Ballyana Sonderausstellung
Vortragsserie zur Geschichte des Herrenschuhs: Über die Jugendlichkeit ohne Alterslimite

Im Rahmen der Ballyana-Sonderausstellung «Bally Monsieur – Der Herrenschuh seit 1851», referierte Historiker André Schluchter über die Jugendlichkeit als Geschäftsmodell.

Denise Donatsch
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Historiker André Schluchter in der Schönenwerder Ballyana

Historiker André Schluchter in der Schönenwerder Ballyana

Seit 2010 betreibt die vor 21 Jahren gegründete Stiftung Ballyana in Schönenwerd ein Museum mit der Idee, die Erinnerung an die Ballygeschichte zu erhalten. Gemeinsam mit 45 Freiwilligen sorgt Stiftungspräsident Philipp Abegg dafür, dass die Welt des 21. Jahrhunderts Zugang hat zu rund 250 Jahren Industriegeschichte.

Das Museum bietet denn auch eine grosse Auswahl an Bally-Schuhmodellen, Produktionsmaschinen und vieles mehr aus vergangenen Zeiten; wer will, kann per Knopfdruck sogar die markdurchdringende Fabriksirene zum Heulen bringen, welche vor gut 100 Jahren die Arbeitenden daran erinnerte, dass nun der Arbeitstag beginnt.

Aktuell wird im Ballyana-Museum mit der Sonderausstellung «Bally Monsieur» der Themenschwerpunkt auf die Entwicklung des Herrenschuhs gelegt. Die dazu stattfindende Vortragsreihe kann von Interessierten kostenlos besucht werden. Den Auftakt dazu gab Historiker und Ballyana-Volunteer-Mitglied André Schluchter vergangene Woche mit seinem illustrierten Referat «Jugendlichkeit als Geschäftsmodell».

Bally-Poster von 1963.

Bally-Poster von 1963.

Facebook/Ballyana

Nach dem Krieg kommt eine Zeit der Jugendlichkeit

Fokus seines Vortrags lag dabei auf der Entwicklung des Herrenschuhs nach dem zweiten Weltkrieg.

«In der Nachkriegszeit wurde Jugendlichkeit erstmals zum erstrebenswerten Gut»,

erläuterte der 70-Jährige. Zuvor wurde die Jugend mit Attributen wie Eitelkeit und Torheit verbunden. Mit der Entwicklung der westlichen Industrieländer zur Konsum- und Wohlstandsgesellschaft änderten sich jedoch die Werte und Normen – Jugendlichkeit galt nun als attraktiv.

1945 richtete sich darum die Hauszeitschrift der Vertriebsorganisation Bally-Arola an das Verkaufspersonal mit den Worten: «Wenn ein Geschäft nicht verdorren will, dann muss es sich um die Jugend kümmern.» Finanziell gut gestellte Jugendliche wurden somit zur neuentdeckten Käuferschicht.

Der Loafer erobert die Modebranche

Neben der Modelinie «Jeunesse», welche vor allem an die junge Frau gerichtet war, wurde auch den Herren zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt.

«Die Frauen wurden dazu angehalten, die Männer zu guter Kleidung zu erziehen»,

so Schluchter. Die Werbung half tatkräftig mit, indem sie auf Plakaten unmissverständlich zu erkennen gab, mit welchem Dresscode man bei den Frauen punkten könne. Schlicht und elegant sollte der lederne Herrenschuh daherkommen.

Als jedoch 1952 amerikanische GIs in der Schweiz Urlaub machten, begann der Siegeszug des ‘Loafers’, einem Freizeitschuh, in den man den Fuss elegant hineingleiten lassen kann. Und spätestens als Alain Delon im Film ‘Plein Soleil’ in den Loafer eines soeben von ihm ermordeten Mannes schlüpfte, war der Schuh nicht mehr aus der Herrenabteilung wegzudenken.

«Stets wurde darauf geachtet, die Maskulinität dieses Modells zu betonen»,

weswegen man ihn der Kategorie «Club-Style» zugeordnet habe. Auch dem reiferen Mann, dem «Monsieur», sei es nun erlaubt gewesen, zu jugendlicher Mode mit Freizeitcharakter zu greifen. Mit dem neuen Motto ‘Jugendlich, aber an kein Alter gebunden’ wurde denn auch ein bis heute gültiges Modecredo erschaffen.

Die Sonderausstellung «Bally Monsieur – Der Herrenschuh seit 1851» im Ballyana in Schönenwerd dauert bis zum 19. November 2021. Weitere Infos unter ballyana.ch.