Karin Durand

«Das Fortschmeissen fasziniert mich»: Diese Trimbacherin ist jetzt ein Aufräumcoach

«Jedes Ding hat seinen Platz», findet Karin Durand. Kenne man diesen Platz erst einmal, werde das Aufräumen zum Kinderspiel.

«Jedes Ding hat seinen Platz», findet Karin Durand. Kenne man diesen Platz erst einmal, werde das Aufräumen zum Kinderspiel.

Aufräumen, und vor allem Entsorgen, ist für sie pure Freude. Deshalb hat sich Karin Durand als eine der Ersten in der Schweiz zu einem Aufräumcoach ausbilden lassen. Braucht es das?

Durch einen Artikel in einer Zeitschrift sei sie ein erstes Mal auf das Thema gestossen: Aufräumcoach. Leute, die anderen beim Aufräumen helfen. Und dies beruflich. «Wieso eigentlich nicht?», sagte sich Karin Durand. Kurzerhand reiste sie nach Wien und anschliessend nach Regensburg – in der Schweiz gab es diese Ausbildung vor ein paar Jahren noch nicht – und liess sich ausbilden. Theorie, wieso hat jemand Unordnung, und Praxis, wie gehe ich auf die Leute zu, wie helfe ich ihnen. Mit Zertifikaten aus den beiden Ländern kam sie zurück in die Schweiz. Nun versucht die hauptberufliche Hausfrau, in diesem jungen – und nicht anerkannten – Beruf Fuss zu fassen.

Ein erstes Mal in Aktion

Einen ersten Auftrag hat die 53-jährige Trimbacherin bereits an Land gezogen. Bei einem Jugendlichen aus dem Dorf – nennen wir ihn Flo*, der Sohn einer Kollegin – soll sie helfen. Für 70 Franken die Stunde. Dabei sei aber wichtig gewesen, dass sich Flo von sich aus bereit erklärte, mitzumachen. «Jemandem zu helfen, der gar nicht will, macht keinen Sinn», sagt Durand. Flo seinerseits scheint dem Ganzen nicht gänzlich abgeneigt: «Die Unordnung nervt mich schon. Aber ich habe keine Zeit, aufzuräumen. Irgendwann stapelten sich dann so viele Sachen, dass ich keine Lust mehr hatte, anzufangen.» Und klar würde er bei diesem «Experiment» mitmachen, kommentiert er weiter. Immerhin habe er danach ein aufgeräumtes Zimmer.

Und so macht sich das ungleiche Paar ans Werk. Erstes Zielobjekt: das Pult. Ein staubiges Etwas auf metallernen Beinen. Zuerst werden stapelweise Papiere, Hefte und Bilder auf den Boden gelegt. Auch eine Taucherbrille und ein rot-weisses Absperrband befinden sich auf dem Haufen. Dann drückt Durand Flo einen Lappen in die Finger. Aus dem staubigen Etwas wird eine gelbe Tischplatte. Nun stellt Durand drei Säcke auf den Boden. Einer für Dinge, die wegkommen, einer für Dinge, die woanders hingehören, einer für Dinge, bei denen sich Flo noch nicht sicher ist. Zurück aufs Pult kommt nur, was auch wirklich da hingehört. Nun ist es an Flo, jeden Gegenstand in die Finger zu nehmen und sich zu entscheiden. Stück für Stück schrumpft der Berg in sich zusammen. Knapp 30 Minuten später ist er komplett verschwunden, auf dem Pult lässt es sich wieder arbeiten.

«Ein befreiendes Gefühl»

Soweit so problemlos. Fragt sich nur: Braucht es das Ganze wirklich? Wieso nicht, findet Durand. Als sie aufgewachsen ist, hätten sich nur Gutbetuchte eine Putzfrau leisten können. Heute sei es normal, dass sich Leute Hilfe holen im Haushalt. «Andere Menschen haben einen Personal Trainer. Dabei könnten sie auch alleine draussen rennen gehen. Wenn ich mit etwas nicht zurechtkomme oder etwas nicht gerne mache, wieso soll ich mir nicht Hilfe von jemandem holen, der es gerne macht?», findet Durand.

Denn sie selber mache es gerne. Wegwerfen noch lieber als aufräumen. «Das Fortschmeissen fasziniert mich», sagt sie. «Es ist so ein befreiendes Gefühl, mit einem vollen Auto wegzufahren, Dinge in Container zu werfen und mit einem leeren Auto zurückzukommen.» Natürlich gebe es viele Leute, denen das egal sei, das sei ihr schon bewusst. Deshalb will sich Durand dort Arbeit suchen, wo es sie auch gibt: Bei Leuten, die ihren Haushalt verkleinern müssen. Vielleicht weil sie von einem Haus in eine Wohnung umziehen, oder weil sie die Wohnung aufgeben und ins Altersheim müssen. «Dort will ich helfen. Denn man kann nicht alles mitnehmen.»

Aufräumcoach. Der neuste Trend. Ob er sich halten wird, weiss Durand nicht. Momentan gebe es einen ziemlichen Hype um dieses Thema, ausgelöst von einer jungen Japanerin (siehe Box). «Doch vielleicht ist es nur ein Trend, der auch wieder vorbeigeht. Das weiss ich nicht.» Denn es gebe einige Hürden zu überwinden, bis sich das «Aufräumcoachen» durchsetzen könnte, findet sie: «Zugeben zu müssen, das man beim Aufräumen Hilfe braucht, ist ein grosses Tabuthema.» Manche Menschen würden sich dafür schämen, Unordnung zu haben. Sie würden sich einreden: Mein Gott, ich brauche doch keine Hilfe, ich kann doch selber aufräumen. «Dabei finde ich es mutiger, sich Hilfe zu holen, wenn man Hilfe braucht.

* Name von der Redaktion geändert.

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