Amtsgericht

Der Überfall auf Obergösger Volg war kein Raub – Täter erhält Entschädigung

Der Mann hatte sich zwei Bier aus dem Regal geholt und dann die Verkäuferinnen aufgefordert, ihm Geld zu geben. (Archiv)

Der Mann hatte sich zwei Bier aus dem Regal geholt und dann die Verkäuferinnen aufgefordert, ihm Geld zu geben. (Archiv)

Der schuldunfähige Volg-Räuber von Obergösgen habe im Wahn gehandelt, so das Urteil des Amtsgerichts Olten-Gösgen. Der Mann erhält eine fünfstellige Entschädigung.

Keine Chance für die Staatsanwaltschaft. Der Überfall auf die Obergösger Volg-Filiale war erstens kein Raub, zweitens lag keine Nötigung des Verkaufspersonals vor, und drittens verstiess der Täter Antonio A. (Name geändert) nicht gegen das Betäubungsmittelgesetz. So beurteilt das Amtsgericht Olten-Gösgen die Geschehnisse vom 26. Juli 2018.

Als Massnahme ordnete es eine ambulante Suchtbehandlung an; die Staatsanwaltschaft hatte eine stationäre Behandlung gefordert. Das Urteil schliesst einen durchaus kuriosen Fall, der dem Beschuldigten am Mittwoch bei der Urteilseröffnung den Schweiss auf die Stirn trieb. Sein ordentlich durchgeschwitztes, pastellgrünes Kurzarmhemd war sowohl der Hitze als auch der Aufregung geschuldet, wie er seinem Verteidiger auf dem Gang erklärte.

Es ist nicht überliefert, ob Antonio A. auch schwitzte, als er vor gut zwei Jahren in Obergösgen den «Volg» betrat, zwei Bierdosen aus dem Regal nahm, zur Kasse schritt, von den Verkäuferinnen die Herausgabe von Bargeld verlangte und schliesslich selber in die Kasse langte, um mit 1200 Franken das Weite zu suchen respektive sich kurz darauf in Aarau der Polizei zu stellen. Sicher ist aber, dass er unter einer Psychose litt und die Tat in einem Wahnzustand beging. Zu diesem Schluss kam ein Gutachten, das A. als schuldunfähig einstuft.

Es ging bei der Urteilsfindung denn auch nicht um Schuld oder Unschuld, sondern darum, welchen Therapiemassnahmen der einst kokainsüchtige A. sich nun noch unterziehen muss. Die gut viermonatige Untersuchungshaft hatte bereits für einen kalten Entzug gesorgt, zudem wurde A. seit der Freilassung therapiert. Das Gericht hält eine ambulante Behandlung für ausreichend, verwies aber auf das Rückfallrisiko.

Der Milde des Gerichts liegt kurioserweise das Verhalten des Täters zu Grunde. A. hatte die Tat mit seinem Smartphone gefilmt; die Kamera des Geräts lief schon, als er sein Zuhause verliess, und sie lief auch noch, als ihn die Aarauer Polizei in Gewahrsam nahm. Er wollte damit belegen, dass er den Überfall nur durchführte, um verhaftet zu werden, weil er sich in einer schwierigen Lebenssituation befand und auf diesem Weg anwaltlichen Beistand zu erzwingen hoffte.

Das Gericht kaufte ihm die Geschichte ab und konnte aufgrund des Videos nachvollziehen, dass A. für das Verkaufspersonal kaum eine Bedrohung darstellte, also auch der Tatbestand der Nötigung nicht erfüllt wurde. Die Aussagen der Opfer, den Räuber nicht ernst genommen zu haben, unterstützten den Eindruck.

Schuldunfähige gehören nicht ins Gefängnis

A. ist kein Räuber im eigentlichen Sinn, sondern schuldunfähig, also hätte er auch nicht mehr als vier Monate lang inhaftiert werden dürfen. Das hiesige Strafrecht erlaubt zwar die Wegsperrung mutmasslicher Täter, wenn allerdings im Nachhinein ein Gutachten die Schuldunfähigkeit bescheinigt, hat der Staat den Preis dafür zu zahlen. Dieser Preis bedeutet für Antonio A. eine Entschädigung von 12'400 Franken plus eine Genugtuung in der Höhe von 2000 Franken. Die Verfahrenskosten gehen zu Lasten des Kantons Solothurn.

Der vorsitzende Amtsrichter schloss am Mittwoch Nachmittag mit dem Hinweis auf die 20-tägige Berufungsfrist und der Empfehlung in Richtung des Beschuldigten, die Suchtbehandlung auch freiwillig weiterzuführen, um einen Rückfall und gar eine erneute Inhaftierung zu vermeiden. «Sie werden nichts mehr von mir hören», beteuerte Antonio A.

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