das Pfarrhaus mitten in der Gemeinde wieder in gutem Zustand anzutreffen.

Seinen Wohn- und Geschäftssitz verlegte dieser nach Unterzeichnen des Kaufvertrags nach Stüsslingen. «Für einige Stüsslinger war der Weltbürger Hugelshofer, der in Kalifornien gelebt hatte und in London und Spanien Häuser besass, ein Bonvivant, ein Filou», hiess es 1997 in der neuen Mittellandzeitung.

Es zeigten sich auch noch negativere Meinungen, wie beispielsweise diejenige des ehemaligen Gemeindepräsidenten, der sich ebenfalls 1997 zu Hugelshofer äusserte: «Er war ein Querulant. Einer, der sich über alle Richtlinien hinwegsetzt, und ohne Baubewilligung gebaut hat.»

Zwischen 500 000 und 600 000 Franken soll Hugelshofer in den Umbau des Gebäudes investiert haben – ob er eine gültige Baubewilligung hatte, habe ihn nicht sonderlich interessiert. 1989 jedoch erwarb Hugelshofer ein Stück Land in Spanien und versuchte, das alte Pfarrhaus – sein Lieblingshaus, das eine besondere Aura habe – zu verkaufen.

Den Preis von 1,5 Millionen Franken wollte jedoch niemand bezahlen. «Ich habe irgendwann aufgehört, die Zinsen zu bezahlen, um eine Versteigerung zu provozieren», erzählte er 1997 der neuen Mittellandzeitung.

Die Ära «Refugium»

So kam es denn auch: Am 18. April 1997 wurde das alte Pfarrhaus am Amtsgericht Olten Gösgen versteigert. Die Schulden von Hugelshofer betrugen 886 041 Franken, Hauptgläubigerin war die Credit Suisse mit einer Forderung von 885 250 Franken. Mehr als 10 791 Franken will jedoch niemand bieten – und so kommt es, dass nach nur 20 Minuten die Bank selber das Gebäude für 480 000 Franken kauft.

Im Dezember 1997 konnte die Bank den alten Pfarrhof bereits weiterverkaufen: Ein Ehepaar aus Däniken erwarb die Liegenschaft mit 3323 m² Bauland als Refugium für die Familie. Der Vater der Familie war weit über die Gemeindegrenzen bekannt: Täglich sass er vor dem Pfarrhaus auf einer Bank und winkte den vorbeifahrenden Menschen zu. Dies tat er bis zu seinem Tod im Januar 2017.

Nach 350 turbulenten Jahren konnte das alte Pfarrhaus schliesslich zur Ruhe kommen. Mittlerweile gilt es als Kulturgut von regionaler und kantonaler Bedeutung.