Aus Niederämter Sicht
Der andere Blickwinkel

Antje Kirchhofer-Griasch
Antje Kirchhofer-Griasch
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Bruno Kissling

Es ist Fastenzeit. Zwischen Aschermittwoch und Ostern fasten auch heute viele Menschen, aus religiösen oder aus gesundheitlichen Gründen. Das Frühjahr bietet sich unter anderem für ein längeres Heilfasten ganz ohne feste Nahrung an und ermöglicht dem Körper so, mit einem Neustart in den Frühling zu gehen. In vielen Religionen gehört Fasten seit jeher dazu, sei es an bestimmten Tagen der Woche oder zu bestimmten Zeiten im Jahr.

Traditionell wurde in der vorösterlichen Fastenzeit zwar kein Heilfasten praktiziert, aber es wurde 40 Tage lang unter anderem auf Fleisch, zeitweise auch auf anderes vom Tier und auf Alkohol verzichtet und nur eine grössere Mahlzeit pro Tag gegessen. 40 Tage lang wurde und wird in der Zeit zwischen Aschermittwoch und Karsamstag der Speiseplan eingeschränkt, die Sonntage als fastenfreie Tage nicht mitgerechnet. So kommt man auf die biblischen 40 Tage, die auch Jesus in der Wüste fastete.

In den letzten Jahren habe ich mir jeweils irgendetwas ausgewählt, auf das ich in diesen sieben Wochen ganz bewusst verzichten wollte, zum Beispiel auf Kaffee oder aufs Liftfahren. Ich habe jeweils etwas sein lassen, das sonst wie selbstverständlich zu meinem Alltag gehört hat. Für mich war das hilfreich, um Gewohnheiten zu hinterfragen und manches zu überdenken. Ich muss sagen: Dieses Jahr konnte ich mich dazu nicht motivieren. Offen gesagt, ich hatte keine Lust, mich bei meinem Schokoladen- und Schokoaufstrichkonsum einzuschränken, wo es doch sowieso schon so viele Einschränkungen im derzeitigen Alltag gibt. Noch mehr Verzicht? Nein danke, lieber nicht…

Stattdessen versuche ich, die diesjährige Fastenzeit einmal aus einer etwas anderen Perspektive anzuschauen. Ich will mich nicht allzu viel fragen, worauf ich verzichten soll oder muss, sondern viel mehr, was ich stattdessen lieber tun und pflegen will. Statt «Fleischverzicht!» zu üben, möchte ich lieber «klimafreundliches Essen» geniessen. Statt an «Kein Händeschütteln!» hängenzubleiben, versuche ich bewusst, «herzliche Worte» zu wählen. Statt den Fokus auf «Keine Besuche!» zu legen, schätze ich inzwischen auch «unkomplizierte Videomeetings» mit Freunden, die auch abends stattfinden können, wenn die Kinder im Bett sind und ich sowieso zu Hause bin.

Ich gebe zu, dieser Perspektivenwechsel hilft mir nicht bei jeder persönlichen Corona-Krise. Und er hilft vermutlich auch allen denen nicht, die von wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Sorgen umgetrieben werden.

Der andere Blickwinkel hilft mir aber zumindest, mit meinen Enttäuschungen besser zurecht zu kommen. Im Moment bin ich enttäuscht. Ich hatte so fest gehofft, dass nach Ostern alles einfacher werden würde. Im Moment sieht es noch nicht gerade danach aus. Ich hatte mich auf ein nachösterliches Essen auf einer Restaurantterrasse und auf einen gemütlichen Apéro mit Anstossen und Chips-aus-derselben-Schüssel-Essen gefreut, bei dem es ein Gedränge vor dem Buffet und viele ungezwungenen Gesprächen gegeben hätte.

Ich hätte mich auch auf das fröhliche Eiertütschen nach der Osternachtsfeier in der Stiftskirche mit meiner Gemeinde gefreut mit einem ersten Glas Wein nach sieben Wochen. Und so nehme ich mir stattdessen vor, diese Gedanken aus der Fastenzeit mitzunehmen, auch in die Zeit nach Ostern. Die Einschränkungen dauern noch länger und Ostern ist dieses Jahr wohl nicht der freudige Endpunkt des Verzichts. Das ist eine Enttäuschung, aber die gehören zur Zeit wohl noch mehr dazu als sonst.

Antje Kirchhofer-Griasch wohnt in Aarau und ist Pfarrerin in der christkatholischen Kirchgemeinde Schönenwerd Niedergösgen.