Erlinsbach SO
Der Riskmanager will dem Gemeinderat auf die Finger schauen

Marcel Fehr (52) aus Erlinsbach SO lanciert Ende Januar den Polit-Blog «speuzinfo» und wird aus den Gemeinderatssitzungen bloggen.

Fabio Baranzini
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Marcel Fehr will mit seinem Blog die Erlinsbacher Dorfpolitik aufmischen

Marcel Fehr will mit seinem Blog die Erlinsbacher Dorfpolitik aufmischen

zvg/Foto Basler, Aarau

Seit 2012 wohnt Marcel Fehr mit seiner Frau in Erlinsbach SO. Obwohl er erst acht Jahre in der
Gemeinde heimisch ist und in keinem ortsansässigen Verein involviert ist, kennt man den 52-Jährigen in Erlinsbach. Das hängt vor allem mit seinem pointierten Auftreten an den Gemeindeversammlungen zusammen. Darauf bereitet er sich jeweils minutiös vor, stellt kritische Fragen und scheut dabei auch die Konfrontation mit dem Gemeinderat nicht. Fehr scheint auch der Einzige zu sein, der regelmässig von seinem Recht Gebrauch macht, die Sitzungen des Gemeinderates zu besuchen.
Dass er sich damit nicht nur Freunde macht, nimmt Marcel Fehr, der seit gut drei Jahren Mitglied der Erlinsbacher Finanzkommission ist, gerne in Kauf. «Ich bin mir absolut bewusst, dass ich mich so nicht nur beliebt mache, da ich die unangenehmen und kontroversen Themen anspreche. Das kenne ich aber aus meinem Berufsalltag», sagt Fehr, der im Risikomanagement arbeitet. «In dieser Funktion bin ich oft der Überbringer von Nachrichten, die eigentlich keiner hören will. Aber trotzdem ist es wichtig, dass man diese Informationen bekommt, um einen guten Entscheid zu treffen.»

Blog soll demokratische Debatten anstossen

Und genau diese Überlegung war auch der Anstoss für das neuste Projekt von Marcel Fehr. Er will mit seinem Polit-Blog «speuzinfo» für mehr Transparenz sorgen und die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinde über die politischen Themen informieren. «So soll eine demokratische Debatte
angestossen werden. Diese ist enorm wichtig für den Entscheidungsprozess. Aber soweit kommt es nur, wenn sich genügend Leute vertieft mit einem Thema befassen», sagt Marcel Fehr.

Das ist seiner Meinung nach im Moment nicht der Fall. «Wenn ich sehe, wie wenig Leute an den Wahlen und Abstimmungen teilnehmen und wie wenige die Gemeindeversammlung besuchen und sich dort aktiv einbringen, kommen mir die Tränen. Wir besitzen das Privileg umfassender, politischer Rechte – doch die meisten von uns nutzen diese nicht.»

Vorhandenes Know-how werde «kaum abgeholt»

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb Marcel Fehr sein Projekt «speuzinfo» lanciert. «Ich bin ernüchtert darüber, wie der Gemeinderat die Finanzkommission in die Entscheidungsfindungsprozesse miteinbezieht. Natürlich hat diese nur eine beratende Funktion, aber die vorhandene Expertise in Finanzfragen kann gerade punkto Risikoanalyse und möglichen langfristigen Konsequenzen extrem wertvoll sein. Leider wird dieses Know-how vom Gemeinderat kaum abgeholt», bedauert Fehr.

Und noch ein zweiter Punkt stösst ihm sauer auf. «In der aktuellen Situation finden die Gemeinderatssitzungen wegen Corona digital statt. Der Gemeinderat bietet jedoch keine Möglichkeit, den Sitzungen virtuell beizuwohnen, und verweist auf die Einsichtsmöglichkeiten in Protokolle und vorbereitende Unterlagen.
Dass dies in Sachen Transparenz kein gleichwertiger ­Ersatz ist, versteht sich von selbst. Diese beiden Punkte ­haben mich dazu bewogen, den Polit-Blog in die Tat umzusetzen.»

Ende Januar soll der Blog «speuzinfo» online gehen. Im Februar sollen die ersten Artikel folgen. Fehr, der offen sagt, dass er keine journalistische Erfahrung hat, begibt sich mit diesem Projekt auf ungewohntes Terrain. Allerdings nicht zum ersten Mal in seiner Laufbahn. Nach dem KV hat er sich erst zum Wirtschaftsinformatiker weitergebildet, holte danach die Matura nach und studierte anschliessend theoretische Physik. Es folgten zusätzliche Ausbildungen in den Bereichen Software Engineering, Projektleitung und Unternehmensstrategie.

Im Moment steckt Fehr zudem mitten in seiner Doktorarbeit, in der er sich mit dem Risikomanagement im Spitalwesen befasst und untersucht, wie das Bankwesen davon profitieren könnte.

Einfach und verständlich schreiben

Und nun also der Polit-Blog. Wieder ein Projekt, bei dem Marcel Fehr etwas Neues wagt und sich damit auch exponiert. Bewusst und mit einem gewissen Risiko. Ein Risiko, das er jedoch – wie könnte es als Riskmanager anders sein – bewusst abgewogen hat. «Ich werde sehr genau darauf achten, dass nur öffentlich verfügbare Informationen in meine Berichterstattung einfliessen werden.

Und auch sonst habe ich den Anspruch, dass ich in meinen Beiträgen objektiv und neutral berichte. Wichtig ist mir dabei, dass ich einfach und verständlich schreibe und mit vielen Beispielen und Analogien arbeite, damit die Themen leichter zugänglich sind», sagt Fehr, der guten Mutes ist: «Wenn ich damit einen Beitrag leisten kann, dass sich mehr Erlinsbacherinnen und Erlinsbacher am politischen Prozess beteiligen, habe ich mein Ziel erreicht.»

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