Aus Niederämter Sicht
Flucht

Wo würde ein Bankraub wohl eher gelingen: im Wallis oder im Niederamt? Unser Kolumnist vergleicht, nachdem er die Serie «Tschugger» geschaut hat, die strategischen Merkmale der beiden Gegenden.

Fabian Bloch
Fabian Bloch
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Making-of der zweiten Staffel: Regisseur und Schauspieler David «Bax» Constantin bei den Dreharbeiten zu «Tschugger».

Making-of der zweiten Staffel: Regisseur und Schauspieler David «Bax» Constantin bei den Dreharbeiten zu «Tschugger».

Dominic Steinmann

«Hände hoch, dies ist ein Überfall!»: Kurz vor diesem in Panik geschrienen Satz kommt ein maskierter Mensch in eine Bankfiliale und fordert umgehend viel Bargeld. Vielleicht zum puren Überleben, für ein Luxusauto oder sogar für schicke Ferien auf den Malediven – ich weiss es nicht. Der Überfall läuft aber schief und der Täter muss ohne Beute flüchten. Eine Szene, wie sie überall in der Schweiz und auf der ganzen Welt immer wieder vorkommt. So auch in unserem Niederamt.

Kennen Sie den entscheidenden Vorteil des Niederamts, verglichen zum Beispiel mit dem Wallis? Genau, der Täter hat im Niederamt bessere Fluchtchancen. Nehmen wir an, der fiktive Überfall würde in Dulliken passieren: Der Täter könnte in viele verschiedene Richtungen abhauen. Mit dem Zug ist er relativ schnell weg, mit dem Auto oder Motorrad ebenfalls und zu Fuss könnte er sich auch gut verstecken.

Vergleichen wir das mal mit einem Überfall in Blitzingen im Goms. Dort geht es nur weiter hoch ins Goms oder runter Richtung Fiesch. Die Tschugger im Wallis haben also eine Fifty-fifty-Chance, den richtigen Verfolgungsweg aufzunehmen. Und die Ebene bietet wenig Versteckmöglichkeiten.

Vielleicht ist es im Wallis als Räuber aber dennoch nicht schwieriger. Wieso? Die neue Serie «Tschugger» könnte diese Annahme verstärken. Alles fiktiv und erfunden, logisch. Die richtige Polizei macht ihre Arbeit bestimmt gut und richtig. Irgendwie glaubt man das vermittelte Image dennoch mindestens ansatzweise und man kann es sich schon ein bisschen vorstellen.

Meine Walliser Partnerin und ich haben die Serie zusammen geschaut und viel gelacht. Viele Anekdoten und Anspielungen kamen ihr jedenfalls bekannt vor und sie konnte diese bestätigen. «Das isch wirkli so.» Ich weiss, man liebt es oder hasst es – wir fanden es absolut unterhaltsam. Der Dialekt und der Fakt, dass Bax ein Schulfreund von Muriel ist, der offenbar schon damals viel «Seich» im Kopf hatte, tragen viel dazu bei.

Ich überlege gerade. Die zwei Regionen Niederamt und Goms sind nicht nur für Räuber und Überfälle unterschiedlich. Ich kenne Künstler im Goms, die von der Musik leben und dort ihre Beziehungen und Projekte leben. Was passiert, wenn du dort aus irgendeinem Grund aus der Band fällst, Ärger mit der Gemeinde hast oder die Stelle an der Musikschule verlierst?

Der Weg in eine neue Region ist sowieso weit und kompliziert. Vielleicht zwingt das einen, wegzuziehen oder eben sich lösungsorientiert zu verhalten. Probleme angehen, Visionen verfolgen und mit den Menschen vor Ort etwas aufbauen. Vielleicht haben die Menschen einen grösseren Zusammenhalt?

Bei uns im Mittelland sieht die Situation nämlich ganz anders aus. Einen Tapetenwechsel, aus welchem Grund auch immer, ist vom gleichen Standort aus möglich. Wenn es mir, in Wisen wohnhaft, nicht mehr passt, im Sälipark einzukaufen, fahre ich einfach in die andere Richtung den Berg runter und bin fast zeitgleich im schönen Baselbieter Städtchen Sissach und finde alles Notwendige auch dort. Ich meine, wir haben bei uns einen grossen Vorteil: Es ist unglaublich zentral.

Es gibt im Niederamt Menschen, die sind entweder Olten- oder Aarau-orientiert. Im Goms gibt es nur eine grössere Stadt: Brig. Dann Visp und dann ist man schon im Welschen. Auf der anderen Richtung gilt es die Berge zu überqueren. Aber man ist schnell in Italien – auch ein Vorteil.

Manchmal wünsche ich mir von unserer Region, dass man sich ebenso fest unterstützt, wie das im Wallis der Fall ist. Dort werden die eigenen Leute unterstützt. Vielleicht auch nicht immer zu Recht. So wie bei den Lebensmitteln: lokal einkaufen. Glaubt an eure Mitmenschen und unterstützt euch gegenseitig. Das gibt ein schönes Zusammengehörigkeitsgefühl, Vertrauen und die Chance, etwas ganz Grosses zu erreichen.

Fabian Bloch

ist Musiker, spielt Eufonium und liebt das Leben. Er lebt in Wisen.