Aus Niederämter Sicht
Das waren noch Zeiten

Thomas Vogt
Thomas Vogt
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Nadja Tratschin (Archiv)

Letzten Samstagabend traute ich meinen Ohren nicht, als die Glocken der Stüsslinger Kirche alle 11 Minuten zur vollen Stunde schlugen. So war es um 1.45 Uhr, plötzlich 6 Uhr und um 1.56 Uhr bereits 7 Uhr. Das Glockenorakel von Stüsslingen vermutete Elfmeterschiessen im EM-Final am Sonntag, und kündete dies voller Vorfreude mit Glockenschlägen alle 11 Minuten an. Spannend, aber ans Schlafen bei offenem Fenster war nicht mehr zu denken, denn das intensive Geläut erstreckte sich bis weit in den Morgen hinein.

Einige Wochen vorher, als die Nächte noch nicht für Fussballspiele reserviert waren, hatte ich an einem wunderschönen Montagabend Zeit, unsere herrliche Umgebung auf ein Neues zu erkunden. Nördlich von Rohr, das jetzt offiziell zur Gemeinde Stüsslingen gehört, fand ich mich auf dem Parkplatz bei der Schafmatt ein. Es ist der ideale Ausgangsort für Wanderungen und andere Freizeitaktivitäten. Vermutlich stattete ich dem Jurapass erstmals vor 50 Jahren mit meinen Eltern zum Schlitteln einen Besuch ab, und das Ziel der ersten Schulreise war bestimmt auch die Schafmatt.

Allerdings erinnere ich mich nur noch daran, wie das von meiner Oma gestrickte Jäcklein Feuer fing, weil ich es zu nahe an der Grillstelle abgelegt hatte. So kam ich dann mit einem schlechten Gewissen und einem halben Stück verbrannten Wollfetzen zu Hause an. Doch heute sollte so was nicht passieren, denn es präsentierte sich ein warmer und klarer Abend, und ich rechnete mit vielen Wanderern. Doch weit gefehlt. Auf der Route Unter Geissflue (mit Blick auf die Sternwarte), Hinter Geissflue sowie Geissacker und durch den Wald auf die Rohrer Platte begegnete ich keiner Menschenseele. Viel Zeit also, um die schöne Aussicht zu geniessen, aber sich auch an die wilde Jugendzeit zu erinnern.

Es war das «Töfflibuebe-Alter», wo wir vor allem in der warmen Jahreszeit die Strassen in der der Umgebung unsicher machten, und oft an Wochenenden - vorzugsweise an der Aare oder an anderen schönen Feuerstellen - campierten oder einfach die Nacht draussen verbrachten.

Dazu gehörte auch die Brätelsstelle auf der Rohrerplatte, von wo man eine herrliche Aussicht ins Mittelland geniessen kann, und es im Winter ausserordentlich schöne Sonnenaufgänge zu bestaunen gibt. Die Zutaten für so eine Feuernacht waren recht simpel: Schlafsack oder Wolldecke, grosser Ghettoblaster mit Ersatzbatterien, 2 Kisten Bier, genug Zigaretten für Raucher, Zündhölzer und etwas zum Bräteln. Wurde etwas vergessen, konnte das noch unterhalb der Schafmatt besorgt werden, als der Röbu noch auf dem Berggasthof Balmis wirtete.

Meistens verliefen diese Abende recht identisch: Nach euphorischem Start mit Singen, Prosten, Holz suchen und Feuern, wurde es nach der ersten Wurst etwas ruhiger. Während sich die einen nahe am Feuer platzierten und über Gott sowie die Welt sinnierten, suchten andere stolpernd nach mehr Brennbarem in der dunklen und abschüssigen Umgebung. Der Rest der Truppe tanzte und sang zu Klängen aus der Lärmbüchse, bis die letzten Ersatzbatterien ihren Geist aufgaben. Es soll sogar den einen oder anderen gegeben haben, der beim Austreten über die Platte in die Tiefe stützte, ohne sich zu verletzt zu haben. Ich hielt und halte das für ein altes Rohrer Märchen.

Danach lichteten sich die Reihen der Draussenschläfer und je länger die Nacht dauerte, desto unbequemer und kälter wurde die Situation ums Lagerfeuer. Doch der wahre Kern harrte jeweils bis zur Dämmerung aus und brach erst dann auf, als das Restaurant Jura in Lostorf öffnete. Dort servierte Käthi frische Gipfeli und warmen Kaffee; was für eine Wohltat nach einer Nacht im Freien. Vermutlich habe ich ihr nie dafür gedankt, was ich jetzt mit grosser Verspätung nachhole.

Es waren schöne Erlebnisse in der Natur und Freiheit, obwohl jeweils am Sonntag Rücken und Glieder schmerzten, alle Kleider übel nach Rauch stanken und der Tag zum Nachholen des Schlafes draufging. Heute schlafe ich doch lieber in meinem bequemen Bett bei offenen Fenstern, auch wenn die ganze Nacht die Kirchglocken läuten.

Thomas Vogt lebt in Stüsslingen und ist Geschäftsführer der Vogt AG für Verbindungstechnik.

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