Aus Niederämter Sicht
Auf Walfang im Dorf

Melina Aletti
Melina Aletti
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Kathrin Schelker (Archiv)

«Frau Aletti, ich habe gesehen, Ihr Vater ist auf Walfang», sprach mich mein damaliger Chef vor den Gemeindepräsidiumswahlen 2018 an. «Ja, er ist im Wahlkampf», habe ich geantwortet, nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden hatte. Nein, er habe wirklich Walfang gesagt. Ich hatte mich also nicht verhört. Walfang; das Bild gefällt mir, denn es geht schliesslich darum, wer mehr Fische an Land zieht.

In meiner Familie hat sich der Ausdruck seither etabliert und hilft, dem ganzen etwas Ernsthaftigkeit zu nehmen. Denn ein langer Wahlkampf, oder eben die Walfangsaison, kann schon an die Substanz gehen. Sicherlich haben deshalb viele diese Woche gedacht: «Uff, es ist durch.» Die einen, weil nun endlich die ewiglachenden Köpfe von Strassenrändern und Zeitungsseiten verschwinden. Die anderen, weil mit den eintreffenden Wahlresultaten viel Druck abfällt, egal wie’s gelaufen ist.

Nach einigen Dankesworten und Gratulationen wird es auf den Social-Media-Kanälen der politisch Engagierten ruhiger und einige werden sich in veritable U-Boote verwandeln: Sie tauchen erst kurz vor den nächsten Wahlen wieder bei Facebook oder Instagram auf. Wobei diese möglicherweise weniger werden, war doch der Wahlkampf auf Social Media noch nie so wichtig.

Sonst blieb nicht viel anderes übrig als zu Hause zu sitzen, sich zu wundern wie ruhig alles verläuft und zu warten, bis es vorbei ist. Wobei nur das Buhlen um Stimmen vorläufig vorbei ist, die wirkliche politische Arbeit fängt für die Gewählten erst an. Es gilt, sich in Geschäfte einzulesen, mancherorts gibt es Ressorts im Gemeinderat zu verteilen, andernorts stehen die Gemeindepräsidiumswahlen an. Die Situation in den Dörfern unserer Region ist ähnlich, aber längst nicht gleich. Ich beispielsweise kann gar nicht beurteilen, ob und wie der Wahlkampf im Dorf von Corona beeinflusst worden ist, da es in Niedergösgen seit ich wählen kann noch nie richtige Gemeinderatswahlen gab. Ich begnüge mich also vorläufig damit, zur Kenntnis zu nehmen, welche 9 von über 2’000 Stimmberechtigten sich für dieses Amt zur Verfügung stellen. Immerhin sind sie aus verschiedenen Parteien.

Wenn die Interessierten für Ämter in der Gemeinde rar sind und intensiv nach ihnen gesucht wird, hört man oft folgendes: Im Dorf müsse man Sachpolitik machen, es gebe keinen Platz für Parteipolitik, die Parteizugehörigkeit spiele keine Rolle. Hauptsache genügend engagierte Personen für den Gemeinderat, es sei ja schon schwierig genug, überhaupt welche zu finden. Da stellt sich die Frage, was denn diese ominöse Sachpolitik ist. Heisst das, über Wasserleitungen zu diskutieren? Einen Kredit zu sprechen für die Renovation des Schulhauses oder die Gebührenordnung zu überarbeiten? Gehören Betreuungsgutscheine für Familien oder ein neues Jugendzentrum auch noch dazu oder ist das bereits Parteipolitik?

Schnell merkt man, eine Grenze zu ziehen ist nicht einfach. Gerade deshalb finde ich es auch nicht angebracht, Ideen anderer Menschen als Parteipolitik abzutun, während man seine eigenen Ideen als Sachpolitik lobt. Am Schluss ist und bleibt es Politik, wo es darum geht, zu diskutieren, Meinungen abzubilden, Kompromisse einzugehen und Lösungen zu finden. Und zwar als Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Ideen und Parteizugehörigkeiten.

Das ist zum Glück in Niedergösgen neu wieder der Fall, auch wenn wir den Gemeinderat nicht wählen durften. Vielleicht ist es ja diesmal mehr Segen als Fluch, dass schon in vier Jahren die nächste Walfangsaison ansteht und ich hoffe, dass es dann einen Wahlzettel auszufüllen gibt.

Melina Aletti ist Pharmaziestudentin und lebt in Niedergösgen.

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