Aus Niederämter Sicht
Eine Gemeindeversammlung voller Umweltingenieure

Melina Aletti
Melina Aletti
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Plakat, das auf die Gemeindeversammlung aufmerksam macht.

Plakat, das auf die Gemeindeversammlung aufmerksam macht.

Sandra Ardizzone

«Heute Gemeindeversammlung» steht auf einem Plakat am Dorfeingang. Wann waren Sie das letzte Mal an einer Gemeindeversammlung? Wenn Sie überhaupt dürfen, natürlich. Bei mir ist es jetzt etwas mehr als eine Woche her. In Niedergösgen ging es neben der Rechnung (die oft nur sehr wenige interessiert, weil viele sie nicht verstehen) auch um eine Solaranlage auf dem Schulhausdach.

Solche Sachgeschäfte ziehen meist mehr Stimmberechtigte an; in Niedergösgen waren es etwa doppelt so viele wie normalerweise. So weit, so gut. Ich sass also in der Mehrzweckhalle und hatte gut drei Stunden Zeit, um die sogenannte Keimzelle der Demokratie aus nächster Nähe zu beobachten und auch daran teilzunehmen. Dabei ist mir einiges aufgefallen.

Einerseits finde ich es schön, dass alle ihre Meinung äussern können und es an einer Gemeindeversammlung auch Raum gibt, um Fragen zu klären. Andererseits habe ich grosse Mühe damit, wenn aus den Fragen hervorgeht, dass die Person weder die Unterlagen gelesen noch bei der Präsentation wirklich zugehört hat. Dann noch zu meinen, man wisse mehr als die Mitglieder des Gemeinderates, die sich ein halbes Jahr in einer Arbeitsgruppe mit dem Thema auseinandergesetzt haben, finde ich dreist.

Geht es um die Schule, haben wir einen Saal voller Pädagogen. Behandeln wir eine Solaranlage, sind plötzlich alle Umweltingenieur oder Elektroplaner. Ich verwende hier bewusst nur die männliche Form, denn in den allermeisten Fällen sind es Männer, die sich so verhalten. Sie finden, sie hätten zu jedem Thema etwas zu sagen und meinen dann noch, das auch sagen zu müssen. In vielen Fällen resultiert daraus leider überhaupt kein Mehrwert, die Versammlung dauert einfach länger.

Weiter aufgefallen ist mir die Altersstruktur der Teilnehmenden und der Zusammenhang mit dem Stimmverhalten. In eine Solaranlage zu investieren, mit der die Schule grösstenteils unabhängig vom Strommarkt funktionieren kann, ist ein zukunftsweisender Schritt. Ein Schritt, den wir dringend brauchen, wenn meine Generation auch noch eine lebenswerte Zukunft haben soll.

Dass dann ganz viele ältere Menschen (ich rede hier von 65 aufwärts) an die Versammlung kommen und nicht einmal auf dieses Geschäft eintreten wollen, stimmt mich nachdenklich. Wie soll unsere Gesellschaft weiter funktionieren, wenn Menschen den Fortschritt verhindern, welche die Auswirkungen ihrer Entscheidungen nicht mehr erleben?

Man kann jetzt einwenden, die Jungen hätten ja auch an die Versammlung kommen können. Sind sie auch. Ich habe erst wenige Male so viele Menschen unter 30 an einer Gemeindeversammlung gesehen. Es ist aber in meinen Augen nicht nur eine Holschuld der Stimmberechtigten, sondern auch eine Bringschuld der Gemeinde. Über welche Kanäle werden die Termine bekannt gegeben? Wie werden die Stimmberechtigten über die anstehenden Themen informiert? Was für eine Atmosphäre herrscht an der Versammlung selbst?

Das alles sind Faktoren, welche die Teilnahme beeinflussen. Zudem gibt es Personengruppen, die von einer Teilnahme praktisch ausgeschlossen werden, obwohl sie stimmberechtigt sind. Was ist mit den Eltern, die keine Betreuung für ihre Kleinkinder haben? Was ist mit den Pflegefachpersonen oder Menschen, die Schicht arbeiten? Es gibt Aspekte an Gemeindeversammlungen, die sehr undemokratisch sind.

Vielleicht wäre es also durchaus eine Überlegung wert, die Gemeindeversammlung durch Urnenabstimmungen zu ergänzen oder zumindest eine Kinderbetreuung vor Ort anzubieten.

Melina Aletti studiert Pharmazie und lebt in Niedergösgen.