Aus Niederämter Sicht
Das Wetter spinnt!?

Urs Huber
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Bruno Kissling

Wenn Sie diese Zeilen lesen, hoffe ich, die Wetterprognosen für diese Woche sind eingetroffen: Endlich ein paar Sommertage, nach gefühlten 100 Jahren. Es war nicht nur ein nasser Sommer, es war Wasser im Überfluss, zuerst von oben, dann kam es über Seeufer, Flussufer und Bachufer.

Überall kleinere oder grössere Schäden und Überschwemmungen. Was das bedeutet, da kann ich mitreden, respektive mitleiden. In der Nacht auf den 9. August 2007 wachte unser Quartier in einem See auf, ich wohne notabene nicht direkt an der Aare, 400m davon weg. Was für ein Desaster in unserem Keller, ein Tag lang Wasser bis an die Kellerdecke, alles schwimmt in einer Dreckbrühe rum, 5 cm Lehm im ganzen Keller. Mit vielen FreundInnen räumte ich tagelang auf. Drei Wochen keinen eigenen Strom, Zwei Monate Entfeuchtungsgeräte im Keller bevor man «renovieren» konnte, kurz vor Weihnachten lief endlich die neue Heizung. Uns erwischte es sicher extrem, aber das ganze Quartier erwischte es massiv.

Das damalige Hochwasser war in seinem Ausmass zwar einer Fehleinschätzung durch die «Wasserablasser» aus dem Bielersee geschuldet. Aber da es ständig und überall an Emme und Aare Schäden gab, entschloss sich der Kanton, auch im Niederamt in den Hochwasserschutz zu investieren. Es hat sich gelohnt, definitiv. Heute können wir sagen, die Massnahmen in unserem Quartier und an anderen kritischen Stellen haben sich bewährt. Es schläft sich eindeutig besser, mit unserem Schutzdamm.

Als ich die ersten Bilder vom Aarebistro in Olten sah, ging ich zur Fährebrücke an die Aare um zu sehen, wie die Lage ist. Hoch, aber ruhig. Und da sah ich ein Bild, symbolischer geht es nicht: Auf dem Damm unter der Brücke standen die direkten Anwohner. Sie waren jahrelang regelmässig von Hochwasser betroffen. Sie standen da jetzt zusammen, sahen mich und winkten. Ich kniff meine Augen zusammen und tatsächlich: Sie standen um einen kleinen Tisch auf dem Damm, wohl eine Flasche zum Anstossen darauf.

Nicht alle hatten dieses Glück. Flüsse wie Aare und Emme zu zähmen, und dabei der Natur und dem Wasser mehr Platz zu geben, das haben wir gelernt. Wenn nun aber das Klima so dreht, dass es immer mehr zu solch unglaublichen lokalen Starkregen kommt, dass Dorfbäche in Trimbach, Winznau, Lostorf, Stüsslingen und auch in Obergösgen massiv anschwellen, überlaufen und Wasser und Dreck einen Irrweg durch die Dörfer nehmen, das wird schwierig. 2007 dachte ich, viel Wasser ist schlimmer als Feuer, man ist so machtlos. Feuer könnte man noch mit Wasser bekämpfen. Wenn ich nun aber all diese Feuerbrände im Süden sehe, ich muss sagen, ich möchte nicht tauschen.

Meine Frau ist in Süd-Marokko aufgewachsen und wir sehen die andere Seite des wohl gleichen Problems. In Agadir am Meer ist es schön angenehm, aber in der Region ihrer Familie 100 Km weg wird es immer problematischer. Es ist trocken, viel zu trocken und das seit Jahren. Wo früher überall Quellen waren, im Frühling das Wasser schier von selbst aus der Erde kam, ist alles versiegt.

Wochenlang 44 Grad heiss, das ist auch da einfach nicht normal. Hinter dem Dorf in der Ebene beginnt bald mal der Atlas, ein Gebirge von der Länge und Höhe der Alpen. Das war mal der Garant für die Wasserversorgung. Regen staute sich am Gebirge, im Winter mit Schnee in Höhenlagen, man baute viele Stauseen, damit das Wasser auch im Sommer zur Verfügung stand. Aber wenn es schlicht nicht mehr regnet, nützen dir auch Stauseen nichts.

Zuviel Wasser ist gefährlich, mühsam und schadenträchtig. Ohne Wasser gibt’s kein Leben.

Ich denke: Das Wetter, also das Klima, spinnt nicht – wohl eher wir Erdenbewohner sind die Spinner. Ursache und Wirkung sollte man nicht verwechseln.

Urs Huber ist Sekretär Schweizerischer Eisenbahnerverband (SEV), SP-Kantonsrat und lebt in Obergösgen.

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