Aus Niederämter Sicht
«Wo äne gömmer?»

Melina Aletti
Melina Aletti
Drucken
Teilen
Wenn die Veranstaltung zu Ende ist und man den Abend noch anderswo ausklingen lassen möchte.

Wenn die Veranstaltung zu Ende ist und man den Abend noch anderswo ausklingen lassen möchte.

Bruno Kissling (Archiv)

Diese Frage mag so aus dem Zusammenhang gerissen beinahe philosophisch anmuten, ist aber in vielen Fällen ganz praktisch gemeint. «Wo äne gömmer?», wenn man sich mit Freundinnen treffen will und bereits ein Datum gefunden hat, aber noch keinen Ort. Oder «wo äne gömmer?», wenn eine Veranstaltung zu Ende ist und man den Abend noch anderswo ausklingen lassen möchte.

Meine Antwort lautet seit Jahren «is Coq d’Or». Zentral gelegen, gute Stimmung und man findet fast immer einen Platz. Eine optimale Wahl also. Leider war es vergangenes Wochenende zum letzten Mal die optimale Wahl.

Nicht, weil sich irgendetwas an der Bar verändert hätte, sondern weil der Güggel bekannterweise seine Türen dauerhaft schliessen musste. Ich denke gerne zurück, an die vielen Abende und Nächte in diesen Räumen und merke, dass ich wohl noch etwas Zeit brauchen werde, um wirklich zu realisieren, was mit dieser Schliessung alles fehlen wird. Denn dass etwas fehlen wird, ist klar, auch wenn es für jede und jeden etwas anderes sein wird.

Als Niedergösgerin bleibt mir nicht nur das Lokal in Erinnerung, sondern auch der Hin- und Rückweg. Oft habe ich bereits am Bahnhof Schönenwerd die Ersten getroffen, die auch ins Coq d’Or wollten. Viele holten dann am Bankomaten im Bahnhof Olten noch schnell etwas Bargeld und einem gemütlichen Abend konnte nichts mehr im Wege stehen. Wir waren zwar an die Fahrpläne des öffentlichen Verkehrs gebunden, wollten aber meistens trotzdem nicht früh nach Hause, also sassen wir bis zur letzten Minute auf einem der Sofas und eilten dann quer durch den Bahnhof zum letzten Zug oder Nachtbus.

Dort wiederum waren sicher wieder zwei, drei Nasen zu sehen, die den Abend auch im Coq d’Or verbracht hatten. Die vielen spontanen Begegnungen werden mir am meisten fehlen. Es stellte sich nie die Frage, wo man in Olten Leute treffen konnte. Menschen, mit denen ich vielleicht mal ein Wahlfach an der Kanti besucht habe, die ich in der Pfadi kennengelernt habe oder die sich aus Sitzplatzmangel an den gleichen Tisch gesetzt haben und mit denen ich ohne das Coq d’Or nie ein Wort gewechselt hätte. Wo werde ich sie nun wiedersehen? Werde ich sie überhaupt nochmal treffen?

Durch die Pandemie ist mir sehr stark bewusst geworden, dass ich unerwartete Treffen schätze und es bereichernd finde, nicht immer mit den gleichen drei Leuten zu diskutieren. Also habe ich in den letzten zwei Wochen rumgefragt: «Wo äne gömmer de jetzt?» Jetzt, wo es das Coq d’Or nicht mehr gibt. Ratlose Gesichter und klägliche Versuche, andere Bars in der Stadt Olten aufzuzählen, folgten. Doch eine wirkliche Antwort konnte mir niemand geben. Es wäre einfach nicht das gleiche.

Nur im Coq d’Or konnten wir uns die Nächte um die Ohren schlagen, trinken und reden bis es wieder hell wurde und schon in der Woche drauf einer Podiumsdiskussion folgen, zu der ausschliesslich junge Frauen eingeladen waren. Wir konnten Konzerte und Ausstellungen besuchen, ohne Gefahr zu laufen, unsere Eltern oder deren Freunde anzutreffen, und trotzdem eine breite Palette an Menschen sehen. Das alles wird sehr vielen Menschen sehr fest fehlen, und es ist traurig, dass es in der Region kein vergleichbares Lokal gibt.

Daran gibt es nichts zu beschönigen.

P.S. Es ist genau ein halbes Jahr her, seit ich vor Weihnachten versprochen habe, hier einen Reminder zu platzieren: Seid nett zueinander, schaut zueinander und bereitet euren Mitmenschen ab und zu eine Freude. Ohne speziellen Anlass, einfach weil es gut tut und weil viele es brauchen können. Und weil in sechs Monaten wieder Weihnachten ist.

Melina Aletti studiert Pharmazie und lebt in Niedergösgen.

Aktuelle Nachrichten