Aus Niederämter Sicht
Gendern Sie schon?

Adriana Marti-Gubler
Adriana Marti-Gubler
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Voller Gendersterne: Ausriss aus den Statuten für einen neuen Feuerwehrverbund.

Voller Gendersterne: Ausriss aus den Statuten für einen neuen Feuerwehrverbund.

Symbolbild

Mittlerweile tritt er inflationär auf. Anfangs markierte er nur vereinzelt in Social-Media-Beiträgen oder E-Mails Präsenz. Heute mischt er zuweilen schon in amtlichen Mitteilungen, offiziellen Einladungen oder parlamentarischen Vorstössen munter mit. Sein Vormarsch scheint ungebremst. Der Genderstern. Um es vorwegzunehmen: Ich stehe auf Kriegsfuss mit diesem gut gemeinten Sonderzeichen.

Sehr schwer tue ich mich auch mit dem Begriff «gendern». Wer gendert, verwendet gemäss Duden bestimmte sprachliche Mittel, um Menschen aller Geschlechtsidentitäten sprachlich sichtbar zu machen. In der Theorie ist dieses Ansinnen richtig, in der Praxis jedoch führt es zu ungelenken Formulierungen bis hin zu unästhetischen und kaum aussprechbaren Auswüchsen, wie etwa Sprachkünstler*innen oder Wortakrobat:innen – wie spricht man das eigentlich aus? Ein weiteres Beispiel, bei dem mir die Haare zu Berge stehen: Kinder der Klasse (statt Schüler).

Kürzlich erreichte mich der «Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache in CH Media-Publikationen», zusammen mit der Aufforderung, diesen künftig in den Kolumnen anzuwenden. Das Oltner Tagblatt erklärt den Leitfaden bzw. das Gendern für verbindlich – ab sofort. Im Leitfaden folgt immerhin die Entwarnung: «Von der Einführung von Sonderzeichen wie Genderstern, Doppelpunkt, Binnen-I oder Slash wollen wir für unsere journalistischen Texte absehen.»

Viele Verlagshäuser beschäftigen sich aktuell mit gendergerechter Sprache. Es geht darum, Frauen und Männer in gleichem Masse sichtbar zu machen oder wie es im Leitfaden heisst, Frauen und Männern die gleichen Chancen einzuräumen. Ein unbestritten wichtiges Anliegen. Doch verbessern wir mit der konsequenten Nennung von Geschäftsführerinnen und Geschäftsführern, Ingenieurinnen und Ingenieuren oder Neurologinnen und Neurologen tatsächlich die Chancen der Frauen?

Die Redaktionen haben ein viel geeigneteres Instrument, um ihren Beitrag zur Chancengleichheit zu leisten: der redaktionelle Inhalt. Genau dort sollen Frauen gemäss ihrem Leistungsausweis abgebildet werden. Wenn wir junge Topmanagerinnen auf Titelseiten sehen, Chefärztinnen in Radiobeiträgen hören oder auch von Baumeisterinnen, Pilotinnen und Lastwagenchauffeusen lesen, werden sich unsere klischeehaften Rollenbilder mit der Zeit den tatsächlichen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Entwicklungen anpassen.

Ob ich mich übrigens angesprochen fühle, wenn in einem Text ausschliesslich das männliche Geschlecht verwendet wird? Das kommt ganz auf den Inhalt an. Bei der Schlagzeile «E-Bike-Fahrer machen die Solothurner Strassen unsicher» (SZ vom 21. September 2021) schiebe ich das gerne auf die männlichen Rowdies ab. Ich fahre sowieso mehrheitlich ohne elektrischen Antrieb. Heisst es in einer Headline aber wieder mal «Die Kosten trägt der Steuerzahler», nützt mir der vermeintlich unsensible Sprachgebrauch nichts. Auch meine Steuerrechnung dürfte betroffen sein. Und bei wohlwollenden Schlagzeilen bin ich sowieso nicht zimperlich ...

Adriana Marti-Gubler ist seit 2017 Gemeindepräsidentin (FDP) von Kienberg.

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