Aus Niederämter Sicht
Biodiversität vor der Haustüre

Raphaela Glättli-Gysi
Raphaela Glättli-Gysi
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Severin Bigler

Was bleibt unseren Kindern vom vergangenen Jahr in Erinnerung? Sicher Vieles im Zusammenhang mit den Massnahmen rund um Corona. Aber auch, dass wir während des Lockdowns mit geschlossenen Schulen noch nie so oft unter der Woche im Wald waren, wir sogar dort Schule abhielten, ausgerüstet mit Schulmaterial und Bleistift.

Häufig war aber der Rucksack auch gepackt mit Proviant und einem kleinen Nachschlagewerk über heimische Pflanzen- und Tierarten. Und mit viel Platz für gefundene Versteinerungen und Pflanzen zum späteren Pressen. Sehr stolz waren unsere Kinder, als sie bei der Erstellung zweier jagdlich genutzter Freihalteflächen zusammen mit Pächtern der Jagdgesellschaft und dem Forstwart im nahen Buerwald mittun durften. Das Ziel dieser Freihalteflächen ist, dass man den Rehen andere Nahrung anbieten kann, um sie so vom Verbeissen junger Weisstannen und Douglasien abzuhalten.

Die Jungpflanzen dienen der Naturverjüngung in unseren Wäldern und sind seit Jahren Bestandteil der kantonalen und nationalen Biodiversitätsprogramme im Wald. Die jagdlich genutzten Freihalteflächen sind Teil des kantonalen Förderprogramms Wald 2020 bis 2024. Solche Förderprogramme zur Erhaltung und Verbesserung von Biodiversität in allen Lebensräumen in der Natur und der Naturschutz im Allgemeinen haben in der Schweiz und speziell im Kanton Solothurn eine lange Tradition. Das «Solothurner Modell» hatte bereits in den 1980er-Jahren eine Vorreiterrolle inne.

In jene Zeit fiel auch die Ausscheidung des Naturreservats Bettlachstock, was der Startschuss für die Schaffung von Waldreservaten war. Seit 1992 gibt es im Kanton Mehrjahresprogramme Natur und Landschaft. Im Jahre 2011 wurden die Programme durch das Förderprogramm Biodiversität im Wald ergänzt. Anfang März trat das neue Programm 2021 bis 2032 in Kraft. Für renaturierte Kiesgruben, Fliessgewässer und Seen sowie weitere Lebensräume gibt es natürlich auch Förderprogramme für den Erhalt der Vielfalt.

So durfte ich vor einigen Jahren die «Zügelaktion» von Gelbbauchunken in eine restrukturierte Kiesgrube einer Nachbargemeinde miterleben. Die Unken wurden von Schulkindern in Eimern gezügelt. Die Unken, Kreuzkröten und Laubfrösche waren damals sehr gefährdet. Diese Tiere waren ursprünglich in Auenwäldern zuhause, wurden dann aber durch die Flussbegradigung und den Bau von Wasserkraftwerken verdrängt.

Mit der Zeit merkte man, dass diese drei Arten sowie noch viele weitere, insbesondere Vögel und Insekten, aber auch Pflanzen sich in Kiesgruben sehr wohl fühlen. Für die Gelbbauchunken im Speziellen gräbt man die Kiesgruben alle zwei Jahre um, so dass neue Tümpel und Flachgewässer entstehen. So konnten schon zwei Jahre später nach meinem ersten Besuch mehrere Jungpopulationen von Gelbbauchunken gezählt werden. Genau aus diesem Grund bleiben die beliebten Sandbänke unserer Kindheit «Sperrzone».

Man hofft dort etwa auf eine Neupopulation des Flussregenpfeifers. Und man kann so viele Eisvögel aus der Ferne beobachten wie noch nie in den letzten Jahren. Zurück zur Biodiversität im Wald: Etwa 60 Prozent der heimischen Pflanzen, Tiere, Pilze und Bakterien sind auf den Lebensraum Wald angewiesen. Ich glaube, wir, aber besonders unsere Schulkinder können viel im Wald lernen.

Wer weiss, vielleicht versteckt sich im Wald unter einem Ast- oder Steinhaufen schon bald eine Wieselfamilie, welche dafür sorgt, dass es auf Wiesland und bei Obstbäumen weniger Wühlmausschäden gibt. Auch ein Projekt des laufenden Diversitätsprogramms. Wir machen auf jeden Fall wieder Waldschule in den Ferien.

Raphaela Glättli-Gysi Sprachkursleitende für Deutsch, ECAP, wohnt mit ihrer Familie in Lostorf.

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