Aus Niederämter Sicht
Ein Dankeschön in Form von Eigenverantwortung

Adriana Marti-Gubler
Adriana Marti-Gubler
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Hanspeter Schiess (Archiv)

Einen 600-seitigen Kriminalroman lesen, der bereits seit Monaten im Regal liegt. In epischer Länge verfolgen, wie sich «Sissi» in Franzl verliebt und zur Kaiserin von Österreich wird. Freunde und Verwandte ausgiebig besuchen. Oder einfach nur relaxen. Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr bietet arbeitstätigen Personen Zeit für Dinge, die unter dem Jahr kaum Platz haben. Aber nicht für alle - an bestimmten Hotspots muss der Betrieb auch in dieser Zeit sichergestellt werden.

So richtig bewusst wurde mir das vor gut zwei Wochen. Unser Sohn Nino ist im Kantonsspital Olten - also auf Trimbacher Boden - zur Welt gekommen. Plötzlich waren wir für einige Tage zu den unterschiedlichsten Tages- und Nachtzeiten auf die Unterstützung der Pflegenden und insbesondere der Hebammen angewiesen. So ein Neugeborenes kennt schliesslich keine Ruhezeiten – und in Geduld ist es auch noch nicht wirklich geübt. Schnelle Reaktionszeiten sind gefordert.

Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir – egal um welche Uhrzeit und an welchem Tag – ins Spital aufbrechen können und für uns sofort ein ganzes Team bereitsteht. Das sollte es aber eben nicht sein. Damit diese ausgezeichnete Gesundheitsversorgung gewährleistet werden kann, braucht es ganz viel Personal, das mit Abend- und Nachtschichten oder auch Bereitschaftsdiensten einen besonderen Effort leistet. Dass diese Arbeit und vor allem die damit verbundene dauernde Präsenz kräftezehrend sind, versteht sich von selbst.

Ich will an dieser Stelle nicht mehr auf die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals, die Pflegeinitiative oder den nach meiner Ansicht gelungenen Gegenvorschlag eingehen – hierzu wurden in den letzten Wochen genügend Debatten geführt und das Stimmvolk hat einen Entscheid gefällt. Dazu gibt es nichts mehr zu sagen. Viel mehr möchte ich zur Wertschätzung aufrufen. Wir sollten dankbar sein, dass wir in der Schweiz ein solch starkes Gesundheitssystem zur Verfügung haben.

Dankbarkeit kann man auf verschiedene Arten ausdrücken. Beispielsweise indem man eigenverantwortlich handelt – gerade in den aktuell herausfordernden Corona-Zeiten. Wir müssen uns alle überlegen, welchen Beitrag wir zur Pandemiebewältigung leisten können. Impfen ist eine Sache – aber nicht jedermanns Sache, wie wir mittlerweile nur zu gut wissen. Eigenverantwortung kann man aber auch auf andere Weise wahrnehmen. Man kann sich etwa fragen: Ist heuer wirklich jeder traditionelle Weihnachtsanlass, den man bisher Jahr für Jahr in einer Selbstverständlichkeit besucht oder organisiert hat, angemessen? Können wir auf den einen oder anderen Kontakt ausnahmsweise verzichten? Den Silvesterapéro in Corona-ruhigere Zeiten verschieben? Die guten Freunde laufen schliesslich nicht davon.

Es wäre doch den über Weihnachten und Neujahr arbeitenden zu gönnen, dass sie ihrer Arbeit in gewohntem Rahmen nachgehen können – und nicht noch zusätzlich durch eine Vielzahl an Covid-Patientinnen und Patienten belastet werden. Zugegeben, mir fällt der Rückzug in die eigenen vier Wände einfacher als auch schon. Wartet doch hier eine schöne neue Aufgabe auf mich.

Adriana Marti-Gubler ist seit 2017 Gemeindepräsidentin (FDP) von Kienberg.