Aus Niederämter Sicht
Gesichtserkennung fehlgeschlagen

Melina Aletti
Melina Aletti
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Gary Waters

Auf dem Weg zur Bushaltestelle, beim Einkaufen oder am Gartentor: Ich treffe oft Menschen, die ich kenne; ich grüsse sie und halte je nach Situation einen kurzen Schwatz. Das wird vielen ähnlich gehen, die – wie ich – in der Region wohnen, wo sie aufgewachsen sind oder schon lange am gleichen Ort leben. Wer dazu noch in einem Verein oder in der Politik aktiv ist, kann fast sicher sein, schon bald nach Verlassen des Hauses ein bekanntes Gesicht anzutreffen.

Wer dem widersprechen will, gehört wahrscheinlich zu den Menschen, deren Fähigkeit zur Erkennung von Gesichtern eher schwach ausgeprägt ist. Ich selbst gehöre nicht zu dieser Gruppe. Seit ich mich erinnern kann, fällt es mir leicht, Menschen wiederzuerkennen und mir ihre Namen zu merken. Ich korrigiere: Es fiel mir leicht. Das allgemeine Tragen einer Hygienemaske im öffentlichen Raum stört mein inneres Gesichtserkennungsprogramm stark.

Da rund zwei Drittel des Gesichts bedeckt sind, bleibt nicht viel anderes übrig, als den Menschen direkt in die Augen zu schauen. Das mag zwar vorerst schön klingen, kann aber zu durchaus unangenehmen Situationen führen. Wir sind uns nicht gewohnt, im öffentlichen Raum so direkt angeschaut zu werden oder Menschen so direkt anzuschauen. Das überschreitet eine Grenze, welche die meisten von uns in sich haben.

Deshalb ist auch das Erkennen von Menschen nicht (nur) auf das Erkennen der Augenpartie ausgerichtet. Da aber momentan nicht viel anderes zur Verfügung steht, sehe ich mich erstmals mit der Situation konfrontiert, häufig nicht sicher zu sein, ob ich jemanden kenne oder nicht. Weiter ist es auch nicht mehr möglich, bei Unsicherheit einfach freundlich zu lächeln oder einen Gruss zu murmeln, denn das wird schlicht nicht bemerkt.

Wenn ich nun also unterwegs bin und zum Beispiel in einen Zug steige, bin ich hin- und hergerissen: Schaue ich die Menschen an oder laufe ich mit Blick auf den Gang einfach vorbei? Grüsse ich bei der Gemüseauslage in der Migros laut und deutlich oder tue ich so, als ob ich die Person nicht kenne? Ich habe in dieser Frage in den letzten Wochen und Monaten öfter falsch entschieden, als ich hier zugeben möchte. Aber nicht nur ich stosse an meine Grenzen bei der Gesichtserkennung.

Irgendwann ist mir aufgefallen, wie ein Teil meiner Kundschaft in der Apotheke vor dem Bezahlen kurz die Maske runterzieht und das Gesicht Richtung Smartphone hält, wie wenn man ein Selfie macht. Nachdem ich von diesem Verhalten anfangs leicht irritiert war, habe ich schon bald dessen Grund entdeckt: Sie entsperren die Bezahlfunktion ihres Telefons mittels Gesichtserkennung!

Ähnliches konnte ich auch in Vorlesungen oder Sitzungen mit Maskenpflicht beobachten: Ein beachtlicher Teil der Teilnehmenden muss die Maske entfernen und das Gesicht Richtung Frontkamera halten, um den Laptop benutzen zu können. Als ich zu Beginn meines Studiums einen neuen Laptop gekauft habe, entschied ich mich gegen eine Entsperrung mittels Gesichtserkennung. Ich wusste damals noch nicht wieso, aber ich war in den letzten zwei Jahren schon mehrmals froh um diese Entscheidung.

Es liesse sich viel diskutieren zum Thema Gesichtserkennung. Sie ist sicher bezüglich Datenschutz heikel und ich will mir gar nicht ausmalen, was man mit bösen Absichten alles damit anstellen könnte. Was mich aber momentan viel mehr umtreibt: Wenn die Gesichtserkennung am Handy oder Laptop nicht funktioniert, wird man aufgefordert, seine PIN einzugeben. Doch was ist die PIN für meine innere Gesichtserkennung?

Melina Aletti ist Pharmazie-Studentin und lebt in Niedergösgen.

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